Unterm Lyrikmond

Gedichte lesen und hören, schreiben und interpretieren

Kriegsgedichte 1

Der Krieg ist ein gewaltiges, aber auch gewalttätiges Thema. Lobeshymnen, die es auch gegeben hat, sind hier allerdings nicht versammelt, sondern Anti-Kriegsgedichte. Dagegen zu sein ist nicht unbedingt die einfachere Position. Das merkt man jedes Mal, wenn die Stimmung hochgekocht wird und Krieg angeblich das einzige Mittel ist, Gerechtigkeit oder – noch perfider – Frieden herzustellen.

 

Ein Gedicht über einen Befehlsverweigerer

Karl Kraus schreibt über einen Helden, der zu jeder Zeit als Feigling galt.

Kraus: Der sterbende Soldat

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Stell dir vor es ist Krieg

... und keiner geht hin. Dieses Zitat geht auf den amerikanischen Dichter Carl Sandburg zurück. Im folgenden Soldatenlied wird es in die Tat umgesetzt.

Hans Retep · geb. 1956

Soldatenlied

Die Zeit war wieder mal reif für einen Krieg.
Im Fernseh’n lief Hurrageschrei für den großen Sieg.
In Reih und Glied marschierten stolz die Männer durch das Tor,
Die Mütter weinten bitterlich und flehten laut im Chor:

Ihr Soldaten, zieht nicht in den Krieg.
Wo Kriege sind, da gibt’s nur Mord und nirgends einen Sieg.

Sogleich der General befahl: Treibt die Frauen weg.
Die Polizei kam rasch herbei und stieß die Mütter in den Dreck.
Die Kinder sahen dies voll Wut und rannten trickreich vor,
Sie riefen den Soldaten zu eins, zwei, drei im Chor:

Ihr Soldaten, zieht nicht in den Krieg.
Wo Kriege sind, da gibt’s nur Mord und nirgends einen Sieg.

Die Männer wurden unsicher, der Marsch kam aus dem Takt.
Die Vorgesetzten schrieen rum, die Stimmen angeknackt.
Das alles nutzte nichts, ein Wille stieg empor.
Auf einmal stand die Truppe still und rief ganz laut im Chor:

Wir Soldaten zieh’n nicht in den Krieg.
Wo Kriege sind, da gibt’s nur Mord und nirgends einen Sieg.

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Kommentar:
Das Gedicht wurde vom ungarischen Gitarristen Csaba Gál vertont. Bei Youtube anhören.

 

Ein Gedicht über den Krieg aus Soldatensicht

Eines der ehrlichsten Gedichte über den Krieg stammt von Alfred Lichtenstein. Schaut man sich seine Lebensdaten, ahnt man, dass hier aus erster Quelle geschrieben wurde.

Lichtenstein: Gebet vor der Schlacht

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Gedicht über die Heimatfront

Dass es gerade unter den Dichtern bei Beginn des Ersten Weltkriegs einige Kriegsbegeisterung gegeben hat, dafür gibt es leider schriftliche Beweise. Dieses Kriegsgedicht jedoch ist der Begeisterung ganz unverdächtig.

Werfel: Der Dichter spricht

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Der Krieg der Frauen

Ein Krieg dauert für Frauen wesentlich länger als für Männer, wie das folgende Gedicht demonstriert.

Hans-Peter Kraus · geb. 1965

64 Jahre

Sie hatten jung geheiratet,
wie es damals üblich war.
Ihre Tochter wurde gerade zwei Jahre alt,
als er in den Krieg zog.
1914.
Er schrieb nur einen einzigen kurzen Brief.
Er war ein Mann des Werkzeugs,
nicht der Feder.
Es gehe ihm gut, schrieb er.
Sie solle sich keine Sorgen machen.
Weihnachten sei er wieder zu Haus.
Und ein Kuss für die Kleine.

Ein paar Tage später
kam die Nachricht:
Gefallen für …

Sie hat ihn um 64 Jahre überlebt.
Dass die Frau den Mann überlebt,
ist eigentlich der Normalfall.
Männer haben eine geringere Lebenserwartung,
oft sind sie bei der Heirat etwas älter als die Frau.
Aber 64 Jahre?
Allein?
Durch die ganze furchtbare Zeit?
Weltkrieg, Weimar, Nazis, Weltkrieg.
Keine Frau sollte 64 Jahre
ohne ihren Mann bleiben müssen.

Diese Verbrecher.

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Träumen im Krieg

An eins dieser sinnlosen Gemetzel mit mehr als hunderttausend Toten in Nordfrankreich erinnert der Titel des folgenden träumerischen Gedichts.

Edlef Köppen · 1893-1939

Loretto

Einen Tag lang in Stille untergehen!
Einen Tag lang den Kopf in Blumen kühlen
und die Hände fallen lassen
und träumen: diesen schwarzsamtnen, singenden Traum:
Einen Tag lang nicht töten.

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Aus dem Ersten Weltkrieg

Sozusagen live aus dem Krieg wurde dieses Gedicht 1918 in der expressionistischen Zeitschrift Die Aktion unter der Rubrik Verse vom Schlachtfeld veröffentlicht. Es dürfte eins der letzten Gedichte des Autors gewesen sein.

Curt Saemann · 1893-1918

Europa

Schachtelhalme stechen aus den schwarzen Gewässern der Vorzeit,
Pioniere wickeln Stacheldraht darum,
Eine Frau fällt in Krämpfe und schreit furchtbar,
Dann ist es wieder still.
In einem tropfenden Stollen denkt einer an bunte Jahrmarktswagen,
An die Messingspiegel in Waffelbuden
Und an einen Sommertag, da er sich heimlich für zehn Pfennige Bonbons kaufte.
Er wird wieder ganz Kind und schämt sich sehr.
In der Nacht brüllt ein Geschoss auf.
Der im Stollen denkt: Ob drüben auch einer solches im Kopf trägt
Und sich so tief verkriechen muss vor Scham?
Er erinnert sich, dass er seinen Bruder schlug.
Da dehnt er sich weit aus. Fließt durch alle Gräben, Raschelt an allen Verhauen, schüttelt alle Vorwände ab.
An allen Stellen schießt man durch seinen riesigen Leib,
Er muss aus seinem Versteck hervortreten,
Wird sehr herzlich zu seiner Stollentreppe
Und berührt das spärliche Gras mit seinen Händen.
Wie er den ersten Stern sieht, wird er Umarmung
Und will seine Brust zum Reden öffnen –
Das Land ist schwarz und furchtbar stumm.
Man sieht, es will schreien. Vergeblich, Hände schnüren sich darum
Und ersticken. Es bäumt sich und beult
Ganz schwarz und stumm – Echo? –: Europa ...
Aus einem Trichter wächst ein Kinderarm. Weiß, ungeheuer.
Irgendwo   erschlagen   Menschen   einen   Menschen
– Aus seinem Blut steigt grenzenlos das letzte Signal.

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Noch ein Gedicht aus dem Ersten Weltkrieg

Der ganze Wahnsinn des Krieges kumuliert in einer Frage biblischen Ausmaßes, die interessanterweise kein Frage-, sondern Ausrufezeichen hat.

Köppen: Schreie

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Ein weiteres Gedicht aus dem Ersten Weltkrieg

Dieses Kriegsgedicht beginnt etwas surrealistisch mit einem ausschweifenden Satzbau, um dann zutiefst menschlich in einem einfachen Satz zu enden.

Richard Oehring · 1889-1940

Landschaft

Aus der Ebene sind bebende Häuser geflüchtet,
weit, wo sie am glühenden Horizont durcheinanderstürzen,
der die kreischenden Bäume schüttelt,
die verkrallt den verschwelten Himmel festhalten,
den ausgebrannten, mürben Himmel,
aus dem die Menschen wie Rußflocken gefallen sind,
Menschen, auf Äckern und Straßen klebend.
Blumen und Ähren stehen im Fieber, und alles verdorrt.
Ist so elend verdorrt.
Angst umstellt das bittende Herz.

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Was vom Kriege übrig bleibt

„Krieg ist, wenn die andern sterben“, schrieb Kurt Tucholsky in einem Rückblick über die Kriegsbegeisterung der Deutschen 1914. Wenn man sich hätte vorstellen können, was vom Menschen übrig bleibt, nachdem er durch den Fleischwolf eines industriellen Kriegs gedreht worden ist, wäre die Begeisterung vielleicht nicht so groß gewesen.

Hans-Peter Kraus · geb. 1965

Fleischwolf

Fleisch
mit rissiger Haut bedeckt,
an Knochen gepappt,
totes Fleisch,
warum
liegt es hier herum?
Ah, da:
Da, wo früher der Kopf war,
ein klaffendes Loch.
Wo kann der Kopf sein?
Vielleicht dort hinten:
Da ist kein Gesicht mehr, aber
die schmutzig-graue Gallertmasse in der Schale
deutet auf einen Kopf hin.
Wie konnte das passieren?
Ich glaube,
sie nennen es Krieg.

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Erinnerung

Wenn dieses Gedicht überhaupt einen Effekt hat, dann wird ihm einiges durch die Platzierung auf dieser Seite genommen. Aber leider gehört es hierher.

Hans Retep · geb. 1956

Im September

Blauer Himmel, grüne Bäume,
Ganz ein Morgen wie gemalt;
Noch ist Zeit für Sommerträume,
Heute fühlt sich keiner alt.

Schwarze Punkte in der Ferne
Ziehen durch das Himmelsblau.
Langsam kommen sie uns näher,
Bilden ein perfektes V.

Flugzeug’ sind’s, vom Mensch geschaffen,
Wollen sie zu unsrer Stadt?
Über uns beginnt zu fallen
Alles, was sie mitgebracht.

Und wir rennen Richtung Keller,
Feuerbälle blühen auf,
Explosionen kommen schneller,
Fegen uns hinweg im Lauf.

Unsre Körper, unerkennbar,
stinken in der Sonne scheußlich
im September,
im September
1939.

Hörversion des GedichtsUrheberrechtshinweisGedicht per E-Mail versendenGedicht in Anthologie

Kommentar Hans Retep:
Jeder kennt Kriegsdarstellungen aus unzählige Filmaufnahmen, dokumentarisch oder in Spielfilmen, die jedoch nichts mit dem eigenen Leben zu tun haben. Aber sich vorzustellen, dass Krieg in das persönliche Umfeld eingreift, dass plötzlich ein Nachbarhaus willentlich in Schutt und Asche gelegt wird, die Nachbarn, mit denen man tags zuvor noch geplauscht hatte, nur noch als verstümmelte Leichen geborgen werden, das ist fast unvorstellbar.

Es ist schwierig für mich zu erkennen, ob das Gedicht in dem Sinne funktioniert, das Grauen vorstellbar zu machen, zumal ich einige Risiken eingegangen bin.

Zum einen sind die Reime absichtlich zum Teil etwas verschlunzt. Zum anderen könnte die bewusst naiv angelegte Wir-Perspektive unglaubwürdig oder sogar abstoßend erscheinen. Ich weiß nicht, ob die Menschen in der polnischen Kleinstadt Wieluń, die am frühen Morgen des ersten Septembers 1939 bombardiert wurden, wussten, was auf sie zu kommen würde, als sie in der Ferne die Flugzeuge sahen. Es geht allerdings nicht um die historische Wahrheit, sondern um die Vorstellung, dass tausendfacher Mord von jetzt auf gleich an einem schönen Septembermorgen über Menschen hereinbricht.

Auch der Abschluss, bei dem sich die Toten selbst als stinkende Leichen beschreiben, könnte respektlos gegenüber den Opfern des Krieges wirken. Nur ist es unzweifelhaft das, was vom Kriege übrig bleibt: stinkende Leichen, nicht nur körperlicher Art. Viel wäre gewonnen, wenn jeder Kriegswillige sich seine Zukunft als nackter, zerfetzter, stinkender Leichnam vorstellte.

Überhaupt kann man natürlich in Zweifel ziehen, ob das Thema in den Rahmen reimender Vierzeiler passt, obwohl diese naive Form nur Tarnung ist. Aber letztlich habe ich keinen Einfluss auf die Fremdsicht des Gedichtes. Ich hab’s versucht, ich bin zufrieden mit dem Ergebnis, den Rest muss der Leser mit sich selbst ausmachen.

 

Die Sicht der Zivilisten

Wann hat es den letzten „sauberen“ Krieg gegeben, bei dem die zivile Bevölkerung nicht mitbetroffen war? Hat es einen solchen Krieg überhaupt jemals gegeben? Der Zweite Weltkrieg setzte allerdings neue Maßstäbe, die sich bis in die heutige Zeit gehalten haben.

Hans-Peter Kraus · geb. 1965

Unser Zweiter Weltkrieg

Die Straße ist leer.
Keine Autos,
keine Menschen.
Wir warten.

Und denken an jene zurück,
die nicht mehr unter uns sind.
Unser Leben ist nicht denkbar
ohne diesen Krieg.

Verflucht
seien die Urheber
dieses grausigsten Massakers der Menschheitsgeschichte.

Wir warten:
Auf die Erschütterung des Bodens,
das Zerbersten der Fenster,
dass die Wände uns begraben.

Die leere Zeit
dehnt
und dehnt
und dehnt …
Wir wagen kaum zu atmen.

Endlich
kommt der Lautsprecherwagen:
„Die Entschärfung ist beendet.
Alle Sicherheitsmaßnahmen sind aufgehoben.“
Nach 65 Jahren!

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Kommentar:
Der Text beruht auf der Erfahrung einer Bombenentschärfung, die mich zumindest zu einem Bruchteil ahnen ließ, was Menschen tatsächlich durchmachen mussten, als noch Bomben fielen. Nebenbei habe ich entdeckt, dass die Wendung „Die Zeit dehnt und dehnt sich“ nicht verwendbar ist, weil das „sich“ erlösend wirkt. Dafür funktioniert aber das Weglassen von „sich“ sehr gut.

 

Kriegsopfer

Dieses Gedicht mit archaischen Kriegsszenen könnte man sich auch gut als Death Metal-Song vorstellen. Es zeigt, dass jedes Schicksal furchtbar bis an die Grenzen des Verstandes und darüber hinaus sein mag, doch ist jedes Kriegsopfer nur eines unter Millionen.

Georgi Kratochwil · geb. 1979

Einer unter den Millionen

Tausend Kreuze, tausend Kreuze
Ragen an der Straße.
Feuer brennen, Feuer brennen
Alle Hütten nieder.

Kalte Schwerter, kalte Schwerter
In die Eingeweide.
Todesschreie, Todesschreie,
Gellen durch die Dörfer.

Du bist einer, du bist einer
Unter den Millionen.
Du bist einer, du bist einer
Unter den Millionen.

Deine Kinder, deine Kinder
Vor die Wand geschlagen.
Deine Liebe, deine Liebe
Vor dir ausgeweidet.

Tausend Kreuze, tausend Kreuze,
Du wirst angenagelt.
Flammen walzen, Flammen walzen,
Du wirst lebend brennen.

Du bist einer, du bist einer
Unter den Millionen.
Du bist einer, du bist einer
Unter den Millionen.

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