Unterm Lyrikmond

Gedichte lesen und hören, schreiben und interpretieren

Neue politische Gedichte

Dichter sind nicht immer so clever gewesen, sich aus der Politik herauszuhalten. Gedichte darüber zu schreiben, bringt sicher viel mehr Befriedigung, denn Gedichte sind ihrer Natur nach monologisch, also kann man ohne Widerrede politisieren.

 

Politik und Portemonnaie

Eins von diesen Gedichten, wo man vielleicht etwas schmunzelt, aber auch gestehen muss, dass sich nach 100 Jahren ein paar Vokabeln geändert haben, doch sonst nicht viel.

Thoma: Das Lied der Großindustriellen

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Gericht-Gedicht

Nach dem Motto „Leistung muss sich wieder lohnen“ wird in diesem Gedicht gefordert, Beraubungsleistungen angemessen zu honorieren.

Wolfgang Rödig · geb. 1965

Justizvollzugsanstalten

Justizvollzugsanstalten hätten Platz
für die hohen Herr'n, die's Nieder'n rauben,
und könnten geben aus der Hand den Spatz,
sich herunterhol'n vom Dach die Tauben.

Man könnt' so schön und gut und mit Bedacht
's elitäre Pack gefangenhalten.
Doch die Gerichtsbarkeit hier schweigt und macht
keinerlei Justizvollzugsanstalten.

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Gedicht über Waffen in Amerika

Waffen in Amerika, das ist ein schauerliches Buch von Mord und Leid. In diesem politischen Gedicht wird eine kleine Randnotiz dazu verarbeitet.

Hans-Peter Kraus · geb. 1965

Ein amerikanisches Märchen

Es war einmal
in Amerika,
da waren Spielzeuggewehre der Renner.
Spielzeuggewehre
mit einem Wassertank
und einem Wasserstrahl,
der auf fünfzehn Metern einen Spatz vom Ast fegte.
Eines Tages
trug es sich zu,
dass ein belästigter Bürger zurückschoss.
Seine Kugeln
waren echt.
Ein Junge
wurde schwer verletzt, hieß es.
Nach diesem schrecklichen
Unfall
traten einige
der vom Volk gewählten Weisen
mit der Idee an die Öffentlichkeit,
die Waffen
endlich
zu verbieten –
die Spielzeugwaffen.
Und wenn sie nicht gestorben sind,
dann wird auch heute noch
auf sie geschossen.

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Die Politik des Präsidenten

Es gab mal eine Zeit, da war „die Bombe“ allgegenwärtig. Jetzt muss man ab und an wieder daran denken, seitdem es einen Präsidenten mit merkwürdiger Fönfrisur gibt.

Hans-Peter Kraus · geb. 1965

Andes

Wir hatten noch so viel vor,
doch dann verliebte sich
der Präsident in die Bom-
b
un wi hatt plötz andes
trink ess
schlaf vgess

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Revolution!

Es ist nicht unbekannt, dass Revolutionen dazu führen, eine alte Machtelite durch eine neue auszutauschen, trotzdem ist es immer wieder lustig, wenn man den Schrei nach einer Revolution hört.

William Butler Yeats · 1865-1939

Der große Tag

Hurra für Revolution und Kanonen-Salut;
der Bettler zu Pferde peitscht den Bettler zu Fuß.
Hurra für Revolution und Kanonen erneut,
getauscht die Plätze, knallt die Peitsche auch heut.

Übertragen aus dem Englischen von Hans-Peter Kraus

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Kommentar von Hans-Peter Kraus zur Übertragung:

Die Reime scheinen mir unrein zu sein, vielleicht gehen sie aber im irischen Englisch auf. Ich habe die Nachlässigkeit beim Reim einmal durch einen Halbreim nachgebaut. Der zweite Reim hat sich aufgedrängt, ich habe ihn daher nicht künstlich verunstaltet. Im zweiten und vierten Vers gibt es eine interessante Möglichkeit recht einfach einen Hebungsprall zu erzeugen:

...
der Bettler zu Pferd peitscht den Bettler zu Fuß.
...
die Plätze getauscht, knallt die Peitsche auch heut.

Das würde gut zur Peitsche passen, wäre aber im Englischen auch möglich gewesen, z.B. durch „horse“ statt „horseback“. Der Dichter hat drauf verzichtet, also hab ich es ebenso gehalten.

 

Aufgehängte Politiker

Als Aufhänger nutzt dieses Gedicht eine Szene, wie sie alle paar Jahre vorkommt. Die abschließende Frage ist des Nachdenkens wert, denn irgendwas läuft hier schief.

Hans-Peter Kraus · geb. 1965

Aufhänger

Die ganze Straße hinunter
hängen Politiker an Laternen
und lächeln
zu dümmlichen Parolen.
Was
haben wir nur falsch gemacht?

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Das Gedicht zur nächsten Wahl

... und zur nächsten und zur übernächsten und zur überübernächsten. Es ist schon erstaunlich wie konstant richtig diese Wahlvorhersage von Ludwig Thoma für Deutschland passt. Ausnahmen bestätigen die Regel, doch wer immer noch glaubt, die SPD wäre eine rote Partei, dem ist nicht zu helfen.

Thoma: Resignation

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Gedicht für Sozialdemokraten

Mit ein bisschen historischem Wissen versteht man das Gedicht aufgrund der Widmung. Die populäre Kurzfassung lautet: Wer hat uns verraten? Sozialdemokraten!

Mühsam: Der Revoluzzer (der deutschen Sozialdemokratie gewidmet)

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Ein politisches Gedicht über ...

Wenn ich vorab sagen würde, worum es hier geht, wäre das ja so langweilig wie die Politik. Die drittletzte Zeile bietet zudem noch eine Überraschung, über die man vielleicht etwas nachdenken könnte.

Hans-Peter Kraus · geb. 1965

Wie man es nennt

Wir wählen Leute, die wir nicht kennen,
damit sie über Dinge entscheiden,
von denen sie nichts verstehen.
Das nennt man
– völlig zurecht –
Demokratie,
Volksherrschaft.

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Wie es früher war

In diesem Gedicht werden einige Aspekte der Politik im Jahr 1958 beschrieben. Die unten angegebene Quelle lässt auf amerikanische Verhältnisse schließen. Zum Glück hat die Politik seitdem wesentliche Fortschritte gemacht.

Hans-Peter Kraus · geb. 1965

Aus dem politischen Leben im Jahre 1958

Wut und Hass schaden langfristig,
kurzfristig belohnen sie mit Adrenalin.
Ihre Propaganda braucht
Schlag-     Schlag-     Schlag-
worte,      worte,      worte,
viele falsche Fakten und
verwirrend unlogische Argumente.
Und Sündenböcke! Für die
Schlag-     Schlag-     Schlag-
worte,      worte,      worte.
Höchste Ideale
werden mit niedersten Instinkten verteidigt.

Eine Gesellschaft, deren Lebensinhalt
durch die Scheinwelten von Sport und
TV-Unterhaltung bestimmt wird,
kann sich nicht mehr wehren.

Der ideale politische Kandidat ist ein
Entertainer, der sein Publikum unterhält
und nicht
mit intellektuellen Anstrengungen überfordert.
Die Probleme dieser Welt werden durch
Schlag-     Schlag-     Schlag-
worte,      worte,      worte
in maximal 60 Sekunden Redezeit gelöst.
Den idealen Kandidaten bewirbt man
wie ein Deo.
Eine Kampagne wie Deo-Werbung
ist der beste Schutz dagegen, dass
der Wähler bei irgendeinem Thema
die Wahrheit erfahren kann.

(Komprimiert und versifiziert nach: Aldous Huxley, Brave New World Revisited, Harper & Row 1958)

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Politik machen

Es gibt viele verschiedenen Arten Politik zu machen. In diesem Gedicht werden zwei vorgeschlagen, deren Ergebnisse, wie so oft in der Politik, nicht völlig zufriedenstellend sind.

Georgi Kratochwil · geb. 1979

Machn

Come on! Come on!
Lass es uns machn,
die Welt braucht mehr Kinder,
die in Wohlstand leben,
in ferne Länder reisen
und Trinkgelder geben.

Come on! Come on!
Lass es uns machn,
die Welt braucht mehr Kinder,
die in Wohlstand leben,
Mauern errichten
und nach Gutem streben.

Come on! Come on!
Lass es uns machn
und die Erde zerstören
und Musik dabei hören.
Come on, baby,
come ON!

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Ein unpolitisches, politisches Gedicht

Ein bisschen Vergangenheit, ein bisschen Märchen und die Anleihe bei Heine machen aus diesem unpolitischen Gedicht ein politisches – oder andersherum.

Hans Retep · geb. 1956

Denk ich an Deutschland in der Nacht …

Denk ich an Deutschland in der Nacht,
dann bin ich reichlich angepisst
ob all dem ganzen großen Mist,
den Deutsche haben mitgemacht.

Denk ich an Deutschland in der Nacht,
dann spring ich in einen Brunnenschacht
und komme als Frosch zurück am Tag

und suche den Sarg, wo Schneewittchen lag,
denn nur ein Deutscher glaubt den Stuss,
dass er gerettet wird mit ’nem Kuss.

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Ein Gedicht über Macht

Genauer gesagt ist das Folgende ein Gedicht über Tod und Macht und was die Macht mit dem Tod macht.

Georgi Kratochwil · geb. 1979

macht

tod macht gleich
gültig
tod gleich macht
gültig
macht macht tot
gleichgültig

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Die Wahrheit über Flüchtlinge

Aus der Serie „Endlich sagt mal einer, wie es wirklich ist“ gibt’s nun ein Gedicht zum Thema Flüchtlinge in Deutschland.

Hans-Peter Kraus · geb. 1965

Die Welle

In Anbetracht der Flüchtlings-
welle, die über Deutschland
hereingebrochen ist,
haben sich viele Bürger gefragt:
Was wollen diese Leute hier?
Sind unsere Frauen und Kinder noch sicher?
Wird sich das öffentliche Leben demnächst
nach den Geboten des Islam richten müssen?
Holen wir uns den Terror ins Land?
Geht es mit Deutschland zu Ende?

Vierzehn Tage
nach Eröffnung des Flüchtlingslagers
im gegenüberliegenden Gewerbegebiet,
nach täglichen,
aufmerksamen,
intensiven,
zum Teil gar nächtlichen
Beobachtungen
komme ich nicht umhin festzustellen,
dass diese jungen Männer,
diese
Flücht-
linge
keinerlei Hehl aus ihren Absichten machen,
sie sogar in aller Öffentlichkeit
offenbaren.
Ihr ganzes Streben,
ihr ganzer Ehrgeiz,
ihre ganze Kraft
ist vor allem auf ein Ziel ausgerichtet:
Sie wollen
Fußball spielen.

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Ein Gedicht über Angst

Schlechte Nachrichten sind gut fürs Geschäft der Medien. Katastrophale Nachrichten sind noch besser. Die sich überschlagende Meldungen haben zwar wenig mit der tatsächliche Gefährdung zu tun, aber sie schüren Angst. Und ängstliche Leute sind leichte Beute für Politiker mit einfachen Lösungen.

Samira Schogofa · geb. 1958

Das war’s dann

Vorbei das Spiel, ihr Heimgesuchten.
Die Ungeliebten, fromm Verfluchten
ergreifen nun die dunkle Macht.
Die Bilder werden euch zersetzen.
Sie werden eure Seelen hetzen.
Müsst stets um euer Leben bangen.
Seid ganz in eurer Angst gefangen.
Der Terror wird zur Übermacht.
Er hat euch immer im Visier.
Wo ist die Hölle, wenn nicht hier?

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Bei uns zu Haus

Bei uns zu Haus sitzen Leute am Tisch, die man, wenn sie von woanders wären, Terroristen nennen würde. Ein politisches Gedicht, das anscheinend nie mehr an Aktualität verliert.

Peter Hönig · geb. 1946

Einer von uns

Ein Haus brennt
und sein ganzer Himmel darüber
als wären's wir selbst
denn einer von uns
von uns einer
muss es gewesen sein
der unsere Hände beschmutzte
unsere Worte
als er seine
in diese furchtbaren Flammen warf
mit seinem Lachen
seinem Hohn
und den Himmel entzündete
mit seinem Hass
als wären es unsere Worte
und unser Denken
einer von uns
noch immer
mit an unserem Tisch.

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Über den rechten Umgang mit den Rechten

Von Zeit zu Zeit gibt es immer wieder großes Nachdenken und Schwadronieren darüber, wie tolerant man mit den Intoleranten umgehen soll. Kurt Tucholsky hat kurz vor der dunkelsten Zeit der Intoleranz ein einfaches Patentrezept gefunden.

Tucholsky: Rosen auf den Weg gestreut

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Das Führerprinzip

In diesem Gedicht wird das Führerprinzip aufs Korn genommen, obwohl es das Leben doch so wunderbar erleichtert.

Martina Sens · geb. 1964

der schrei nach führung

obwohl sich der mensch -
rein instinktiv -
gegen beengende zwänge wehrt
kann man doch immer wieder
das brüllen nach einem
verantwortungstragenden
und somit entlastenden
führer vernehmen

und führt er auch
durch grauenhafte schluchten
und verschlingende moore
so geht es sich doch leicht
mit freien schultern
und leerem kopf

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Kommentar:
Mehr Texte von Martina Sens finden Sie auf ihrer eigenen Website: www.martina-sens.net