Unterm Lyrikmond

Gedichte lesen und hören, schreiben und interpretieren

Kurze Gedichte über das Leben

Das Leben ist zu kurz, um lange Gedichte zu schreiben. Dieser Weisheit folgen die Dichter der folgenden kurzen Gedichte über das Leben. Tatsächlich ist ja die Kunst der Verdichtung, der Konzentration, um Freiräume für Wichtigeres zu schaffen, eine gute Richtschnur fürs Leben.

 

Das menschliche Leben

Keine guten Nachrichten hat Erich Mühsam zum Thema menschliches Leben. Die Ähnlichkeit in komprimierter Form mit dem berühmten Claudius-Gedicht ist sicher kein Zufall.

Mühsam: Was ist der Mensch ...

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Ein halbleeres Glas vom Leben

Bekanntlich ist das Glas bei Pessimisten immer halbleer, und so findet in diesem kurzen Gedicht über das Leben das lyrische Ich in aller Fülle immer Leere.

Richard von Schaukal · 1874-1942

Zeitlichkeit

In allem Wissen Dunkelheit,
in allem Haben Angst und Neid,
in aller Macht Verworfenheit,
in aller Liebe Widerstreit,
in allem Hoffen Bangigkeit,
in aller Lust Vergänglichkeit,
in jeder Neige Bitterkeit:
dies, Mensch, ist deine Zeitlichkeit.

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Durchs Leben wandern

Das Leben geht weiter, heißt es oft nach Unglücksfällen. Diese zugleich furcht- und wunderbare Weisheit ist in diesem Kurzgedicht Vorbild für die rechte Art zu leben.

Peter Baum · 1869-1916

Ich wandere

Ich wandre und kenne nicht Zeit noch Raum
Und lächle ins Leben, als sei es ein Traum,
In wehenden Gärten, die Dämmerung umflicht –
Ich staun’ wie ein Kind in das zitternde Licht. –
Sie sagen, ich altere Jahr um Jahr,
Mir welke die Wange, mir bleiche das Haar,
Am Ende des Weges, da harre der Tod,
Weiß nicht, ob er lächelt, weiß nicht, ob er droht.
So wandre ich, wandre ich Nacht und Tag
Wolken Sternen und Schatten nach.

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Reise ins Ich

Das lyrische Ich in diesem Gedicht entdeckt bei seiner Reise ins Innere ein paar alte Gräber, die sein Ich mit durchs Leben schleppt.

Heinrich Hart · 1855-1906

Abgrund des Ichs

Abgrund des Ichs! Ins Ich tauch’ ich hinab
Und finde keine Schranken, keine Grenzen.
Dort in der Dämmerung reiht sich Grab an Grab,
Hier wogt das Licht und frische Saaten glänzen.
In jenen Gräbern ruht mein frühes Leid,
Mein erstes Lieben und mein erstes Hassen.
Tot! Alles tot und bleibt es auch alle Zeit
In mir, und wird von meinem Ich nicht lassen.

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Leben ist unser Fußball

Es gab mal eine DADA-Zeitschrift namens „Jedermann sein eigner Fußball“, doch in diesem Gedicht wird ganz undadaistisch ein Vergleich angestellt zwischen dem Geschehen rund um den Platz und dem Leben.

Hans-Peter Kraus · geb. 1965

Die Frage ist

Zuerst glaubt man,
das Leben ist ein volles Bundesligastadion
mit einer Wahnsinnsstimmung, einem Spiel
voller Rasse und Klasse und Dramatik bis
zur letzten Minute.

Doch irgendwann merkt man,
das Leben ist
nur ein müder Kreisligakick
vor dreißig Zuschauern,
mit zwei Mannschaften,
die sich redlich bemühen,
Fußball zu spielen.

Die Frage ist,
wie man damit klarkommt.

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Kommentar:
Mehr Gedichte über Fußball, das Spiel mit den 44 Beinen, etwas Rundem und zwei Eckigen.

 

Philosophie des Plagiats

Ein kurzes Gedicht, das alle Freunde des ungehemmten Kopierens freuen wird: Wir sind im Leben alle Plagiatoren. Und der der Autor geht mit gutem Beispiel voran, denn eigentlich wird er zu den Expressionisten gezählt, doch dieses Gedicht ist eher im Stil von Rilke oder Hugo von Hofmannsthal geschrieben.

Lichtenstein: Die Plagiatoren

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Ein kurzes Rilke-Gedicht über das Leben

Hier resümiert Rilke das Leben eigentlich auf eher optimistische Art.

Rilke: Ich lebe mein Leben ...

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Ein Tropfen Leben

Das Bild eines Tropfens verwendet der Dichter in diesem kurzen Gedicht über das Leben, um die Frage zu stellen nach dem, was bleibt.

Jakob Loewenberg · 1856-1929

Leben

Ein Tropfen gleitet am Baum herab,
erst langsam, zitternd, sachte, sacht.
dann immer tiefer, schneller, schnell
bis in der Erde dunkle Nacht.

Wo war er nur? Was blieb von ihm?
Ein Hauch, der spurlos sich verliert.
Ob nicht der Baum im tiefsten Mark
Den kleinen Tropfen doch gespürt?

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Plädoyer für das ganze Leben

Der Harlekin plädiert in seinem kurzen Gedicht über das Leben fürs Mitnehmen all der Schmerzen.

Hofmannsthal: Liedchen des Harlekin

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Lebensgenuss

Ein Plädoyer, auch Wein, Weib und Gesang im Leben mitzunehmen, ist dieses Kurzgedicht, denn ohne ... man kann’s nicht sagen:

Hartleben: Die jubelnd nie den überschäumten Becher ...

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Jugend und Alter

Das Alter mag, was die Lebensart angeht, seine Vorzüge haben und dennoch vermisst der Dichter in diesem Gedicht etwas.

Bauernfeld: Rückblick

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Das freie Leben

Das wusste Buddha schon, dass ein Leben frei von Begierden eine befreiende Wirkung hat. In Zeiten, wo man tagtäglich die Schönen und Jungen in den Medien sieht, muss man daran wieder erinnern.

Samira Schogofa · geb. 1958

In meiner verbrauchten Haut

In meiner verbrauchten Haut
bin ich sehr gern zuhaus.
In meinem Schorfgehäuse
kenn’ ich mich aus.
Muss nicht mehr brünstige Blicke stumm ertragen.
Muss nicht mehr Schürzenjäger schroff verjagen.
So manches Leid erzählen meine Falten.
Ab jetzt gehör’ ich endlich zu den Alten.
Amouren sind mir einerlei.
Nun bin ich frei.

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Das Leben als Fasttreffer

Und hier präsentiert Fontane eine weit verbreitete Lebenserfahrung: Immer wenn man denkt, man hat es, hat man’s nicht.

Fontane: Dreihundertmal

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Noch ein kurzes Fontane-Gedicht übers Leben

Eine pessimistische Lebenssicht präsentiert Fontane in diesem kurzen Gedicht. Wenn man sich die letzten 5000 Jahre der Menschheit anguckt, ist er aber vielleicht auch nur realistisch.

Fontane: Aber es bleibt auf dem alten Fleck

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Eine Lebensweisheit von Fontane

Eigentlich ist das Thema dieses Gedichts ein alter Hut, der aber oft vergessen wird. Von daher dient es als Erinnerungsknoten im Taschentuch (nicht im Hut), dass das Innere zählt, nicht das Äußere.

Fontane: Es kann die Ehre dieser Welt ...

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Langer Rede kurzer Sinn

Der langen Rede des Titels folgt ein kurzes sinniges Gedicht.

Hans-Peter Kraus · geb. 1965

Der Sinn des Lebens unter Berücksichtigung der Entfernung zum nächsten bewohnbaren Planeten

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Ein alter Grieche über das Leben

Standesgemäß in Distichen (=Hexameter+Pentameter) denkt ein alter Grieche in diesem Gedicht über das Leben nach.

Aesop · etwa 6. Jhdt. v. Chr.

Ohne den Tod, wie entflöhe man dir, o Leben? ...

Ohne den Tod, wie entflöhe man dir, o Leben? Da tausend
Übel du hegst: Nicht zu fliehn, noch zu ertragen ist leicht.
Lieblich zwar ist und schön, was Natur schafft: Erd und Gewässer,
Und die Gestirne, des Monds, Helios strahlender Kreis,
Alles das andere jedoch ist Trübsal und Furcht, und wenn einer
Gutes erfährt, zum Lohn trifft ihn die Nemesis leicht.

(Übertragen aus dem Griechischen von Wilhelm Hertzberg)

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Kommentar:
Zwei Begriffe blieben unübersetzt: Helios ist die Sonne (auch die Sonnengöttin) und Nemesis die Göttin der ausgleichenden Gerechtigkeit.