Unterm Lyrikmond

Gedichte lesen und hören, schreiben und interpretieren

Tipps und Tricks beim Versbau

In diesem Artikel möchte ich Ihnen Wege zeigen, die Ihnen das Leben beim Versbau leichter machen. Die Tipps und Tricks sind dabei keine besondere Geheimnisse, sondern vielfach erprobte kleinere Grenzüberschreitungen.

Zu Anfang gleich etwas, das eigentlich zum guten Ton bei Gedichten gehört. Es geht hier nur darum, Ihnen dieses Mittel bewusst zu machen und auf seine Chancen hinzuweisen.

Jüngst im Traume sah ich auf den Fluten
Einen Nachen ohne Ruder ziehn,
Strom und Himmel stand in matten Gluten
Wie bei Tages Nahen oder Fliehn.

Saßen Knaben drin mit Lotoskränzen,
Mädchen beugten über Bord sich schlank,
Kreisend durch die Reihe sah ich glänzen
Eine Schale, draus ein jedes trank.
(Aus: Conrad Ferdinand Meyer, Lethe)

Die erste Strophe gehorcht dem ganz normalen Satzbau. Die zweite Strophe nutzt im ersten und dritten Vers die Möglichkeit, in Gedichten den Satzbau umzukehren oder entgegen dem üblichen Sprachgebrauch umzustellen: die Inversion.

„Es saßen Knaben drin …“ oder „Knaben saßen drin …“ wären die „richtigen“ Formen gewesen. Doch die erste Variante hätte gegen die hier für jeden Versbeginn gewählte Kombination Hebung-Senkung (Trochäus) verstoßen. Die zweite Version wäre möglich gewesen, aber Conrad Ferdinand Meyer war der Klang des Gedichtes wichtiger als die korrekte Grammatik. So wie er die Verse der zweiten Strophe gestaltet hat, ist in Vers eins und vier die zweite Hebung besonders betont, während in den mittleren Versen die erste Hebung den besonderen Akzent bekommt. Das sorgt für Abwechslung, die Mittelverse werden eingekreist: „Kreisend“ ist also nicht nur die „Schale, draus ein jeder trank“.

Überhaupt ist die Inversion zwar ein schönes Hilfsmittel, die Forderungen von Metrum und Reim zu erfüllen, doch sollten Sie sich im Klaren darüber, dass die verschobenen Satzstücke eine besondere Aufmerksamkeit erhalten. Vergleichen Sie:

Ein Birnbaum stand in seinem Garten.
Ein Birnbaum in seinem Garten stand.

Im ersten Satz ist der Birnbaum, weil zuerst genannt, etwas wichtiger als der Garten. Im zweiten Satz dominiert er ganz klar, weil „stand“ sich auf den Birnbaum bezieht, dieser durch die Stellung am Satzanfang und am Satzende über den Garten „hinauswächst“:

Herr von Ribbeck auf Ribbeck im Havelland,
Ein Birnbaum in seinem Garten stand,
(Aus: Theodor Fontane, Herr von Ribbeck auf Ribbeck im Havelland)

Was so aussieht, als ob es dem Reim geschuldet wäre, spielt dem Dichter tatsächlich in die Hände, der sein zentrales Bild gleich im zweiten Vers besonders hervorheben kann. Wenn Form und Inhalt sich so auf unauffällige Weise gegenseitig befeuern, ist das der Idealfall.

Eine andere Art der Umkehrung ist die Akzentverschiebung. Beachten Sie den dritten Vers:

Der hohen Taten Ruhm muss wie ein Traum vergehn.
Soll denn das Spiel der Zeit, der leichte Mensch, bestehn?
Ach! Was ist alles dies, was wir für köstlich achten,

Als schlechte Nichtigkeit, als Schatten, Staub und Wind;
Als eine Wiesenblum’, die man nicht wieder find’t.
Noch will, was ewig ist, kein einzig Mensch betrachten!
(Aus: Andreas Gryphius, Es ist alles eitel)

Die ersten beiden Verse zeigen ohne Ausnahme das Schema Senkung-Hebung (Jambus). Im dritten Vers hätte Gryphius schreiben können „Ach was ist alles dies …“ und somit dem Jambus Genüge getan. Doch durch den Ausruf „Ach!“ wird aus dem Schema des ersten Versteils „xXxXxX“ ein „XxxXxX“. Der erste Versfuß bestehend aus zwei Silben wird also umgedreht. Dies nennt man Akzentverschiebung oder auch versetzte Betonung bzw. Anaklasis.

Eine Akzentverschiebung kann eine Erleichterung sein, wenn man eine bestimmte Fortsetzung im Kopf hat, die sich nur so realisieren lässt, doch klar ist: Hier sollte schon etwas Wichtiges passieren, um diese Unterbrechung des Metrums zu rechtfertigen. Bei Gryphius ist damit ein Hinausgreifen der Strophe auf den Schluss das Ziel, der dadurch noch gewichtiger wird.

Wie das folgende Beispiel zeigt, kann aber auch nur die besondere Betonung eines einzelnen Wortes damit verbunden sein:

Mir schweift der Blick hinüber
In Weiten, dämmerfern;
Vom Himmel blinkt ein trüber
Einsamer Stern.
(Aus: Adolf Friedrich von Schack, Vom dunklen Schleier umsponnen …)

Will man nicht gegen die natürliche Betonung des Wortes „einsamer“ verstoßen, muss man den vierten Vers als Akzentverschiebung betrachten. Dies ist erstmal ein Konflikt, gerade weil in den Vorversen die erste Hebung auf der zweiten Silbe besonders stark ist. Aber da schließlich die erste Silbe gewinnt, erhält die zum Ausdruck gebrachte Einsamkeit eine besonders nachdrückliche Note.

Das Gegenstück zur Wandlung des Metrums durch Akzentverschiebung ist, eine Silbe anzuheben, die das nicht unbedingt verdient hat, um das Metrum durchlaufen zu lassen:

Die Winde schwangen leise Flügel,
Umsausten schauerlich mein Ohr;

Ein rosenfarbnes Frühlingswetter
Umgab das liebliche Gesicht,
(Aus: Johann Wolfgang von Goethe, Willkommen und Abschied)

Das metrische Schema ist wieder ein Jambus (xX). Die beiden interessanten Stellen sind „schauerlich“ in Vers zwei und „liebliche“ in Vers vier. Bei ersterem hat man wohl kaum Probleme die Silbe „-lich“ als Hebung zu betrachten, aber die Endsilbe „-che“ im zweiten Beispiel erfordert etwas mehr Toleranz. Letztlich ist diese Silbe immer noch die stärkste im Vergleich zu ihren Nachbarn, was in erster Linie daran liegt, dass „lieb-“ und „-sicht“ als starke Hebungen ihre Nach- bzw. Vorsilbe auch stärker drücken.

Es ist also möglich, im normalen Sprachgebrauch etwas schwächer betonte Silben im metrischen Schema anzuheben. Hätte der Dichter regelmäßig zwei Senkungen in die Mitte der Verse gebaut, hätten sie so klingen können:

Die Winde schwangen die leisen Flügel,
Umsausten schauerlich meine Ohren;

Ein rosenfarbenes Frühlingswetter
Umgab das liebliche Antlitz,

Hier ist genau das Gegenteil eingetreten. Es ist kein Problem, im letzten Vers „liebliche“ als „Xxx“ zu akzeptieren, bei „schauerlich“ fällt das schwerer. Aus dem Inhalt müsste sich ergeben, dass gerade das Wort „meine“ eine starke Betonung erhalten soll, um die Schlusssilbe „-lich“ als klare Senkung zu betrachten. Allerdings könnte sich auch ergeben, dass die betonte Silbe „mei-“ gedrückt wird, so dass die Hebung bei „-lich“ bleibt. Auch das ist eine Frage des Inhalts, der solche Konfliktfälle entscheidet.

Am Original können Sie weder sehen, dass der Dichter nicht nur ein metrisches Problem gelöst hat, sondern die Wörter mit doppelter Hebung ausstattete, die ihm wichtig waren.

Zum Schluss ein Tipp zum Ende, genauer gesagt zum Versende und den dort hausenden Reimen. Bei dem folgenden Gedicht von Conrad Ferdinand Meyer ist nur ein einziger Reim gekennzeichnet. Gibt es wirklich nicht mehr?

Wenn Sie mehr als einen gefunden haben, wäre der Artikel „Richtig reimen“ einen Blick wert. Bis auf „Hunde … Stunde“ reimt sich hier wirklich nichts, die Konsonanten sind stets verschieden. Aber der Klang der Endsilben ist jeweils sehr ähnlich. Assonanzen nennt man solche Halbreime. Die Vokale sind gleich, doch die Konsonanten unterschiedlich. Meyer hat sogar erweiterter Kreuzassonanzen untergebracht. Beachten Sie in den letzten vier Versen die unterschiedliche u-Längen und die gleichen Vokale des jeweils vorletzten Wortes. Erst der „Tritt“ passt mit dem kurzen i-Laut nicht mehr ins Schema (er müsste die Assonanz zu „tief-“ bilden, das jedoch einen langen i-Laut hat), aber gerade das soll er ja auch nicht.

Es muss nicht gleich ein ganzes Gedicht sein, bei dem man Assonanzen verwendet. Im Normalfall kann man sie als Ausnahme einstreuen, wobei gilt: Je rhythmischer der Text, desto eher geht ein Halbreim fast unbemerkt durch:

Es war, als hätt’ der Himmel
Die Erde still geküsst,
Dass sie im Blütenschimmer
Von ihm nun träumen müsst’.
(Aus: Joseph von Eichendorff, Mondnacht)

Dieses Beispiel habe ich bereits im Artikel „Am Anfang war der Takt“ verwendet, jedoch kein Wort über den Halbreim verloren. Er stört auch nicht weiter, sondern fügt sich nahtlos ein.

Wenn sie etwas über Tricksen und Täuschen in Gedichten lernen wollen, ist wahrscheinlich Heinrich Heine eine gute Adresse. Er hat sich viele Freiheiten bei seinen Gedichten erlaubt, z.B. auch recht freigiebige Variationen der Zahl an Senkungen zwischen den Hebungen und war ein Dichter, der auch sonst mit allen „Unwassern“ gewaschen war. Ein genaueres Studium seiner Gedichte könnte zu manchem „Das geht auch?“ führen. Natürlich ist Vorsicht angebracht: Was bei Heine funktioniert, kann in anderem Zusammenhang schief gehen, und nicht alles, was er fabrizierte, hat ungeteilten Beifall erhalten.

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Autor: Hans-Peter Kraus (Kontakt).