Unterm Lyrikmond

Gedichte lesen und hören, schreiben und interpretieren

Gedichte zum Nachdenken

Es kann nicht völlig ausgeschlossen werden, dass Gedichte zum Nachdenken sprachliche Gebilde lyrischer Form sind, die zur Betätigung des höchstliegenden Muskels anregen sollen. Doch bevor ich mich hier festlege, denke ich lieber noch mal nach.

 

Ein Gedicht übers Sehen

Was sehen wir? Das ist offensichtlich, also nicht des Nachdenkens wert und schon gar kein Gedicht, oder?

Rittershaus: Das Auge

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Noch mehr Nachdenken über das Sehen

Psychologisch weiter gedacht ist Fontanes nachdenkliches Gedicht darüber, wie wir die Welt sehen.

Fontane: Lass ab von diesem Zweifeln ...

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Selbst nachdenken

Gottfried August Bürger plädiert dafür, sich selbst als Maßstab zu nehmen, was natürlich nicht ungefährlich ist. Wo da die goldene Mitte zu erreichen wäre, darüber lässt sich sicher nachdenken.

Bürger: Was frag ich wohl ohn’ Unterlass ...

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Zwei Fliegen mit einer Klappe

Von Fliegen ist in diesem Gedicht nicht die Rede, trotzdem schlägt es zwei Fliegen mit einer Klappe. Welche? Hm, darüber könnte man nachdenken.

Hans-Peter Kraus · geb. 1965

An den Galgen mit dem Schwein

Drüben auf dem Hof
haben sie den Galgen aufgebaut.
Wird wohl wieder eins von diesen Schweinen dran glauben müssen.
Mir soll’s recht sein.
Obwohl:
Letztes Mal war es ein ziemliches Theater.
Mit vier Mann mussten sie das Schwein da hochbugsieren.
Was für ein Geschiebe und Gezerre!
Sterben
wollen sie ja alle nicht.
Und natürlich hat das Schwein nicht stillgehalten,
als sie ihm die Schlinge um den fetten Hals legen wollten.
Das hat gedauert!
Dann hing es endlich so halb am Galgen,
hat im wahrsten Sinne des Wortes um sein Leben gequiekt, –
und die Klappe ging nicht.
Großes Palaver!
Und siehe da: Das Schwein ist auf einmal ruhig geworden,
dachte wohl an Begnadigung in letzter Sekunde oder so was.
Aber einer ist unter den Aufbau geklettert
und hat die Klappe per Hand entsperrt.
Das Schwein fiel,
hing
und zappelte.
Und wollte verdammt noch mal nicht sterben.
Der Metzger hat dann der Sache ein Ende gemacht.
Das gab ’ ne Blutfontäne!
Die Idioten, die vorne standen, haben ganz schön was abgekriegt.
Am liebsten hätten sie den Metzger gleich mitaufgehangen.
Am Abend waren aber wieder alle friedlich.
Ich bin dann auch rüber.
War lecker!
Schwein vom Grill, Krautsalat und Brot,
die einfachsten Mahlzeiten sind immer noch die besten.

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Der Mensch als Kind

Spitzweg ist mehr als Maler bekannt, aber hier trifft er den Nerv der Menschheit in einem sehr einfachen Gedicht.

Spitzweg: Wir bleiben alle Kinder

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Wer sind wir?

Die Definition eines Ichs ist relativ leicht, aber beim Wir kommt man schnell ins Schleudern, was Ursache für sehr viel Kummer auf der Welt ist. Doch mit ein bisschen Nachdenken ist die Lösung des Wir-Problems gar nicht so schwer, wie das folgende Gedicht zeigt.

Georgi Kratochwil · geb. 1979

wir

ich bin ich
bin nicht du
bist nicht ich
aber

wir sind wir
sind nicht ihr
seid nicht wir
aber

alle

ohne ich
ohne du
ohne ihr

sind wir
zusammen

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Nachdenken über Personalpronomen

Worüber man alles nachdenken kann. Würde eine so einfache Änderung wie im Gedicht vorgeschlagen wirklich etwas ändern?

Hans-Peter Kraus · geb. 1965

Was würde passieren?

Ich frage mich,
ich frage dich,
was würde passieren?
Was würde passieren,
wenn von einem Tag auf den andern
in ganz Deutschland,
mal es dir aus,
wenn in ganz Deutschland
das Sie
abgeschafft wäre?
Du gehst zur Arbeit, duzt den Chef.
Du gehst zum Arzt, duzt den Doktor.
Du gehst zum Amt, duzt den Beamten.
Du sagst zum ersten Mal
zu jedem Nachbarn:
Wie geht es – dir?
Jeder Fremde wäre nicht mehr fremd,
kein Sie wäre zwischen euch.
Ich glaube,
ich glaube ganz fest,
das würde etwas ändern,
das würde etwas ändern zum Besseren.

Ja, ich weiß.
Es gibt Länder, die das „Sie“ nicht kennen,
und denen geht es auch nicht besser,
aber:
Unser Du hätte noch das Du-Gefühl.
Das muss nicht Liebe sein,
das muss nicht Freundschaft sein,
es wäre ein Wir.
Ein Gefühl der Nähe,
Mitmenschlichkeit.

Ja, vielleicht,
vielleicht würde der Effekt schnell verpuffen,
aber nicht ganz,
nicht ganz!
Für eine kurze Zeit wäre Veränderung
und Veränderung ist Bewegung und Bewegung ist Leben.
Und Leben wirkt immer.
Es gibt kein Leben ohne Wirkung.

Meinst du nicht,
die Hoffnung auf neues Leben
wäre den Versuch wert,
das Sie
abzuschaffen in ganz Deutschland
von einem Tag auf den andern?

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Nachdenken am Bau

Ernst Toller war „im Bau“, als er über den Unterschied zwischen Kirchen- und Nestbau nachdachte und ein erbauliches Gedicht darüber schrieb.

Toller: Baumeister gotischer Kathedrale ...

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Kommentar:
Dieses Gedicht stammt aus Ernst Tollers Schwalbenbuch, ein Gedichtzyklus über eine wahre Geschichte während seiner Festungshaft.

 

Nachdenken über Dinge

Dieses Gedicht regt dazu an, sich gedanklich mit den Dingen, die einem (angeblich) gehören, zu beschäftigen. Dabei sollte man nicht vergessen zu versuchen, Titel und Text zusammenzubringen.

Ralf Hilbert · geb. 1963

Illusionismus

Sag zu den Dingen:
ihr seid mein; auch wenn
sie sich entziehen,
auch wenn sie diese Aura
annehmen – sie sind gesetzt
und in einer Ordnung,
gefärbt vom Gewohnten.
Bewahre Haltung
vor ihrer Macht
nach dem Aufwachen,
noch vor dem Blick
aus dem Fenster
in den grauen Morgen
ohne Not.

Vergiss die Dinge nicht,
ihr Vorrecht auf Existenz, möglich,
dass sie lebendig scheinen
im Moment der Trauer.

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Was ist wichtig?

Hier bringt ein alter Spruch den Dichter zum Nachdenken, woraus er ein Gedicht – was auch sonst? – zum Nachdenken macht.

Stadler: Der Spruch

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Kommentar:
Der erwähnte Spruch lautet:
Mensch werde wesentlich: Denn wann die Welt vergeht,
So fällt der Zufall weg, das Wesen, das besteht.

(Angelus Silesius)

 

Die Welt verbessern

Wenn man die Welt verbessern will, fange man mit dem Schwierigsten an, empfiehlt das folgende Gedicht zum Nachdenken.

Hans-Peter Kraus · geb. 1965

Kurze Bedienungsanleitung für Weltverbesserer

Willst du die Welt verbessern,
fange bei den Menschen in deinem Land an
Willst du die Menschen in deinem Land verbessern,
fange bei den Menschen in deiner Stadt an
Willst du die Menschen in deiner Stadt verbessern,
fange bei den Menschen in deinem Haus an
Willst du die Menschen in deinem Haus verbessern,
fange bei dir an
Worauf wartest du?
Fang an

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Nachdenken über das Christentum

Das folgende Gedicht im 19. Jahrhundert zu veröffentlichen, dazu gehörte sicher etwas Mut. Doch ist es auch eine Überlegung wert, ob eine Hinrichtung das Bild ist, das die Essenz der christlichen Religion am besten wiedergibt.

Storm: Crucifixus

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Nachdenken über Verdrängtes

Folter gibt’s nicht nur im Kino, sondern auch in der Realität. In diesem Gedicht wird die Methode Schlafentzug thematisiert.

Hans-Peter Kraus · geb. 1965

Und du willst schlafen

Du liegst nackt
auf dem eis-
kalten Beton
und du willst schlafen,
endlich schlafen.

Schwere Stiefel,
Eisentür.
Sie treten dich,
sie schlagen dich,
sie reißen dich
hoch.
Sie schreien dich
an.

Du stehst.
Zitternd.
Gekrümmt.
Die Eisentür
schlägt zu.
Die Stiefel
gehen fort.
Du bist
allein.
Und du willst schlafen,
endlich schlafen,
ewig schlafen.
Denn da draußen
ist keine Welt
mehr.

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Kommentar Hans-Peter Kraus:
Zur Vorgeschichte, warum ich überhaupt auf das Thema gekommen bin, denn natürlich verdränge ich solche Themen auch lieber, habe ich ein bisschen was bei Gedichte hoch drei geschrieben.

 

Ein Gedicht über Verrat

Selbst wenn dieses Gedicht nicht aus eigenem Erleben geschöpft wäre, würde es immer noch einen starken Eindruck hinterlassen, der zum Nachdenken anregt.

Marianne Cohn · 1922-1944

Ich verrate morgen

Ich verrate morgen, nicht heute.
Heute, reißt mir die Fingernägel aus,
Ich verrate nicht.

Ihr wisst nicht, wie weit mein Mut reicht.
Ich, ich weiß es.
Ihr seid fünf harte Hände mit Ringen.
Ihr habt an den Füßen Schuhe
Mit Nägeln.

Ich verrate morgen, nicht heute,
Morgen.
Ich brauche die Nacht, um mich zu entschließen,
Ich brauche nicht weniger als eine Nacht,
um zu verleugnen, um abzuschwören, um zu verraten.

Um zu verleugnen meine Freunde.
Um abzuschwören Brot und Wein,
Um zu verraten das Leben,
Um zu sterben.

Ich verrate morgen, nicht heute.
Die Feile ist unter der Kachel,
Die Feile ist nicht für die Stangen,
Die Feile ist nicht für die Wachen,
Die Feile ist für meine Ader.
Heute habe ich nichts zu sagen,
Ich verrate morgen.

Übertragen aus dem Französischen von Hans-Peter Kraus

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Kommentar von Hans-Peter Kraus zur Übertragung:
Am Schluss bin ich etwas vom Wörtlichen abgewichen, um den Gleichklang, wenn schon nicht den Reim, des Originals nachzubilden. Wörtlich müsste es eigentlich Henker statt Wachen und Handgelenk statt Ader heißen. Etwas Kopfzerbrechen haben mir die „fünf harten Hände“ gemacht. Es ist wohl im Sinne von Handlanger gemeint und nicht, dass ein Einarmiger dabei war. Auf der Website Gedenkorte Europas gibt es einige Hintergrundinformationen zu Marianne Cohn, den französischen Originaltext sowie eine weitere Übertragung ins Deutsche.

 

Noch ein Crane-Gedicht zum Nachdenken

Dieses Gedicht mag nicht sehr tiefsinnig sein, aber die Art, wie der Dichter etwas zu Bewusstsein bringt, ist bemerkenswert.

Stephen Crane · 1871-1900

Ich sah einen Mann den Horizont verfolgen ...

Ich sah einen Mann den Horizont verfolgen;
Herum und herum im Kreis rasten sie.
Mich beunruhigte dies;
Ich sprach zu dem Mann:
„Es ist vergeblich,
Sie können niemals“ –

„Sie lügen“, rief er
Und rannte weiter.

Übertragen aus dem Englischen von Hans-Peter Kraus

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Kommentar von Hans-Peter Kraus zur Übertragung:
Das Original findet sich bei archive.org als Ausschnitt aus dem Buch The Black Riders and Other Lines. „accosted“ aus Zeile vier, das wörtlich „ansprechen“ heißt, habe ich anders übertragen, weil „Ich sprach den Mann an“ einen für mein Empfinden nicht zum sprachlichen Niveau des Textes passenden Binnenreim erzeugt hätte. Das „I said“ in der fünften Zeile wurde damit überflüssig, zumal die sich verjüngende Struktur des Textes durch „sagte ich“ wesentlich gestört worden wäre.

 

Gedankenmahlzeit

Beim folgenden Gedicht besteht sicher Ironieverdacht, doch gegen wen richtet sich die Ironie? Und was sagt der Text, wenn man ihn ganz unironisch liest? Mit scheint, dies ist ein Gedicht zum Nachdenken.

Hans-Peter Kraus · geb. 1965

Mittagsmahl

Ich aß eine Scheibe
trockenen Brotes
und trank dazu
eine Handvoll Leitungswasser,
und ich war froh;
froh, in einem Land zu leben,
das seine Bewohner jederzeit
mit solch Köstlichkeiten
versorgen kann.

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Arm und reich im Gedicht

Wieder eins dieser Gedichte, bei denen man ins Grübeln kommt, wieso es immer noch wie die Faust aufs Auge passt. Haben wir denn gar keine Fortschritte gemacht?

Heine: Weltlauf

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Gedicht übers Reden

Wenn die Probleme größer und größer werden, aber man nicht mehr drüber reden will, was will man dann? Das ist die Frage, die dieses Gedicht zum Nachdenken anbietet.

Hans-Peter Kraus · geb. 1965

Lass uns von was andrem reden

Die Reichen
werden immer reicher.
Lass uns
von was andrem reden.

Die Armen
werden immer ärmer.
Lass uns
von was andrem reden.

Das Fernsehn
schädigt unsre Kinder.
Lass uns
von was andrem reden.

Das Klima
geht den Bach hinunter.
Lass uns
von was andrem reden.

Die Kriege
nehmen gar kein Ende.
Lass uns
von was andrem reden.

Worüber willst du reden?
Ich will gar nicht reden,
ich will gar nicht reden,
ich will nur …
ich weiß nicht was.

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Kommentar Hans-Peter Kraus:
Ich war kurz davon das Gedicht mit dem platten Ende „Ich will nur ... Spaß“ enden zu lassen, aber ich denke da gibt’s schon genug Texte drüber. Die älteren Rentner unter den Lesern werden möglicherweise erkannt haben, dass ich „My Generation“ von The Who im Kopf hatte, als ich das Gedicht schrieb. Nur die Stotterei hab ich mir geschenkt.