Unterm Lyrikmond

Gedichte lesen und hören, schreiben und interpretieren

Gedichte über Vergänglichkeit 1

Was wird, vergeht, so könnte man sich ungereimt die Vergänglichkeit zusammenreimen. Die Damen und Herren Dichter haben das Thema natürlich wesentlich eleganter und ausführlicher beackert. Die Auswahl beschränkt sich auf die Gedichte der Moderne. Für ältere Stücke über die Vergänglichkeit seit dem Barock ist Seite 2 zuständig.

 

Nachdenken über Vergänglichkeit

Hugo von Hofmannsthal sucht beim Thema Vergänglichkeit die Verbindungen zu anderen Menschen, zu sich selbst und seinen Ahnen.

Hofmannsthal: Über Vergänglichkeit

Dieses Gedicht im TextformatZur Interpretation des Gedichts Über VergänglichkeitGedicht per E-Mail versenden

 

Terzinen über Vergeblichkeit

Terzinen, ein altes italienisches Strophenmuster – allerdings nicht gereimt, sondern nur assonierend –, dienen zur Veranschaulichung der Vergeblichkeit allen menschlichen Treibens.

Emanuel Mireau · geb. 1974

Vergeblich

Vergeblich fliehst du aus Städten.
Vergeblich isst du kein Tier.
Vergeblich dienst du den Menschen.

Vergeblich liebst du dein Kind.
Vergeblich folgst du den Flüssen.
Vergeblich suchst du nach Sinn.

Vergeblich liest du in Büchern.
Vergeblich wahrst du die Form.
Vergeblich ringst du um Würde.

Vergeblich sprichst du zu Gott.
Vergeblich schreist du um Hilfe.
Vergeblich bittst du den Tod.

Vergeblich schreibst du:
Vergeblich …

UrheberrechtshinweisGedicht per E-Mail versenden

 

Vergänglichkeitstrümmer

Mit Bildern, die an Gedichte des Barock erinnern, wird in diesem Gedicht der Sieg der Natur über die Vergänglichkeit menschlichen Strebens geschildert.

Rolf Wolfgang Martens · 1868-1928

Zwischen des moosbewachsenen Marmortrümmern ...

Zwischen des moosbewachsenen Marmortrümmern
weiden Schafe.

Auf grünen Stängeln
nickt Mohn.

Um die zerbröckelnden Strebepfeiler der verfallnen Kathedrale
faulen Froschtümpel.

Hier oben
stand das Schloss.

In seinen Kerkern
spielen Eidechsen im Sonnenschein!

Gedicht per E-Mail versenden

 

Vergänglichkeit eines Hauses

Lange Zeit sieht ein Haus so aus, als ob ihm die Vergänglichkeit nichts anhaben könnte. Wenn’s dann aber doch bröckelt, geht es noch schlimmer zu Ende als beim Menschen, denn das Skelett bleibt stehen.

Leo Sternberg · 1876-1937

Das Haus

Ich habe mich nicht gebaut,
Ich habe mich nicht zerstört,
Habe vielen gedient,
Mir nie gehört.

Es zog manches Fest durch den Saal –
Wie hat das oben gelacht!
Unten drunter saß
Aber doch die Nacht.

Es glänzte die Sonne herein,
Es glimmten die Sterne herein,
Was ins Fenster geht:
Ein bisschen Schein.

Jetzt ohne Tür und Dach –
Ich sehe wohl weiter umher,
Keine Seele aber wohnt
Auch im Innern mehr.

Durch die Scharten der Wand noch ein Wind
Hier heraus und dort herein!
Wie bald und auch das
Wird gewesen sein.

Gedicht per E-Mail versenden

 

Lebenslauf

Auch wenn der Titel etwas Anderes andeutet, geht es diesem Gedicht nicht um eine Naturbeschreibung aus Rügen. Vielmehr wird ein Naturbild genutzt, um über die Vergänglichkeit zu sinnieren.

Friedrich Adler · 1857-1938

Auf Rügen

Unten schäumt das Meer empor,
hier zu meinen Füßen
springt ein Quell aus moosigem Tor,
froh, den Tag zu grüßen.

Und die junge Welle blitzt
auf im Sonnenstrahle,
überstürzt und überhitzt
hastet sie zu Tale.

Fast mit einem einzigen Blick
kann ich übersehen
ein vollendetes Geschick,
Werden und Vergehen.

Lange oder kurze Bahn,
arme oder reiche –
In dem weiten Ozean
ist die Ruh’ die gleiche.

Gedicht per E-Mail versenden

 

Vergänglichkeit mit einer Prise Humor

Es muss nicht immer der ernste, mahnende Tonfall beim Thema Vergänglichkeit sein. Wenn man eh nichts zu verlieren hat, weil man eh verliert, kann man die Sache auch mit Humor nehmen.

Frederike Frei · geb. 1945

Um die Ecke ...

Mit Schreibpapier wird der Tag neu
bezogen. Dass er überhaupt kam, ein
Wunder. Ich kann und kann mich nicht
dran gewöhnen. Eines Tages bleibt er
mir weg,
ich sehe es kommen. Kaum schau ich
voraus, liegt das Leben
hinter mir.
Ich lauere aufs Ende. Es
kann mir nicht langsam genug gehen,
diese Droge
zu Gemüte zu führen.
Ich im
Mittelpunkt.
Wie sie mich
aufs Treppchen heben,
das immer zu
hoch war für mich aus dem Stand.
Erst der Tod macht mich leicht.

Neuerdings wohnt er
auf meinem Heimweg.
So wie er
dasteht, überlebt er
mich lässig. Kein Schwein kommt
gegen ihn an.
Ganz Hamburg nehme ich gut und gern
mit ins Grab.
Doch diese schwarzblanke Marmorfassade,
Ölzweig im Schilde,
wird das letzte Wort
behalten. Sie will mich kennen lernen
als Leiche. Starrt sie mir nach? Macht
sie sich schon an mich ’ran? Am Nachbarn
hat sie sich bereits vergriffen. Wie
komme ich morgen bloß live dran vorbei?
Jahrelang hab ich den Sargladen übersehen,
da lebte ich
ewig.

UrheberrechtshinweisGedicht per E-Mail versenden

Kommentar:
Mehr Texte von Frederike Frei: www.frederikefrei.de

 

Nächtliche Vergänglichkeitsgedanken

Nachts sind nicht nur alle Katzen grau, sondern manchmal auch die Gedanken. Karl Kraus zeigt dies in einem auch formal streng durchkomponierten Gedicht.

Kraus: Nächtliche Stunde

Dieses Gedicht im TextformatGedicht per E-Mail versenden

Kommentar Karl Kraus:
Man ermesse aber die ungewollte Monotonie, den Gräuel einer Ödigkeit, die entstünde, wenn in diesem Gedicht die Schlusszeile in einem Reim auf „vergeht“ abwechselte. Doch vor der Möglichkeit solcher Abwechslung sichert es der durchwaltende Wille, hier nur wiederholen und nicht einklingen zu lassen; der einzige Reim, aus dem es besteht, dreimal gesetzt: „wende – Ende“ gibt die ganze Trübnis des Gedankens, welcher die Dissonanz: Tag, Frühling, Tod – entspricht.
(Aus: Karl Kraus, Der Reim, in: ders., Gedichte und Aufsätze zur deutschen Sprache, Bremen 2013, S. 42)

 

Vergänglichkeit und Zeit

Ein nicht einfach zu erfassendes Verb nutzt Otto Pick, um einen Gegensatz zwischen der Zeit und unserer Vergänglichkeit aufzubauen.

Otto Pick · 1887-1940

Wie lange noch ...

Die Zeit entstirbt so dir wie mir,
Wie lange noch bestehn wir hier?
Was gibt uns Mut zu Wort und Tat?
Ist, dass wir sind, nicht schon Verrat
Am Gang der Zeit, die uns nicht braucht,
Die ohne uns ins Leere taucht,
Wie sie uns jetzt herunterreißt,
Den Frommen wie den Feuergeist.
Die Zeit entstirbt. Wir sind noch hier ...
Rafft’s mich nicht fort, so gilt es dir.
Was unser war, Leid, Schmerz und Glück:
Vorbei, vorbei ... Ins Nichts zurück.

Gedicht per E-Mail versenden

 

Die Lebenswelle

„Alles fließt“, sagten die alten Griechen und das lyrische Ich in diesem Gedicht möchte auf seiner kleinen Welle mitschwimmen, auch wenn das Ende im Meer unausweichlich ist.

Adam Kuckhoff · 1887-1943

Vita undae

Tu wie du willst, meine Welle:
Trage mich langsam, trage mich schnelle!
Aber – trage mich!

Führ mich durch sanfte, blumige Wiesen,
magst durch schäumende Schluchten fließen.
Aber – fließe!

Einmal braust doch der Sturm daher.
Einmal, ja, einmal –
Welle, o Welle! Schon seh ich das Meer!

Gedicht per E-Mail versenden

 

Vergänglichkeit in Daktylen

Der Leben vergeht noch viel schneller, wenn es in Daktylen gelebt wird, wie dieses Gedicht über die Vergänglichkeit eindrucksvoll zeigt.

Richard von Schaukal · 1874-1942

Wir

Leiden und Scheiden,
Schwinden und Gehn,
Lassen und Meiden,
Sinken, Verwehn:

nirgend nur weilen,
nimmer noch Ruh,
wallen wir, eilen,
Dunkel, dir zu.

Gedicht per E-Mail versenden

 

Vergehen verstehen

Sich mit der Vergänglichkeit abzufinden, ist nicht einfach, aber letztlich versteht man, dass es so sein muss. Tröstlicherweise deutet „vergehen“ ein gemächliches Tempo an. Es gibt jedoch ein Wort in der deutschen Sprache, das wesentlich radikaler den Prozess der Vergänglichkeit beschreibt, wie das folgende Gedicht zeigt.

Hans-Peter Kraus · geb. 1965

ein schwerer Gang

stehen heißt nicht gehen
vergehen heißt nicht stehen
bleiben zu können
verstehen heißt weiter zu gehen
vergehen zu verstehen ist
ein großer Schritt im Menschenleben
das Wort Lebenslauf
in seiner ganzen Tragweite
zu verstehen
bleibt für den Verstand dennoch
ein schwerer Gang

UrheberrechtshinweisGedicht per E-Mail versenden

 

Ein Gedicht sehr wahrscheinlich zur Vergänglichkeit

Dies ist eins dieser Gedichte, bei denen man als Schüler möglicherweise Alpträume kriegen würde, müsste man es interpretieren. Ich bin zumindest sicher, dass es hier um das Thema Vergänglichkeit geht. Alles Andere überlasse ich den Alptraumgeplagten.

Emanuel Mireau · geb. 1974

Plädoyer für die Nacht

Die Nacht ist ein Baum,
groß und schweigend,
der seinen Schatten
sanft über die Steine legt.

Der Tag ist ein Blumenbeet,
schreiend bunt,
durch dessen Grund sich blinde Würmer winden.

Das Blumenbeet ist schnell zertreten,
die Würmer sind leichte Beute.
Doch wehe,
wehe! der Baum wird gefällt.

UrheberrechtshinweisGedicht per E-Mail versenden