Unterm Lyrikmond

Gedichte lesen und hören, schreiben und interpretieren

Gedichte zum 60. Geburtstag

Wer sich mit 60 noch kein Gedicht zum Geburtstag verdient hat, der hat irgendetwas falsch gemacht. Eine Art Seniorenschutz gibt’s trotzdem nicht. Auch mit 60 hat man noch ein Recht auf einen Geburtstag mit Humor, der auf eigene Kosten geht. Ein vorsichtiger Blick zum Thema Gedichte zum 70. und 80. bietet durch geringfügige Ersetzungen möglicherweise weitere Optionen bei der Auswahl des richtigen Geburtstagsgedichts.

 

Optimistisches Gedicht zum 60.

Wer zum 60. Geburtstag ans Ende denkt, kann mit diesem Gedicht beruhigt werden, denn: Reime lügen nicht.

Hans Retep · geb. 1956

Prognose zum 60. Geburtstag

Mit sechsundsechzig Jahren
da fängt das Leben an,
so sang vor vielen Jahren
ein damals junger Mann.

Mit deinen 60 Jahren
bist du noch gar nicht dran.
Drum nutz die Zeit zum Üben,
dann hast du Spaß daran.

Da Sterne niemals lügen,
ist die Prognose drin,
bevor’s dich zieht nach drüben,
gehn vierzig Jahre hin.

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Kommentar:
Wenn man genauer hinguckt, entdeckt man in diesem Gedicht eine ungewöhnliche Reimstruktur. Erst wird „Jahren“ in den ungeraden Zeilen zwei mal identisch gereimt. Dann wird dieser Reim durch „Üben“ ersetzt, doch ausgerechnet die erste Fortsetzung ist mit „niemals lügen“ nur ein Halbreim. Ob der der Dichter damit etwas sagen wollte?

 

Keine Angst vor der 60

Vollkommen reimlos kommt dieses Gedicht zum 60. Geburtstag daher. Trotzdem beruhigt es die Nerven, denn es zeigt sehr fußfest, dass die 60 inzwischen eine stabile Basis für wesentlich mehr Jahre ist.

Emanuel Mireau · geb. 1974

Die 60.

Da ist die Stufe.
Du musst sie betreten.
Das weißt du seit einem Jahr.
Doch warte!
Lass mich noch sagen:
Die Stufe ist nicht mehr dieselbe
wie damals in deiner Kindheit,
aus Holz
mit dem Geruch von Tabakqualm
und Bohnerwachs, knarzend
bei jedem Tritt.
Und denken wir weiter zurück,
an Generationen über Generationen,
für die sie kaum erreichbar war,
und wer sie doch betrat
mit letzter Kraft,
der tat es behutsam;
die Stufe war morsch und bröckelte.
Doch heute!
Tritt kräftig auf!
Hier wackelt nichts.
Hier bröckelt nichts.
Ihr Klang ist klar und laut.
Du kannst auf dieser Stufe springen
wie Kinder in einer Pfütze.
Ja! Tu es!
Dann blicke hinauf
zu all den Stufen,
die dich noch erwarten.
Mögen sie auch
so fest und solide sein
wie diese.

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Geburtstagsgedicht für Entdecker

Auch mit 60 gibt es noch viel zu entdecken, das ist der Tenor des folgenden etwas krausen Gedichts.

Hans-Peter Kraus · geb. 1965

Du beginnst dich alt zu fühlen

Du stehst mit einem Bein
im Grab,
mit dem anderen
auf einem Hochhaus.
Die Lage ist kompliziert,
aber nicht ernst.
Stoße dich vom Hochhaus ab
in den Himmel.
Mit etwas Glück
musst du nicht lang allein fliegen
und erwischst die Schwanzflosse
eines Flugzeugs, das dich irgendwo hinbringt,
wo du noch nicht warst.
Es gibt schließlich genug
Orte zu entdecken,
wo du noch nicht warst,
zu Wasser,
zu Lande
und in deinem Kopf.

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Willkommensgedicht zum 60.

Unter alten Kameraden herrscht manchmal ein etwas rauer Ton, wie dieses Gedicht zum 60. Geburtstag zeigt.

Hans Retep · geb. 1956

Willkommen im 60er-Club

Nun weilst du sechzig Jahr auf Erden,
das soll und muss gefeiert werden.
Denn lang warst du ein junger Schnösel,
doch heut bist du willkommen
in unserm Club der alten Esel.
Magst du auch hundert Jahre werden,
wir sind dabei,
ob über oder unter Erden.

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Pro und ein klein bisschen Contra im Gedicht zum 60.

Sechzig ist auch nicht mehr das, was es mal war, könnte man dieses Gedicht zusammenfassen.

Hans Retep · geb. 1956

Sechzig vs. sechzig

Sechzig –
waren früher alte Leute.
Heute
zieht dich diese Zahl nicht runter,
munter
blickst du auf die guten Jahre,
wahre
Schätze haben sie gegeben,
leben
ist bei Licht besehn was Feines,
eines
meldet nur im Kopf sich krächzig:
sechzig!

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Kommentar Hans Retep:
Ich habe erst mal nachgucken müssen, ob diese Reimform vom letzten aufs erste Wort einen eigenen Namen hat. Es handelt sich eigentlich um einen übergehenden Reim, eine besondere Form des Binnenreims, wobei ich hier das erste Wort jeweils in eine eigene Zeile gezogen habe, so dass letztlich doch wieder der normale Ausgangsreim entsteht.