Unterm Lyrikmond

Gedichte lesen und hören, schreiben und interpretieren

Gedichte übers Fernsehen

Fernsehen ist die Freizeitbeschäftigung Nummer eins in Deutschland, selbstverständlich nur knapp vorm Gedichtelesen. Seine Wirkungen sind wissenschaftlich erforscht: Es macht dick, dumm und gewalttätig, aber immer nur die anderen. Naturgemäß hat die Lyrik das Thema lange außen vor gelassen. Wer als einzigen Sender den „Nature Channel“ sieht, schreibt keine Gedichte übers Fernsehen. Doch nun ist ein Anfang gemacht, ein paar Worte über den Kreativvernichter Nummer eins zu verdichten.

 

Eine Weisheit über Fernsehen

Jede Ähnlichkeit mit dem Spruch „Schach ist wie ein See, in dem eine Mücke baden und ein Elefanten ertrinken kann“ ist rein zufällig und völlig unbeabsichtigt.

Hans-Peter Kraus · geb. 1965

Altes indisches Sprichwort

Das Fernsehen ist
ein Teich,
an dem sich Mücken tummeln,
um einen Plastikelefanten
ertrinken zu sehen.
Echte Elefanten
lesen lieber.

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Das Ende vom Lied

Fernsehen ist berühmt fürs Happy End, doch was ist ein Tele End?

Hans-Peter Kraus · geb. 1965

Tele End

Neben der Wohnungstür
des jungen Ehepaars
steht der leere Karton
eines Riesenflachbildschirms.
Das war’s dann wohl.

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Fernsehgeständnis

Das lyrische Ich im folgenden Gedicht legt ein volles Geständnis seiner Fernsehuntaten ab:

Frederike Frei · geb. 1945

Abend, teuer

Man liest nicht mehr,
schreibt eine, die
gelesen werden will.

Der Satz schafft Platz.
Buchstaben lockern
sich, fallen aus.

Ohne Biss mümmeln
Hirne vor sich
hin. Alles sitzt da,

steht da, sieht fern. Was soll
ich sagen von Jahren,
die ich am Teletropf hing,

von Tagen, an denen ich
lieber Leute zum Bildschirm
einließ als zur Tür.

Meine beiden Leben, das
schwarze und weiße, gab’s
endlich in Farbe, seit ich

mit dieser Beziehungskiste
verabredet war, um nicht . . .
unglücklicher zu werden

übers Wochenende. Ich lebte
von Luft und BAT VIII und
suchte mich auf jedem Kanal.

Bilder hetzten die Lider,
drangen in Höhlen,
pumpten Augäpfel auf,

Entleibte nahm ich für voll,
starr stand der Wald, Krieg
war mit Händen zu greifen.

Sein oder Nichtsein, das war
keine Frage. Tausend Jahre sind
vor dem Bildschirm ein Tag.

Ich blieb stehen wie Uhren
in Katastrophen. Nichts hatte
ich in der Hand, geschweige

einen Stift.

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Kommentar:
Mehr Texte von Frederike Frei: www.frederikefrei.de.

 

TV-Haiku

Haiku, eigentlich als Naturgedichte bekannt, haben im 20. Jahrhundert auch die moderne Welt erobert, und zur modernen Welt gehört selbstverständlich der Fernseher.

Hans-Peter Kraus · geb. 1965

der Fernseher läuft ...

der Fernseher läuft
die alte Dame guckt
aus dem Fenster

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Fernsehen und Revolution

In einem Klassiker der schwarzen Musikgeschichte heißt es „The revolution will not be televised“. Dieses Gedicht erklärt, warum dem so ist.

Hans-Peter Kraus · geb. 1965

Der Aufstand

Ein Aufschrei geht durchs ganze Land!
Endlich erheben sich die Massen!
Tooor!
Und fallen zurück in die Fernsehsessel.

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Gedicht über fliegende Fernseher

Flach sind sie ja inzwischen und nun können sie auch fliegen. Leider wird das nie im Fernsehen gezeigt.

Hans-Peter Kraus · geb. 1965

Nicht fernsehreif

Was ist ein Fernseher,
der aus dem Fenster fliegt?
Das ist: ein guter Start.
Und was ist,
wenn Fernseher
millionenfach
im Fluge sind?
Das ist: Die Revolution,
die nicht
ins Fernsehen kommt.

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Fernsehwunder

Ein nicht ganz unbekanntes Problem und seine wundersame Lösung schildert dieses Gedicht über Weihnachten und Fernsehen und Stille.

Hans-Peter Kraus · geb. 1965

Weihnachtswunder

An Heiligabend
war beim Nachbarn
wirklich und wahrhaftig
zum ersten Mal seit langer, langer Zeit
für eine volle, ganze Stunde
nichts zu hören
vom Fernseher.

Bei Kerzenlicht genossen wir
die himmlische Stille der Nacht.

Dann
ging der Strom wieder an.

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Die Schöpfungsschau

Warum die Welt in einem erbarmungswürdigen Zustand ist, lässt sich relativ leicht durch den Schöpfungsakt erklären, zu dem es in diesem Gedicht einige bisher nicht bekannte Hintergrundinformationen gibt.

Hans-Peter Kraus · geb. 1965

Biblische Geschichte des Fernsehens

Am Anfang war das Wort
Doch das ist nicht wahr
Denn was Gott sah
War das Bild
Das laufende Bild
Und es geschah
Dass Gott sah
Bis ihm schlecht war
Und er schuf die Welt
Und welch ein Schlamassel
Kein Jesus in Sicht
Der die Fernsehsender
Aus dem Leben vertreibt

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Ein alternativer Fernsehsender

Wenig bekannt, aber in diesem Gedicht besonders empfohlen wird ein Fernsehsender, der viele Extras über das übliche Programmeinerlei hinaus zu bieten hat.

Hans-Peter Kraus · geb. 1965

20 Jahre NO-TV

Es war im Sommer 1996:
Ich zog in die große Stadt und wurde süchtig,
süchtig nach NO-TV.
Zu einer Zeit als man noch im Kutschentempo
durchs Internet zuckelte und
Multimedia!
oder
Interaktiv!
nur Marketingschlagworte waren,
bot NO-TV multimediale, interaktive Programme
immer und überall abrufbar.
Kein Warten auf die nächste Folge einer Serie,
kein Wachbleiben bis Mitternacht,
weil öffentliche-rechtliche Quotenschieler meinten:
Das guckt doch keiner.
Bei NO-TV war und ist
jeder Nutzer sein eigener Programmchef.
Und die Kosten?
Für den Nature-Channel: null Cent!
Für den Literature-Channel kann man Bücher
in der Bibliothek ausleihen.
Fußball kostet natürlich, aber:
Spiele werden bis in die Amateurklassen live gezeigt
und NO-TV verzichtet auf duselige Kommentatoren
der Marke Prof. Dr. Offensichtlich
oder
Mr. Kindergeburtstag.
Dafür ist man wirklich mittendrin
und natürlich in 3D-Qualität, denn:
Die Welt ist keine Scheibe.
Dass sich vor einigen Jahren die Politik
eine Wohnungsabgabe für die staatlich geförderte
Flachweltenbespaßung ausgedacht hat, ist
bedauerlich, wird aber an der Faszination von NO-TV
nichts ändern.
Ein Fernseher
kommt mir in diesem Leben
nicht mehr ins Haus.

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Tipp: Der Kollege Retep hat auch ein paar Gedichte übers Fernsehen veröffentlicht, die sich sogar reimen.