Unterm Lyrikmond

Gedichte lesen und hören, schreiben und interpretieren

Von zwei bis fünf: Hebungen

Die Zahl der Hebungen pro Vers trägt einiges zum Rhythmus des Gedichtes bei, denn je schneller das Versende erreicht ist, desto häufiger ergeben sich Lesepausen. Fürs Schreiben gilt, dass je mehr Hebungen Verse haben, desto einfacher ist es, einen natürlichen Satzbau aufrechtzuerhalten. Als Standard haben sich drei bis vier Hebungen eingebürgert, Langverse mit sechs und mehr Hebungen können mit der menschlichen Aufmerksamkeitsspanne in Konflikt geraten, die bei etwa drei Sekunden liegt.

Naturgemäß ist ein Zweiheber am schwierigsten durchzuhalten. Der Satzbau macht Zeilensprünge notwendig, die Kurzatmigkeit der Verse führt zu einem Stakkatostil. Goethe lieferte eine der bekanntesten Umsetzung des Zweihebers:

Wie herrlich leuchtet
Mir die Natur!
Wie glänzt die Sonne!
Wie lacht die Flur!

Es dringen Blüten
Aus jedem Zweig
Und tausend Stimmen
Aus dem Gesträuch

Und Freud und Wonne
Aus jeder Brust.
O Erd, o Sonne!
O Glück, o Lust.
(Aus: Johann Wolfgang von Goethe, Mailied)

Inhalt und Form passen fraglos zusammen. Man sieht aber auch, dass Goethe geschummelt hat. Nur jeder zweiter Vers reimt. Eigentlich hätte er jeweils zwei Zeilen zu einem Vers zusammenfassen können. Dann hätte sich jedoch z.B. für die zweite Strophe ein etwas gemächlicherer Tonfall ergeben und der hessische „Zweig-Gesträuch“-Mundartreim wäre noch unangenehmer aufgefallen.

Eine typische Verwendung für den Zweiheber ist eine Art Aufzählung:

Alles kann Liebe:
zürnen und zagen,
leiden und wagen,
demütig werben,
töten, verderben,
alles kann Liebe.
(Aus: Marie Ebner-Eschenbach, Grenzen der Liebe)

Das Besondere hier ist, dass Ebner-Eschenbach zwei Senkungen zwischen die Hebungen platziert, die Form „XxxXx“ ist als Adonischer Vers bekannt.

Für reine Drei- und Vierheber gibt es Beispiele an jeder Lyrikecke. Deshalb zuerst ein Hinweis auf die unterschiedlichen Bedingungen der Metren und dann Beispiele für Mischvarianten.

Nutzt man als Metrum einen Jambus (xX), bei dem an den Versenden Senkungen und Hebungen wechseln (weibliche zu männliche Kadenz), ergibt sich folgendes Vierzeilenschema bei dreihebigen Versen:

xXxXxXx
xXxXxX
xXxXxXx
xXxXxX

Bei der entgegengesetzten Variante (Xx, Trochäus) erhält man unter den gleichen Bedingungen:

XxXxXx
XxXxX
XxXxXx
XxXxX

Jeder Vers hat eine Silbe weniger. Ein triviales Ergebnis, aber es kann beim Satzbau den Unterschied zwischen Leben und Tod bedeuten. Auch das dürfte ein Grund sein, warum der Jambus wesentlich beliebter ist: Die eine Silbe lockert das Korsett. Wenn also beim Satzbau mit Trochäus die Luft dünn wird, sollten Sie einen Umstieg erwägen.

Eine besondere Variante ist die Mischung zwischen Drei- und Vierhebern. Meist hat der Vers mit der weiblichen Kadenz (Senkung am Schluss) eine Hebung weniger:

Und drängen die Nebel noch so dicht
Sich vor den Blick der Sonne,
Sie wecket doch mit ihrem Licht
Einmal die Welt zur Wonne.
(Aus: Emanuel Geibel, Hoffnung)

Trotz der unterschiedlichen Zahl der Hebungen machen die Verse einen ausgewogenen Eindruck. Etwas deutlicher wird der Unterschied, wenn nur Hebungen am Schluss verwendet werden. Diese Strophenform hat sogar einen eigenen Namen: Chevy-Chase-Strophe.

Ich sehe oft um Mitternacht,
Wenn ich mein Werk getan
Und niemand mehr im Hause wacht,
Die Stern am Himmel an.

Sie gehn da, hin und her zerstreut
Als Lämmer auf der Flur;
In Rudeln auch, und aufgereiht
Wie Perlen an der Schnur.
(Aus: Matthias Claudius, Die Sternseherin Lise)

Die zweite Strophe mit den etwas zerstückelten Versen zeigt, dass Matthias Claudius die Gefahr des „Leierns“ erkannt hat, die bei der Chevy-Chase-Strophe mit ihrem ewigen Lang-Kurz-Wechsel droht.

Dies ist ein Herbsttag, wie ich keinen sah!
Die Luft ist still, als atmete man kaum,
Und dennoch fallen raschelnd, fern und nah,
Die schönsten Früchte ab von jedem Baum.
(Aus: Friedrich Hebbel, Herbstbild)

Was ist auffällig bei diesen fünfhebigen Versen? Es ist nichts auffällig im Sinne eines an die Verse angepassten Satzbaus. Wäre nicht der Reim besonders akzentuiert durch die ausschließlichen Schlusshebungen, könnte man die Strophe als Prosatext lesen. Der Fünfheber ist für den Versbau bequem und gefährlich zugleich. Bequem, weil man fast nichts passend machen muss, was nicht sofort passt; gefährlich, weil der Text allzu prosaisch werden kann. Hebbel hat hier deshalb nur den letzten Vers durchlaufen lassen, alle anderen sind in Abschnitte gegliedert, haben Zäsuren.

Und noch etwas ist auffällig in dem Sinn, dass es nicht auffällt: Kein Wort scheint überflüssig. Denn auch das ist eine große Gefahr, wenn man „Platz“ hat: Da wird einfach mal ein Wort zugelegt, um Lücken zu stopfen. Man sollte sich also gut überlegen, ob man mit bequemen fünf Hebungen arbeitet. Auch hier gilt: Die Form muss dem Inhalt entsprechen.

Zur Übung bietet sich das letzte Beispiel an: Versuchen Sie in etwa den gleichen Inhalt in vier-, drei-, zweihebige Verse umzuformulieren. Die Zahl der Verse, Metrum und Kadenz ist für jede Version frei wählbar.

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Autor: Hans-Peter Kraus (Kontakt).