Unterm Lyrikmond

Gedichte lesen und hören, schreiben und interpretieren

Trennungsschmerz im Gedicht

Wenn es einen ganz fies erwischt hat und der Trennungsschmerz ziemlich arg ist, mag es vielleicht ganz tröstlich sein, dass es anderen nicht besser erging, und doch: Sie haben es überlebt. Natürlich kann man bei einem Gedicht oft nicht sagen, in wie weit hier Kunst und Biographie vermischt sind. Ich wage jedoch die steile These, dass die besten Gedichte zum Trennungsschmerz persönliches Erleben involvieren.

 

Moderner Trennungsschmerz

Ganz im 21. Jahrhundert angekommen ist dieses Gedicht über Trennungsschmerz: Nicht mehr die schwarze Nacht, sondern ein schwarzer Bildschirm ist das zentrale Bild des Gedichts.

Georgi Kratochwil · geb. 1979

Schwarzer Bildschirm

Kein Mucks,
der Bildschirm bleibt schwarz.
Da hilft kein Forschen,
da hilft kein Rütteln,
der Bildschirm
bleibt schwarz.

Gestern
war noch alles in Ordnung,
nichts
deutete die Katastrophe an.
Nun
bin ich wie …
ausgestoßen,
abgeschnitten.

Die Tür geht zu,
dein Schlüssel liegt
verlassen auf dem Küchentisch,
ein fremdartiges Wesen
aus einer vergangenen Zeit.
Der Bildschirm

bleibt schwarz.

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Das Leben nach der Trennung

Was ist das für ein Leben nach der Trennung? Der Lebensfluss fließt weiter, aber ...

Walter Calé · 1881-1904

Verzagend hast du mir die Hand geführt

Verzagend hast du mir die Hand geführt
und spürtest schauernd meines Fingers Kühle
und bogst dich schauernd meinen Lippen fort
und schienest dir so leid- und schmerzensreich
und gingest tränenvoll an mir vorbei.

Ich aber habe keine Tränen mehr,
ich höre deine Seele weiter strömen
gleich einem Bach im Dunkel hinter uns,
– lang bin ich ihm begegnet, lang vorbei –
er seufzt den Traum von gestern immer noch.

Doch unten gehn wie Boote meine Tage,
darinnen stumm das kühle Leben sitzt,
ich spähe nur und winke nur und rufe,
mein Leben achtet meiner Rufe nicht.
Mein eigen Leben gleitet stumm vorbei.

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Kommentar:
Hat jemand die Reime vermisst? Ich meine, dieses Gedicht zeigt, dass es auch ohne geht, ohne dass dabei viel an Klang verloren geht. Der Dichter hat sich hier der Blankverse bedient. Das sind Verse, die immer fünf Hebungen haben und ein regelmäßiges Unten-oben bei der Betonung, also ein Jambus.

 

Trennung und Erinnerung

Die Erinnerungen, die Bilder, die Filme im Kopf, sind nur schwer loszukriegen, wie dieses Gedicht zu einer Trennung zeigt.

Ernest Dowson · 1867-1900

Trübsal

Ich war nicht traurig, keine Tränen liefen,
Und alle die Erinnerungen schliefen.

Der Fluss wurd’ immer weißer, seltsam gar,
Den ganzen Tag bis abends saß ich starr.

Den ganzen Tag bis abends Regen fiel,
schlug gegen Scheiben, welch ein trostlos Spiel.

Ich war nicht traurig, aber gänzlich müd
Von dem, worum ich mich so lang bemüht.

Und ihre Lippen, ihrer Augen Schein,
Die ließ ich Schatten eines Schattens sein.

Den ganzen Tag mein hungrig Herz verkam,
Vergaß die Liebe bis der Abend kam,

Der mich so traurig machte, Tränen liefen,
Weil die Erinnerungen niemals schliefen.

Übertragen aus dem Englischen von Hans-Peter Kraus

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Kommentar von Hans-Peter Kraus zur Übertragung:
Der Titel des Originals lautete Spleen, was ein sogenannter false friend ist. Denn im Deutschen ist ein Spleen eine Marotte oder Verrücktheit, doch im Englischen bezeichnet es eigentlich eine schlechte Laune von Traurigkeit bis hin zur Wut. Für dieses Gedicht schien mir Trübsal der passende Begriff, obwohl man letztlich sogar sagen könnte, dass der „deutsche Spleen“ auch als Titel passen könnte.

 

Ein Trennungsgedicht von Rilke

Die horchende Stille nach einer Trennung versucht Rilke in diesem Gedicht einzufangen.

Rilke: Wie meine Träume nach dir schrein ...

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Nachtmensch

In diesem Trennungsgedicht wandelt sich einer zum Nachtmensch, der auch zur toten Stunde um drei noch den Trennungsschmerz verarbeitet.

Georgi Kratochwil · geb. 1979

Morgens um drei

Ich bin wie ein Mensch,
der morgens um drei
zum Fenster hinaussieht.
Und nichts ist zu sehen,
und nichts ist zu hören,
Gedanken umkreisen
vergangenes Glück.

Ich bin wie ein Mensch,
der morgens um drei
zum Fenster hinaussieht
und unwiderstehlich
das Drängen verspürt,
den Kopf durch die Scheibe zu stoßen.
Und du? Fühlst dich gut?

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Rache

Auch Rache ist ein Gefühl, das einer Trennung folgen kann. Die Ausführung in diesem Gedicht zeigt das Kindliche dieses Gefühls.

Georg Stolzenberg · 1857-1941

Der Nelkentopf

Der Nelkentopf,
noch aus deiner Zeit,
treibt wieder Blüten.

Deine Lieblingsblumen!

Ich reiße sie aus.

Zerpflücke sie!

Und freue mich, wie ich dein fernes Herz verwunde.

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Das Grauen nach der Trennung

Die graue, trostlose Stimmung nach einer Trennung schildert Arno Holz hier in freien Versen.

Arno Holz · 1863-1929

Draußen ... die Düne ...

Draußen ... die Düne.

Einsam das Haus,
eintönig,
ans Fenster ... der Regen,

Hinter mir,
tiktak,
eine Uhr,
meine Stirn
gegen die Scheibe!

Nichts.

Alles vorbei!

Grau der Himmel,
grau die See
und grau ... das Herz.

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Die Zeit danach

Die Bestandteile eines Trennungsgedichts wie Erinnerung an und die Trauer um die verlorene Liebe sind auch hier vorhanden. Doch am Schluss entdeckt das lyrische Ich etwas Neues.

Alexander Werner · geb. 1988

Einmal Zurück

Es war einmal die große Liebe;
Sie schien so grell und farbenfroh.
Ein jeder Tag war so erfrischend
Und jede Nacht entbrannte lichterloh.

Nur schade, dass sie nicht verweilte;
Ein kleines bisschen länger hielt ich sie.
Nun mir die Tage wieder dämmern,
So melancholisch wie noch nie.

In meinem Herzen nur noch Sehnsucht,
In meinem Kopf Vergangenheit.
So ein Gefühl, das hatt’ ich niemals.
Ich sehe auf den Lauf der Zeit.

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Kommentar:
Mehr Gedichte von Alexander Werner finden Sie bei www.wortkunst-werner.de.

 

Gedicht vom Weben und Entweben

All die schönen Bilder, die man sich vom Anderen macht, müssen nach einer Trennung wieder zum Verschwinden gebracht werden. Das tut weh.

Hans Böhm · 1876-1946

Auf jedem Bild

Tag für Tag aus Kraft und Sehnsucht
Wob ich goldene Gewebe
Und du warst auf jedem Bild.
In den Augen strahlte Liebe
Gläubiger Mut auf Mund und Stirne
Und du warst auf jedem Bild.

Nacht für Nacht in milder Härte
Fäden zieh ich aus und Fasern
Und zerstöre Bild um Bild.
Schmerzen wild und unerträglich;
Ist’s mein Herz das ich zerreiße?
Ach du bist auf jedem Bild.

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Zu viel gesagt

Das ist ja oft so, dass man im Liebesüberschwang mehr verspricht als man am Ende halten kann. Das lyrische Ich in diesem Gedicht reagiert erstaunlich gefasst ob der Trennung, aber vielleicht ist es gar nicht so erstaunlich, wenn man sich anschaut, wie die Liebesschwüre auf die Verse verteilt wurden.

Georgi Kratochwil · geb. 1979

Was du gesagt hast

Du hast gesagt, für immer
und ewig wollen wir
zusammenbleiben.
Du hast gesagt, vertraue
mir, wie ich dir vertraue.
Du hast gesagt, dass nichts
und niemand uns jemals
wird trennen können.
Das hast du gesagt.
Und dann hast du gesagt:
Ich habe jemanden kennengelernt,
und dass es dir leid tut.
Und ich hab’s geglaubt.

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Gedicht-Geschichte von einer Trennung

Dieses Gedicht kann man zu den Erzählgedichten rechnen. Durch eine einfache Sprache, Knittelverse und unregelmäßige Abschnitte tritt das Lyrische in den Hintergrund zugunsten einer erzählten Geschichte. Die Einfachheit oder Gewöhnlichkeit, wie es im Titel heißt, erzeugt die Eindringlichkeit.

Albert Sergel · 1876-1946

Gewöhnliche Geschichte

Er hatte gesagt, ich müsse nun gehn,
wir könnten uns nie mehr wiedersehn,
auch dürften wir uns auf der Straße nicht kennen,
es müssten sich unsere Wege trennen.

Da bin ich still von ihm geschieden
und wusste nicht ein und wusste nicht aus,
ich habe die vollen Straßen gemieden
und weinte Tag und Nacht zu Haus.

Und neulich hab’ ich ihn doch gesehn
am Arm einer Andern vorübergehn.
Er freilich hat mich nicht erblickt,
ich hatte mich scheu in ein Haus gedrückt.
Sie sah so schön, so kindlich aus,
gewiss aus einem vornehmen Haus.
Er plauderte ihr von tausend Sachen,
sie zeigte die weißen Zähne beim Lachen,
und die Lippen so rot, wie von heißen Küssen ...

Da hat es mich zu Boden gerissen.
Wie lange ich lag, ich weiß es nicht.

Ich fühlte auf einmal ein bärtig Gesicht,
das beugte sich forschend über mich her,
ein Arzt, so schien es. Ich atmete schwer.
„Die arme Kleine“, so hört’ ich ihn sagen,
„man soll sie in ihre Wohnung tragen;
hat wohl seit langem nichts Rechtes gegessen,
zu eifrig über dem Nähen gesessen?“

Das sagte er so treu und schlicht.

Ich stammelte „Dank!“ und „Das alles nicht!“
Ich glaubte, ich könne wohl wieder stehn,
das würde schon bald vorübergehn.

Dann bin ich still davon geschlichen,
und dachte immer nur an den Einen,
des Bild mir nicht von der Seele gewichen,
und musste weinen ...

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