Unterm Lyrikmond

Gedichte lesen und hören, schreiben und interpretieren

Gute-Nacht-Gedichte

Gedichte zum Einschlafen müssen keine Beleidigung für einen Dichter sein. Gut gemeint kann schließlich auch gut gemacht sein und in diesem Fall ein Gedicht zur guten Nacht sein. Als verwandtes Thema bieten sich die Abendlieder an.

 

Einschlaflied für Kinder

Der Dichter wäre sicher nicht beleidigt, wenn man ihm sagte, dass sein Gedicht zum Einschlafen ist.

Hans Retep · geb. 1956

Mondweise

Seid leise, leise, leise,
der Mond singt gleich die Weise
von einer guten Nacht,
die er euch mitgebracht:

„Im Strahlenlicht der Sonne
ist Schlafen keine Wonne,
nur stille Dunkelheit
bringt wohlig Schlafenszeit.

Ich male in der Ferne
für all die Kinder Sterne
mit Gold ans Himmelszelt,
so wie es euch gefällt.

In meinem sanften Scheine
schläft niemand hier alleine;
von meinem Licht bewacht,
wird kusch’lig diese Nacht.

Nun legt euch lieb zur Ruh,
macht beide Augen zu,
und folgt der Schäfchen Reise
ganz leise, leise, leise.“

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Ein Wiegenlied

Ebenfalls zum Einschlafen gut ist dieses Gedicht. Wer will da noch wachen, wenn selbst die Sonne sich im Himmelbett kuschelt?

Cornelius: Vöglein fliegt dem Nestchen zu ...

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Philosophie zur guten Nacht

Ein bisschen Philosophie über Vergänglichkeit gibt das lyrische Ich dem Kind in diesem Gedicht mit in den Schlaf.

Beer-Hofmann: Schlaflied für Mirjam

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Gute-Nacht-Gedicht für sich selbst

Ist gerade niemand Anderes da, kann man ein Gute-Nacht-Gedicht auch für sich selbst sprechen lassen.

Richard von Schaukal · 1874-1942

An die Nacht

Komm holde Nacht und hülle
in deinen Mantel mich,
die müden Augen fülle
mit schwerem Schlafe, sprich

ins Ohr voll Muttergüte
die Worte tiefer Ruh,
decke mit Blatt und Blüte
des Traums mein Sehnen zu,

lass mich die Pforten offen
finden zum alten Glück,
gib mir mein Kinderhoffen –
und Kraft zum Tag zurück!

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Noch ein Gute-Nacht-Gedicht für sich selbst

Müde vom Tag wünscht sich das lyrische Ich in diesem Gute-Nacht-Gedicht schöne Träume. Nett, dass wenigstens einer an sich selbst denkt.

Sturm: Gruß an die Nacht

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Nachtlärm

Egal wo der Lärm zur Nacht stattfindet, ob im Kopf oder außerhalb, dieses Gedicht bietet einen geruhsamen Trost.

Guido Zernatto · 1903-1943

Die Nacht

Ich halte Zwiesprach mit der Nacht.
O Finsternis, wie hast du Macht!
Jetzt steigen alle Toten auf
und drehn zurück den Zeitenlauf.

Aus aller Stille braust es her,
es orgelt aus dem Himmelmeer,
es donnert hoch die Sternenbahn,
ich steh als Mensch und hör es an.

Und weil ich’s hör und weil ich bin,
ist das vollendet und hat Sinn,
und vieles ist auf mich gestellt.
Ich hör die Nacht, bin Teil der Welt.

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Göttlicher Schutz

Gut behütet in den Schlaf zu sinken, das ist ein menschlicher Wunsch seit Jahrtausenden. Zur Sicherheit hat man sich die Götter ausgedacht, hier die Göttin der Nacht.

Emanuel Mireau · geb. 1974

Die Göttin der Nacht

Naht die Göttin der Nacht, den Himmel zu schmücken mit Sternen,
Muss das Abendrot weichen der schimmernden Macht.
Wohl den Vögeln, die heimgekehrt in wärmende Nester.
Wohl den Tieren vom Land, sicher im heimischen Stall.
Wohl den Menschen, deren Lichter die Göttin begrüßen.
Möge sie uns Schutz geben vor dunkler Gefahr.
Wenn nicht Räuber und Geister unsere Stätten verheeren,
dann ist ihr ewig der Dank aller Geschöpfe des Tags.

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Kommentar Emanuel Mireau:
Das Gedicht ist inspiriert von den Rig-Veda-Versen An die Nacht. Um dem altertümlichen Inhalt gerecht zu werden, habe ich das antike Distichon genutzt, ein zweizeiliges Versschema ohne Reime bestehend aus Hexameter und Pentameter. Ein bisschen geschummelt im Reimsinne habe ich aber doch, denn die Kette „Macht-Stall-Gefahr-Tags“ fällt unter das Stichwort Assonanz, also Halbreime, bei denen nur die Vokale gleich sind.

 

Gedanken vor dem Einschlafen

Ein paar trostreiche Gedanken zur guten Nacht bietet dieses Gedicht über die Dämmerung.

Adolf Bartels · 1862-1945

Dämmerung

Wieder kommt sie leis gegangen,
Nimmt den lichten Tag gefangen,
Aber seiner Gaben Fülle
Birgt sie sanft in zarter Hülle.

Nein, sie sind uns nicht verloren,
Mag sie Dämmrung auch umfloren;
Nun erst spüren wir den Segen
Sich in unsrer Seele regen.

Wenn verblasst die grellen Farben,
Wenn die wilden Wünsche starben,
Von der Dämmrung süß umsponnen
Fühlen wir, was wir gewonnen.

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Gute-Nacht-Gedicht eines Romantikers

Der Herr von Eichendorff kann natürlich nicht „Gute Nacht“ sagen wie andere Leute auch, nein, da muss schon ein bisserl romantische Stimmung her – zum Einschlafen.

Eichendorff: Der Abend

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Abendlied, nur kürzer

Ganze acht Verse braucht Ernst Thrasolt für sein an das Claudius-Abendlied („Der Mond ist aufgegangen ...“) erinnerndes Gedicht. Die Predigt des Originals hat er jedoch ausgelassen.

Ernst Thrasolt · 1878-1945

Helle Nacht

Himmel ist weit aufgetan,
Tausend Sterne ziehn hinauf,
Golden geht der Mond noch auf,
Aller Glanz der Nacht bricht an.
Wald und Flur und ich und du
Sind in hellen Schein getaucht.
Dunkelheit und Leid verhaucht,
Löst sich all’s in Licht und Ruh.

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Verspätetes Gute-Nacht-Gedicht

Selbst wenn jemand schon eingeschlafen ist, kann man ihm noch eine gute Nacht wünschen. Wünsche ans Universum zu schicken, soll ja auch helfen.

Otto zur Linde · 1873-1938

Liebe Frau

Liebe Frau, du schläfst so still,
Dass ich dich nicht wecken will.
Aber mein Gedenken geht
Um dein Bett wie ein Gebet.
Und mit Lächeln eines Kindes
Träume du nur Lieb- und Lindes.
Dein Erwachen sei am Morgen
Ohne Leid und ohne Sorgen.
Sonnig sei dein Tag, die Nacht
Segne, was der Tag gebracht.

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Verspätetes Gute Nacht-Gedicht

Offensichtlich war die Nacht in diesem Gedicht nicht zum Schlafen da, weshalb der zärtliche Gute-Nacht-Kuss etwas spät bzw. früh kommt.

Albert Sergel · 1876-1946

Es bleichen schon die Sterne ...

Es bleichen schon die Sterne
am Himmel da und dort.
Auf deinen Lippen träumet
ein letztes Liebeswort.

Der Morgen rauscht ans Fenster.
Wir lächeln, ich und du ...
Ich küsse dir die lieben
müden Augen zu.

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Gedicht über Nacht und Nähe

Ein Aufruf zum Zusammenrücken ist dieses Nachtgedicht, denn die Nacht stiehlt anscheinend nicht nur das Licht.

Gilm: Die Nacht

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Ein Kinderwiegenlied nicht für Kinder

Mit viel Liebe wird hier ein Kind in den Schlaf gewiegt und doch scheint Liebe nur ein Wort zu sein, das nicht in diese Welt passt.

Georgi Kratochwil · geb. 1979

Schlaf, Kind, schlaf ein

Sch –
Sch –

Liebe
Deine Eltern
Liebe
Deine Freunde
Liebe
Alle Menschen
Liebe
Auch dich

Sch –
Sch –

Liebe
Die Schläge
Liebe
Die Schmerzen
Liebe
Das Schlechte
Liebe
Auch dich

Sch –
Sch –

Schlaf und träume
Schlaf und träume
Schlaf und träume
Wachsein
Bringt kein Glück

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