Unterm Lyrikmond

Gedichte lesen und hören, schreiben und interpretieren

Gedichte über Einsamkeit 1

Um ein Gedicht zu schreiben, muss man nicht einsam sein, aber mindestens allein. Dennoch kannten viele Dichter das Gefühl der Einsamkeit und haben darüber geschrieben. Wer jedoch schmerzliche Oden erwartet, wird eventuell enttäuscht. Man kann Einsamkeit auch bewusst wählen und in ihr neue Kräfte sammeln.

 

Ein Tucholsky-Gedicht über Einsamkeit

Kontemplativ kommt dieses Tucholsky-Gedicht daher, denn der große Vorteil der Einsamkeit besteht darin, dass man Zeit zum Nachdenken, zur inneren Einkehr hat.

Tucholsky: Einkehr

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Einsam auf eigenen Füßen

Von der Einsamkeit auf eigenen Füßen zu stehen spricht dieses Gedicht. Geschildert wird eine Situation, die vor 100 Jahren nicht anders war als heute.

Paul Ernst · 1866-1933

Die beiden alten Leute sind allein ...

Die beiden alten Leute sind allein.
Sie setzen sich:
Vater steckt die Brille ins Futteral
Und schneidet den Sonntagsbraten an.
Dann lassen sie die Gläser klingen:
„Auf unseren Jungen.“

Und ich sitze allein,
Sonntags,
Von weitem eine Tanzmusik.
Und ich denke
An die Alten.

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Die Einsamkeit in der Fremde

Um zu erkennen, dass Deutschland schon lange ein Einwanderungsland ist, reicht es, tagtäglich Straßenbahn, Bus oder Zug zu fahren. Dabei haben Ausländern nicht nur mit Sprache und Alltagskultur zu kämpfen, sondern auch: mit der Einsamkeit.

Hans-Peter Kraus · geb. 1965

Irgendwo in Deutschland

In der Straßenbahn
studiert eine Frau die Zeitung.
Oben links auf der Seite
ein Foto von einem küssenden Paar.
Der Rest besteht aus Kleinanzeigen
in kyrillischer Schrift.

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Die Einsamkeit des Wanderers

Selbst gewählte Einsamkeit muss nicht bedeuten, sich an einem Ort zu verstecken. Auch die ruhelose Wanderschaft ist eine Form der Einsamkeit, wie dieses Gedicht zeigt.

Georgi Kratochwil · geb. 1979

Wanderer

Ich gehe morgens los,
doch komme niemals an,
gehöre nirgends hin.
Ich bin der Wanderer –
ich bin.

Die Städte sind mir gleich,
die Menschen ebenso,
ich seh’ nicht ihren Sinn.
Ich bin der Wanderer –
ich bin.

Des Lebens kurzen Pfad
den gehe ich allein,
kein Glück, das ich mir spinn’.
Ich bin der Wanderer –
ich bin.

So war’s die ganze Zeit
bis ich dir begegnet bin.
Nun mag stürmen stärkster Wind:
Wir sind die Wanderer –
wir sind.

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Die Einsamkeit des Wanderers II

Solange der Wanderer allein ist, fühlt er in diesem Gedicht seine Einsamkeit nicht, doch dann sieht er einen jungen Burschen (Fant).

Albert Sergel · 1876-1946

Durch blühende Lande geht mein Weg ...

Durch blühende Lande geht mein Weg,
und mit den Wolken geht mein Traum,
bald schlaf’ ich unterm Brückensteg
und bald im Feld am Lindenbaum.

Die schlimmsten Sorge bleibt mir fern,
zufrieden ist mein Wanderblick;
und leuchtet mir kein heller Stern,
so trügt mich auch kein Alltagsglück.

Nur neulich, als im Abendrot
ein junger Fant nach Hause kam,
sein junges Weib den Mund ihm bot
und er ans Herz die Kinder nahm:

Da fiel auch mich ein Sehnen an
nach Weib und Kind und eignem Herd ...
Verstohlen meine Träne rann,
und still hab’ ich mich abgekehrt.

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Ein modernes Gedicht über Einsamkeit

Ein Gedicht über jemanden, der sich noch nicht ganz abgefunden hat mit seiner Einsamkeit, ein letzter Rest Sehnsucht ist geblieben.

Emanuel Mireau · geb. 1974

Früher Abend

Da ist noch manchmal
ein Sehnen
nach dem sanften Licht des Mondes.
Da ist noch manchmal
Begehren
nach dem weichen Wind des Sommers.

Doch früher Abend ist,
in den Fenstern flackert das Licht.
Und du? Du gehst allein
durch wütende Straßen.

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Kommentar:
Das Gedicht ist ein Beispiel für die Verwendung von Assonanzen statt Reimen. Bei Assonanzen sind nur die Vokale gleich, die Konsonanten unterscheiden sich (siehe den letzten Tipp von Tipps und Tricks beim Versbau). Nur bei den beiden Schlussversen gilt selbst dies nicht mehr, was mit dem Inhalt („allein“) konform geht.

 

Morgenphantasie

Wenn man sich schon morgens aus seiner Einsamkeit phantasiert, macht einen das verletzlich, wie das folgende Gedicht zeigt.

Dyrk Schreiber · geb. 1954

lindenblatt

wie immer böse und zu früh
klingelt ihn der tag aus dem bett
so geht er schnell vorbei
an den helden die noch am tresen
cowboy spielen es besser machen
als der erschossene im film gestern
da ist ihm nach der traumlosen
elend kurzen nacht
was anderes im sinn
ein mädchen das er nach dem bad
ins frotteetuch hüllen
ihr klatschnasses haar in das er sich
unsterblich verlieben würde
woher aber immer dieses mädchen
in solchen momenten und warum
und dieses schöne schöne haar
über dem frotteetuch ganz nah
an seinem gesicht seinem mund seinem herz
doch an der ecke
hätten die ihn sehn müssen
wie er angetippt sich blitzschnell
umdreht und zuschlägt
als wolle er jemanden verteidigen
ein lindenblatt
natürlich
verabschiedet sich dabei
von seiner schulter

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Ein Gedicht über Einsamkeit von Rilke

Fast schon eine Warnung ist Rilkes Gedicht, denn in der einsamen Verborgenheit wacht etwas, das besser nicht heraus gelassen wird.

Rilke: Im Schoß der silberhellen Schneenacht ...

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Nicht allein, aber einsam

Einen tiefen Blick in die Einsamkeit tut dieser österreichische Dichter, der anscheinend die Einsamkeit in all ihren Facetten kennt.

Wildgans: Tiefer Blick

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Die unüberwindbare Kluft

Weder Sprache noch Gefühle können die Kluft zwischen zwei Menschen überwinden. Selbst wenn man nicht einsam ist, bleibt man doch allein. Das ist die pessimistische Grundaussage des folgenden Gedichts.

Ludwig Fulda · 1862-1939

Allein

Alle sind wir so allein ...
Was kann einer dem andern sein?
Kann wohl in die Augen sehn,
Aber nicht in des Herzens Grund,
Kann nur ahnen und nicht verstehn,
Was ihm beichtet ein zuckender Mund.
Worte sind arme, plumpe Zeichen,
Bilder, die nicht dem Urbild gleichen,
Das gespenstisch die Brust beklemmt ...
Alle sind wir einander fremd.

Wenn wir Hand mit Hand umwinden,
Glühend begehren und, ach, so gern
Uns für immer zusammenbinden,
Ewig bleiben wir uns doch fern.

Fern im Leben und fern im Tod.
Jedes stille stygische Boot
Führte, wenn es zum Hades glitt,
Ungelöste Rätsel mit.

Weglose Finsternisse schwärzen
Den tiefen Abgrund von Herzen zu Herzen.
In die geliebte Seele bricht
Liebe mit fahlem, tastendem Schein
Wie durchs Dunkel ein Grubenlicht ...
Alle sind wir so allein.

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Einsamer Abend

Anscheinend ist es keine gute Idee, am Abend auf eine belebte Straße zu gucken, wenn man gerade allein ist. In diesem Gedicht wird dadurch das Einsamkeitsgefühl bis zur allerletzten Einsamkeit des Lebens verstärkt.

Adolf Bartels · 1862-1945

Abendstimmung

Ein heller Streifen noch im Westen dort –
Auch er erblasst, und Abend ist es wieder.
Ich lege müde meine Feder fort
Und blicke träumend in die Gasse nieder.

Dort strahlt bereits des Gaslichts gelber Schein,
Und unaufhaltsam seh’ ich Menschen wogen.
Mir ist, als sei nur ich zu Haus allein,
Die ganze Welt der Freude nachgezogen.

Mir ist, als fliehe mich die ganze Welt
Und nahe sei die Nacht, die letzte grause,
Wo alles wankt und stürzt und jäh zerfällt –
Und mich alleine träfe sie zu Hause.

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Einsamkeit im Spiegel

Manchmal hilft nur einer richtiger Blick in den Spiegel, um zu erkennen, was mit einem los ist. Aber zuerst geht’s ins Kino:

Hans-Peter Kraus · geb. 1965

Der letzte Blick

Ich war zu früh.
Ich saß allein im kleinen Kinosaal.
Es lief keine Musik.
Es war still.

Dann kam doch ein Paar.
Als sie sich eingerichtet hatten,
war es noch stiller.

Die Werbung begann.
Während der Werbung
kamen noch zwei Paare.

Das Licht ging wieder an.
Drei Reihen vor mir saß ein Paar.
Zwei Reihen vor mir saß ein Paar.
Eine Reihe vor mir saß ein Paar.

Der Film war etwas skurril,
bevölkert mit ein paar merkwürdig aussehenden
einsamen Gestalten,
wie sie es in der Realität nicht gibt.

Dachte ich.

Auf dem Weg zur U-Bahn
schaute ich mir die Leute an.
Tatsächlich waren darunter einige
merkwürdig aussehende einsame Gestalten,
wie sie es im Film hätte geben können.

Während der Fahrt durch den dunklen Tunnel
habe ich dann einen Fehler gemacht.
Ich sah
in die spiegelnde U-Bahn-Tür.

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Risiken und Nebenwirkungen der Einsamkeit

Ich würde niemals behaupten, dass das folgende Gedicht einfach zu lesen ist. Man muss schon bereit sein, sich einzulassen auf Satzbauten am Rande des Nervenzusammenbruchs, auf abrupte Tempowechsel und Sprachkapriolen, die zeigen, dass die hier gerühmte Einsamkeit ihre Risiken und Nebenwirkungen hat.

Arno Holz · 1863-1929

Gottseidank ...

Gottseidank!

Die
Haustür ist zu;
der
kletternd steile, schmale, enge,
an Lehmanns, an Krauses, an Müllers, an Schulzes,
an Schmidts, an Neumanns, an
Plischkes, an Plaschkes, an Meyers, an Beyers,
an
Levis,
an Cohns und an Nathans
vorbei
bis vor meine doppelt verschlossene, bis vor meine dreifach verriegelte,
bis
vor meine
wohl verrammelte
Bleibe, Behausung, Kabuse, Kamurke
und mein mit Recht und mein Hohn und mein mit Spott
sich so betitelndes, sich so benennendes,
sich
so beschimpf-ehrendes
Gedanken-Hochburg-Jammerheim
steigende,
leitende, führende, lenkende
Hundertundzweiunddreißigstufenschacht
stockpechschwarzdunkel;
der
dichte, dicke,
wollsamtene, rote,
lichtundurchlässige Fenstervorhang,
mein Prunk, mein Hochgut, mein Kleinod, mein Stolz,
meine mich „schirmende“, meine mich „schützende“,
meine
mich „bergende“ Prachtvorrichtung
für
lange, schwere,
von meiner „Umwelt“ mich abschließende, von meiner „Mitwelt“ mich absondernde
von
„Menschen“
mich trennende,
einsiedlerische, klausnerische,
arbeitsame, fleißige,
verrückte, sogenannt „phantasiebeflügelte“
Winterabende,
sorgfältigst, vorsichtigst, behutsamst, umständlichst,
gewitzt und ... „für alle Fälle“
auf
jedes Spältchen,
auf jedes Ritzchen, auf jedes Schlitzchen
hin
nochmals kontrolliert,
nochmals zusammengesteckt und nochmals versichert:
mich
kann niemand mehr
besuchen!

Erquickende Ruhe! Einsamster Friede!
Ambrosischste
Stille!

Köstlichst tröstendstes
Labsal!
Sänftigendst linderndstes Wohlgefühl! Süßest seligstes Entzücken!

Immer wieder
wonnigst
unfassbares Glück!

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Kommentar:
Dies ist das Einleitungsgedicht aus Phantasus II in der Ausgabe „letzter Hand“ von 1925. In diesem Stil geht es einige hundert Seiten weiter, ein Balanceakt zwischen Genie und Wahnsinn. Im Original ist das Gedicht zentriert gesetzt. Holz war der Auffassung, dass dies die beste Lösung wäre für die extremen Längenunterschiede bei den Versen.