Unterm Lyrikmond

Gedichte lesen und hören, schreiben und interpretieren

Gedichte zum Nachdenken 1

Es kann nicht völlig ausgeschlossen werden, dass Gedichte zum Nachdenken sprachliche Gebilde lyrischer Form sind, die zur Betätigung des höchstliegenden Muskels anregen sollen. Doch bevor ich mich hier festlege, denke ich lieber noch mal nach.

 

Nachdenken über Dinge

Dieses Gedicht regt dazu an, sich gedanklich mit den Dingen, die einem (angeblich) gehören, zu beschäftigen. Dabei sollte man nicht vergessen zu versuchen, Titel und Text zusammenzubringen.

Ralf Hilbert · geb. 1963

Illusionismus

Sag zu den Dingen:
ihr seid mein; auch wenn
sie sich entziehen,
auch wenn sie diese Aura
annehmen – sie sind gesetzt
und in einer Ordnung,
gefärbt vom Gewohnten.
Bewahre Haltung
vor ihrer Macht
nach dem Aufwachen,
noch vor dem Blick
aus dem Fenster
in den grauen Morgen
ohne Not.

Vergiss die Dinge nicht,
ihr Vorrecht auf Existenz, möglich,
dass sie lebendig scheinen
im Moment der Trauer.

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Nachdenken am Bau

Ernst Toller war „im Bau“, als er über den Unterschied zwischen Kirchen- und Nestbau nachdachte und ein erbauliches Gedicht darüber schrieb.

Toller: Baumeister gotischer Kathedrale ...

Dieses Gedicht im TextformatGedicht in Anthologie

Kommentar:
Dieses Gedicht stammt aus Ernst Tollers Schwalbenbuch, ein Gedichtzyklus über eine wahre Geschichte während seiner Festungshaft.

 

Gedankenspiel

Bloß ein Gedankenspiel zum Thema Religion, die die Menschheit nun schon seit ein paar tausend Jahren begleitet, nicht immer zum Guten.

Hans-Peter Kraus · geb. 1965

Gottlos

Stell dir vor, es gäbe keinen Gott.
Dann bräuchte es keine Juden,
keine Christen,
keine Moslems,
keine Irgendwas.
All jene, die mit Gott ihr Geld verdienen,
wären als Betrüger entlarvt,
der Papst
der mieseste aller Versicherungsvertreter.
All die Foltereien,
Metzeleien,
Schlächtereien
im Namen des Herrn
entpuppten sich als übler Zeitvertreib.
Wäre das nicht furchtbar?
Nein.
Es wäre nicht, –
es ist.

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Gedicht über was weiß ich

Das folgende Gedicht hat ganz zweifellos ein Thema, die Frage ist nur: welches? Darüber zu sprechen, wäre allerdings verkehrt.

Hans-Peter Kraus · geb. 1965

Das Dá

Das Dá hat kein Gesicht, keine Stimme.
Das Dá existiert nicht, es ist überall.

Das Dá ist mächtig, deshalb braucht es keine Macht.
Das Dá ist frei, deshalb braucht es keine Freiheit.
Näherst du dich dem Dá, weicht es zurück.
Entfernst du dich vom Dá, kommt es näher.

Das Dá hilft dir nicht.
Das Dá tröstet dich nicht.
Das Dá erlöst dicht nicht.
Das Dá ist gefährlich.
Jeder Mensch sehnt sich nach dem Dá.

Wer über das Dá spricht, weiß nichts davon.

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Zwei Fliegen mit einer Klappe

Von Fliegen ist in diesem Gedicht nicht die Rede, trotzdem schlägt es zwei Fliegen mit einer Klappe. Welche? Hm, darüber könnte man nachdenken.

Hans-Peter Kraus · geb. 1965

An den Galgen mit dem Schwein

Drüben auf dem Hof
haben sie den Galgen aufgebaut.
Wird wohl wieder eins von diesen Schweinen dran glauben müssen.
Mir soll’s recht sein.
Obwohl:
Letztes Mal war es ein ziemliches Theater.
Mit vier Mann mussten sie das Schwein da hochbugsieren.
Was für ein Geschiebe und Gezerre!
Sterben
wollen sie ja alle nicht.
Und natürlich hat das Schwein nicht stillgehalten,
als sie ihm die Schlinge um den fetten Hals legen wollten.
Das hat gedauert!
Dann hing es endlich so halb am Galgen,
hat im wahrsten Sinne des Wortes um sein Leben gequiekt, –
und die Klappe ging nicht.
Großes Palaver!
Und siehe da: Das Schwein ist auf einmal ruhig geworden,
dachte wohl an Begnadigung in letzter Sekunde oder so was.
Aber einer ist unter den Aufbau geklettert
und hat die Klappe per Hand entsperrt.
Das Schwein fiel,
hing
und zappelte.
Und wollte verdammt noch mal nicht sterben.
Der Metzger hat dann der Sache ein Ende gemacht.
Das gab ’ ne Blutfontäne!
Die Idioten, die vorne standen, haben ganz schön was abgekriegt.
Am liebsten hätten sie den Metzger gleich mitaufgehangen.
Am Abend waren aber wieder alle friedlich.
Ich bin dann auch rüber.
War lecker!
Schwein vom Grill, Krautsalat und Brot,
die einfachsten Mahlzeiten sind immer noch die besten.

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Wer sind wir?

Die Definition eines Ichs ist relativ leicht, aber beim Wir kommt man schnell ins Schleudern, was Ursache für sehr viel Kummer auf der Welt ist. Doch mit ein bisschen Nachdenken ist die Lösung des Wir-Problems gar nicht so schwer, wie das folgende Gedicht zeigt.

Georgi Kratochwil · geb. 1979

wir

ich bin ich
bin nicht du
bist nicht ich
aber

wir sind wir
sind nicht ihr
seid nicht wir
aber

alle

ohne ich
ohne du
ohne ihr

sind wir
zusammen

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Lyrik und Logik

Ich will gar nicht erst versuchen, die verwirrenden logischen Folgerungen, die sich im Gedicht ergeben, aufzurollen. Diese Seite heißt schließlich „Gedichte zum Nachdenken“ und nicht „zum Vordenken“.

Georgi Kratochwil · geb. 1979

Wahrheit & Lüge

Je öfter man eine Lüge wiederholt,
desto mehr wird sie geglaubt.

Je öfter man eine Wahrheit wiederholt,
desto weniger wird sie geglaubt.

Beide Aussagen sind wahr.
Beide Aussagen sind wahr.
Beide Aussagen sind wahr.
Beide Aussagen sind wahr.

Das ist eine Lüge.
Das ist eine Lüge.
Das ist eine Lüge.
Das ist eine Lüge.

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Nachdenken über Personalpronomen

Worüber man alles nachdenken kann. Würde eine so einfache Änderung wie im Gedicht vorgeschlagen wirklich etwas ändern?

Hans-Peter Kraus · geb. 1965

Was würde passieren?

Ich frage mich,
ich frage dich,
was würde passieren?
Was würde passieren,
wenn von einem Tag auf den andern
in ganz Deutschland,
mal es dir aus,
wenn in ganz Deutschland
das Sie
abgeschafft wäre?
Du gehst zur Arbeit, duzt den Chef.
Du gehst zum Arzt, duzt den Doktor.
Du gehst zum Amt, duzt den Beamten.
Du sagst zum ersten Mal
zu jedem Nachbarn:
Wie geht es – dir?
Jeder Fremde wäre nicht mehr fremd,
kein Sie wäre zwischen euch.
Ich glaube,
ich glaube ganz fest,
das würde etwas ändern,
das würde etwas ändern zum Besseren.

Ja, ich weiß.
Es gibt Länder, die das „Sie“ nicht kennen,
und denen geht es auch nicht besser,
aber:
Unser Du hätte noch das Du-Gefühl.
Das muss nicht Liebe sein,
das muss nicht Freundschaft sein,
es wäre ein Wir.
Ein Gefühl der Nähe,
Mitmenschlichkeit.

Ja, vielleicht,
vielleicht würde der Effekt schnell verpuffen,
aber nicht ganz,
nicht ganz!
Für eine kurze Zeit wäre Veränderung
und Veränderung ist Bewegung und Bewegung ist Leben.
Und Leben wirkt immer.
Es gibt kein Leben ohne Wirkung.

Meinst du nicht,
die Hoffnung auf neues Leben
wäre den Versuch wert,
das Sie
abzuschaffen in ganz Deutschland
von einem Tag auf den andern?

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Die Welt verbessern

Wenn man die Welt verbessern will, fange man mit dem Schwierigsten an, empfiehlt das folgende Gedicht zum Nachdenken.

Hans-Peter Kraus · geb. 1965

Kurze Bedienungsanleitung für Weltverbesserer

Willst du die Welt verbessern,
fange bei den Menschen in deinem Land an
Willst du die Menschen in deinem Land verbessern,
fange bei den Menschen in deiner Stadt an
Willst du die Menschen in deiner Stadt verbessern,
fange bei den Menschen in deinem Haus an
Willst du die Menschen in deinem Haus verbessern,
fange bei dir an
Worauf wartest du?
Fang an

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Ein Gedicht über Verrat

Selbst wenn dieses Gedicht nicht aus eigenem Erleben geschöpft wäre, würde es immer noch einen starken Eindruck hinterlassen, der zum Nachdenken anregt.

Marianne Cohn · 1922-1944

Ich verrate morgen

Ich verrate morgen, nicht heute.
Heute, reißt mir die Fingernägel aus,
Ich verrate nicht.

Ihr wisst nicht, wie weit mein Mut reicht.
Ich, ich weiß es.
Ihr seid fünf harte Hände mit Ringen.
Ihr habt an den Füßen Schuhe
Mit Nägeln.

Ich verrate morgen, nicht heute,
Morgen.
Ich brauche die Nacht, um mich zu entschließen,
Ich brauche nicht weniger als eine Nacht,
Um zu verleugnen, um abzuschwören, um zu verraten.

Um zu verleugnen meine Freunde.
Um abzuschwören Brot und Wein,
Um zu verraten das Leben,
Um zu sterben.

Ich verrate morgen, nicht heute.
Die Feile ist unter der Kachel,
Die Feile ist nicht für die Stangen,
Die Feile ist nicht für die Wachen,
Die Feile ist für meine Ader.
Heute habe ich nichts zu sagen,
Ich verrate morgen.

Übertragen aus dem Französischen von Hans-Peter Kraus

UrheberrechtshinweisGedicht in Anthologie

Kommentar von Hans-Peter Kraus zur Übertragung:
Am Schluss bin ich etwas vom Wörtlichen abgewichen, um den Gleichklang, wenn schon nicht den Reim, des Originals nachzubilden. Wörtlich müsste es eigentlich Henker statt Wachen und Handgelenk statt Ader heißen. Etwas Kopfzerbrechen haben mir die „fünf harten Hände“ gemacht. Es ist wohl im Sinne von Handlanger gemeint und nicht, dass ein Einarmiger dabei war. Auf der Website Gedenkorte Europas gibt es einige Hintergrundinformationen zu Marianne Cohn, den französischen Originaltext sowie eine weitere Übertragung ins Deutsche.

 

Nachdenken über Verdrängtes

Folter gibt’s nicht nur im Kino, sondern auch in der Realität. In diesem Gedicht wird die Methode Schlafentzug thematisiert.

Hans-Peter Kraus · geb. 1965

Und du willst schlafen

Du liegst nackt
auf dem eis-
kalten Beton
und du willst schlafen,
endlich schlafen.

Schwere Stiefel,
Eisentür.
Sie treten dich,
sie schlagen dich,
sie reißen dich
hoch.
Sie schreien dich
an.

Du stehst.
Zitternd.
Gekrümmt.
Die Eisentür
schlägt zu.
Die Stiefel
gehen fort.
Du bist
allein.
Und du willst schlafen,
endlich schlafen,
ewig schlafen.
Denn da draußen
ist keine Welt
mehr.

Urheberrechtshinweis

Kommentar Hans-Peter Kraus:
Zur Vorgeschichte, warum ich überhaupt auf das Thema gekommen bin, denn natürlich verdränge ich solche Themen auch lieber, habe ich ein bisschen was bei Gedichte hoch drei geschrieben.

 

Ein Dialog zum Nachdenken

Dieses Gedicht mag nicht sehr tiefsinnig sein, aber die Art, wie der Dichter etwas zu Bewusstsein bringt, ist bemerkenswert.

Stephen Crane · 1871-1900

Ich sah einen Mann den Horizont verfolgen ...

Ich sah einen Mann den Horizont verfolgen;
Herum und herum im Kreis rasten sie.
Mich beunruhigte dies;
Ich sprach zu dem Mann:
„Es ist vergeblich,
Sie können niemals“ –

„Sie lügen“, rief er
Und rannte weiter.

Übertragen aus dem Englischen von Hans-Peter Kraus

Urheberrechtshinweis

Kommentar von Hans-Peter Kraus zur Übertragung:
Das Original findet sich bei archive.org als Ausschnitt aus dem Buch The Black Riders and Other Lines. „accosted“ aus Zeile vier, das wörtlich „ansprechen“ heißt, habe ich anders übertragen, weil „Ich sprach den Mann an“ einen für mein Empfinden nicht zum sprachlichen Niveau des Textes passenden Binnenreim erzeugt hätte. Das „I said“ in der fünften Zeile wurde damit überflüssig, zumal die sich verjüngende Struktur des Textes durch „sagte ich“ wesentlich gestört worden wäre.

 

Gedankenmahlzeit

Beim folgenden Gedicht besteht sicher Ironieverdacht, doch gegen wen richtet sich die Ironie? Und was sagt der Text, wenn man ihn ganz unironisch liest? Mit scheint, dies ist ein Gedicht zum Nachdenken.

Hans-Peter Kraus · geb. 1965

Mittagsmahl

Ich aß eine Scheibe
trockenen Brotes
und trank dazu
eine Handvoll Leitungswasser,
und ich war froh;
froh, in einem Land zu leben,
das seine Bewohner jederzeit
mit solch Köstlichkeiten
versorgen kann.

UrheberrechtshinweisGedicht in Anthologie

 

Gedicht über Ich und Welt

Das ist eine alte Frage: Sieht man die Welt so, wie sie tatsächlich ist oder ist sie doch ganz anders? Könnte man drüber nachdenken.

Philipp Lauer · geb. 1994

Oder bin ich es?

Das Leben ist traurig,
vom Glücke verquollen,
- oder bin ich es -
durch allzu viel Wollen?

Die Welt ist hässlich,
grotesk ist der Mensch,
- oder bin ich es -
der sein Dasein verkennt?

Das Leben ist böse,
ein hungerndes Biest,
- oder bin ich es -
zahnend und fies?

Die Liebe ist wertlos,
zum Scheitern verdammt,
- oder bin ich es -
von Zweifeln geplagt?

Oder bin ich nur zu müde,
eine Entscheidung zu fällen,
und werde rüde zur Welt,
die mir in Wahrheit
gefällt?

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Nachdenken über Ästhetik

Man darf sich nichts vormachen: Das Elend dieser Welt wird uns in professionell aufgemachten Bildern gezeigt, sonst würden wir gar nicht hingucken.

Dyrk Schreiber · geb. 1954

Preisfoto

Wir wollen ein lebendiges Sterben,
ein Sterben in Farbe
für’s Journal auf dem Nachttisch,
zum müde machenden Hin- und Herblättern.
Wir erschrecken nicht,
so etwas ist uns nicht mehr innerlich!
Sie fliegen steuerbegünstigt in staubige Länder
und suchen, für uns,
das Schreckliche und finden -
geplatzte Lippen mit Fliegen!
Nun muss alles schnell gehen,
das fingerfertige Ausrichten des Objektivs,

das Bücken
das Anlegen
das Zielen
das Abdrücken!

Sie nennen es Im Kasten haben,
in ihm schreit jetzt, was wir alle wollen,
ein lebendiges und farbiges Sterben!
O wie sie es mit Kunstverstand verarbeiten,
mit ihrem Gefühl für die Ästhetik des Schrecklichen,
denn, ach, nur das Ästhetische berührt uns noch!
So klicken sie ein paar mal auf’s Motiv
und der Mund ist trefflich
geschwollen und erstarrt -
für gemütliche Ewigkeiten,
wenn es nichts Besseres gibt
zwischen den Nachttischen!

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Gedicht übers Reden

Wenn die Probleme größer und größer werden, aber man nicht mehr drüber reden will, was will man dann? Das ist die Frage, die dieses Gedicht zum Nachdenken anbietet.

Hans-Peter Kraus · geb. 1965

Lass uns von was andrem reden

Die Reichen
werden immer reicher.
Lass uns
von was andrem reden.

Die Armen
werden immer ärmer.
Lass uns
von was andrem reden.

Das Fernsehn
schädigt unsre Kinder.
Lass uns
von was andrem reden.

Das Klima
geht den Bach hinunter.
Lass uns
von was andrem reden.

Die Kriege
nehmen gar kein Ende.
Lass uns
von was andrem reden.

Worüber willst du reden?
Ich will gar nicht reden,
ich will gar nicht reden,
ich will nur …
ich weiß nicht was.

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Kommentar Hans-Peter Kraus:
Ich war kurz davon das Gedicht mit dem platten Ende „Ich will nur ... Spaß“ enden zu lassen, aber ich denke da gibt’s schon genug Texte drüber. Die älteren Rentner unter den Lesern werden möglicherweise erkannt haben, dass ich „My Generation“ von The Who im Kopf hatte, als ich das Gedicht schrieb. Nur die Stotterei hab ich mir geschenkt.

 

Science Fiction zum Nachdenken

Science Fiction kann mehr sein als Weltraumgeballer oder die Begegnung mit seltsamen Gestalten. Gute Science Fiction bietet Einblicke in die Grundfragen des Lebens.

Hans-Peter Kraus · geb. 1965

Und am Ende war das Wort

Eine lange Reise lag hinter ihnen.
723 Generationen hatten auf dem Schiff gelebt.
723 Generationen waren auf dem Schiff gestorben.
Erst die 724. Generation entdeckte
den Paradiesplaneten.

Ihr Entzücken,
ihre Glückseligkeit
war so überwältigend,
dass das Schiff schier zu platzen drohte.
Nach so unendlicher langer Zeit
hatten sich die Offenbarungen des dritten Propheten
als wahr erwiesen.

Doch als die ersten Messergebnisreihen eintrafen,
machte sich Ernüchterung breit.
Als die Messergebnisse sich verdichteten,
wich die Ernüchterung ohnmächtigem Zorn.

Der Paradiesplanet war
von einem Parasiten bevölkert,
der sich rasend vermehrte.
Wenn das Schiff den Planeten erreichte,
wären seine Lebensgrundlagen längst zerstört.

Und in ihrem ohnmächtigen Zorn,
in ihrer ohnmächtigen Wut
benannten sie den Parasiten
nach dem widerwärtigsten und grausamsten Tier,
dessen Name ihnen von ihrem Heimatplaneten
durch so lange Zeit
überliefert worden war.
Sie nannten ihn:
Mensch.

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Der unsichtbare Mensch

Unsichtbarkeit ist auch nur eine Frage der Perspektive und wenn man den Gedankengängen in dem folgenden Gedicht glauben darf, steht es um die Sichtbarkeit der Menschheit insgesamt nicht besonders gut, was vielleicht gar nicht so schlecht ist.

Hans-Peter Kraus · geb. 1965

Unsichtbar

Wir sind unsichtbar.
Wir gehen auf unsichtbaren Straßen
durch unsichtbare Städte
in unsichtbaren Ländern.
Vielleicht
(die Wahrscheinlichkeit ist äußerst gering)
wird irgendwann irgendwer erahnen,
dass es hier Lebewesen gegeben haben muss,
die in der Lage waren, dem Planeten
Strukturen aufzuzwingen.
Doch warum diese Lebewesen versucht haben,
ihren eigenen Planeten zu vergiften,
wird ein unlösbares Rätsel bleiben.
Ein Rätsel, das in Vergessenheit gerät,
eine Obskurität aus einem winzigen Sternensystem
in einer nicht besonders interessanten Galaxis.

Wir sind unsichtbar
und werden es
(mit allergrößter Wahrscheinlichkeit)
für immer
bleiben.

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Ein unappetitliches Gedicht

An dem folgenden Gedicht ist nichts schön, es reimt sich nicht, es ist nicht kunstvoll, es ist nur eine dumme Aufzählung mit einer nervtötenden Anapher. Und so muss es auch sein.

Hans-Peter Kraus · geb. 1965

Ich töte dich

Ich töte dich, weil du ein Kind vergewaltigt hast.
Ich töte dich, weil ich dich liebe.
Ich töte dich, damit du mich nicht tötest.
Ich töte dich im Namen Pupols des Zweiten.
Ich töte dich, weil mir die Zigaretten ausgegangen sind.
Ich töte dich, weil heute der 8. November ist.
Ich töte dich im Namen des Herrn.
Ich töte dich, um meinen Bruder zu rächen.
Ich töte dich, weil du eine Frau bist.
Ich töte dich, weil meine Mannschaft verloren hat.
Ich töte dich, um berühmt zu werden.
Ich töte dich im Namen des Volkes.
Ich töte dich, weil du der Feind bist.
Ich töte dich, weil ich Köpfe sammle.
Ich töte dich, weil es mir befohlen wurde.
Ich töte dich, um dich zu erlösen.
Ich töte dich, weil du zu viel Geld hast.
Ich töte dich, weil mir keine andere Wahl bleibt.
Ich töte dich im Namen der Gerechtigkeit.
Ich töte dich, weil ich schlechte Laune habe.
Ich töte dich, weil du ein Ungläubiger bist.
Ich töte dich, um mein Eigentum zu verteidigen.
Ich töte dich, weil du nicht gehorcht hast.
Ich töte dich, weil’s Spaß macht.
Ich töte dich, weil ich dich hasse.
Ich töte dich, weil ich als Kind geschlagen wurde.
Ich töte dich im Namen der Revolution.
Ich töte dich, damit es regnet.
Ich töte dich, um mein Gewehr auszuprobieren.
Ich töte dich, weil du schlecht bist.
Ich töte dich, weil ich es kann.
Fortsetzung folgt …

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