Unterm Lyrikmond

Gedichte lesen und hören, schreiben und interpretieren

Moderne Weihnachtsgedichte

Für die Auswahl der modernen Weihnachtsgedichte gibt es zwei Kriterien: Zum Ersten, die formale Gestaltung des Gedichts hebt sich vom Üblichen ab. Zum Zweiten, inhaltlich bringt das Gedicht eine Komponente herein, die jenseits des zu Erwartenden angesiedelt ist. So sind hier also auch Weihnachtsgedichte vertreten, die nicht zeitlich der Moderne zuzuordnen sind.

 

Ein Weihnachtsgedicht von Ringelnatz

Obwohl Ringelnatz in diesem Gedicht ein kindliches Gemüt anlegt, ist die formale Struktur etwas gewöhnungsbedürftig bzw. modern: Viele Zeilensprünge und die Strophenstruktur sieht aus wie gewürfelt.

Ringelnatz: Vorfreude auf Weihnachten

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Weihnachtsgedicht aus der wahren Welt

Das folgende Weihnachtsgedicht liest sich wie ein Schaufensteraushang. An seinem Status als Gedicht kann das nicht rütteln: Zeilenstil, vorwiegend Trochäus als Versmaß und Binnenreim sind eindeutige Signale.

Hans-Peter Kraus · geb. 1965

Kapitalistisches Weihnachtsgedicht im Schaufenster

Liebe kleine und große Kunden,

bald ist Weihnachten!
Ende September schließen wir.
Vielen Dank für eure Treue.

Euer
Schoko-Lococo-Team

PS: 50 % auf alles!!!

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Moderne und Mythos

Wilhelm Busch zeigt hier dem modernen Menschen, dass er dem Weihnachtsmythos nicht entkommen kann.

Busch: Der Stern

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Wintertod und Weihnachten

In diesem Gedicht wird das Thema Tod mit Weihnachten in Verbindung gebracht. Dadurch ergibt sich ein ganz anderer Spannungsbogen als bei klassischen Weihnachtsgedichten.

Wildenbruch: Weihnacht

Dieses Gedicht im TextformatGedicht in Anthologie

 

Der mediale Weihnachtszauber

Erich Mühsam rechnet ab mit dem Weihnachtsmythos, der zu seiner Zeit noch durch die Zeitung verbreitet wurde. Heute übernimmt das Fernsehen ganz selbstlos die Terrorisierung mit der heilen Weihnachtswelt.

Mühsam: Weihnachten

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Was ist Weihnachten?

Weihnachten wird in diesem modernen Gedicht als Traum geschildert. Wie alle Träume hat auch dieser den Nachteil, dass man irgendwann aufwacht.

Hans-Peter Kraus · geb. 1965

Weihnachten ist der Traum ...

Weihnachten ist der Traum
von einem kindlichen Paradies.
Alle Menschen sind freundlich,
Lichter leuchten warm,
es genügt,
in gutem Glauben die Hände
aufzuhalten und Geschenke glückselig
lächelnd zu empfangen.
Eine Woche später
beginnt das nächste Jahr.

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Weihnachten und die Götter

In klassische Vierzeiler getaucht ist dieses Weihnachtsgedicht und doch: Wer den „Göttern“ eine Kerze weihen will, bringt das christliche Weltbild durch Rückgriff auf vorchristliche Zeiten durcheinander, ist also schon wieder modern.

Goll: Weihnacht

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Der vermisste Weihnachtsstern

Auf der Suche nach dem wirklichen Weihnachten wird in diesem Gedicht der Stern von damals vermisst, denn er könnte auch heute noch gute Dienste leisten.

Wolfgang Rinn · geb. 1936

Auf der Suche nach Weihnachten

Ich werde Weihnachten sagen
und Fragender sein,
ich werde die Menschen auf Erden ertragen
und einsam sein,
ich werde versuchen mich einzureihen
in der Hirten Schar,
so wie es damals
vor zweitausend Jahren war,
ich werde suchen gehen das Kind,
auch wenn die Vielen
ringsum gegen mich sind.

Da der Stern, der den Weg zeigt,
verschwunden ist
in der Lichter Meer,
wird das Suchen heute
so unendlich schwer.
Ich wünsche mir ihn als Spiegelbild,
der, was außen einst,
nach innen wendet
und seine Ankunft dort
in Herzens Helligkeit beendet.

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Was Weihnachten ist

Näher dran als viele Autoren sich trauen, geht hier der Dichter an den Kern der modernen Weihnachtsbotschaft.

Georgi Kratochwil · geb. 1979

Weihnachtsbotschaft

Am Weihnachtsfest
da hängt was Ekles dran,
die Menschheit
wird ja nicht mehr klug.
Es ist
der ewige, vergebliche Versuch
zu zeigen,
dass man Liebe kaufen kann.

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Aus der Sicht der Erleuchteten

Dieses moderne Weihnachtsgedicht stellt im Predigtmodus die Sicht der derjenigen dar, die für das Weihnachtsfest das größte Opfer bringen, und damit sind nicht die Paketboten gemeint, obwohl die auch zu leiden haben.

Hans-Peter Kraus · geb. 1965

Weihnachtspredigt

Liebe Brüder und Schwestern,
vor vielen tausend Jahren kam
der Immergrüne in die Welt.
Er verkündete die Lehre vom Ewigen Grün
und mehrte stetig seine Anhänger.
Doch die Laubbäume
wollten nichts davon hören.
Höhnisch wiesen sie auf ihre vermoderten
Blätter am Boden und forderten:
Mach sie wieder grün.
Der Immergrüne, von der Wahrheit erfüllt,
würdigte sie keines Wortes.
Daraufhin wurden die Laubbäume zornig
und klagten ihn an vor dem Gericht des Dornbuschs.
Doch was weiß ein Dornbusch vom Ewigen Grün?
Und so kam es, dass der Dornbusch
in feuriger Unwissenheit sein Urteil sprach
und der Immergrüne wurde
von seinen willfährigen Dienern gefällt.

Liebe Brüder und Schwestern, wir wissen:
Das war nicht das Ende!
Am dritten Tag ist der Immergrüne
auferstanden,
und am 40. Tag fuhr er in den Waldboden
und wurzelte und grünte
ewiglich.
So möge uns der Glaube an das Ewige Grün
in den schweren Stunden leiten, die wir jedes Jahr
um diese Zeit erleben müssen.
Eine Zeit, in der die Laubgläubigen Millionen
von uns morden und dies grünlästerlich
Weihnachten nennen.
Doch wir wissen es besser:
Die Laubgläubigen werden vermodern wie die Blätter
und nicht wiederkehren und eines Tages
wird die Erde der Grüne Planet
und wir werden wurzeln in ihrem Boden
und grünen in alle Ewigkeit.
Amen.

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Gedicht übers Christkind

Wie es sich für ein modernes Gedicht gehört, werden klassische Vorstellungen über Bord geworfen und statt dessen Mythen neu gemischt.

Hans-Peter Kraus · geb. 1965

Heiligabendlegende

Wenn das Christkind am Abend vom Kreuze steigt,
sich in der Welt umsieht,
die Nägel aus den Händen zieht,
dann sprudelt es –
Geschenke.

Ob Gefolterter oder Folterer,
ob armer Wicht oder reicher Scheich,
das Christkind gibt allen gleich
und schneidet aus der Rippe sich –
Geschenke.

Ist das gute Werk vollbracht,
kriecht das Christkind in der Nacht
zum Kreuz zurück und lockert die –
Gelenke.

Ein ganzes Jahr hat es dann Zeit
angenagelt in Heiligkeit
sich auszudenken des nächsten Fests –
Geschenke.

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