Unterm Lyrikmond

Gedichte lesen und hören, schreiben und interpretieren

Die Lehre vom Reimwiderstand

Im April 1927 veröffentlichte Karl Kraus in seiner eigenen Zeitschrift Die Fackel einen Essay über den Reim. Wie es seine Art war, teilte er tüchtig aus: Gottfried August Bürger und Heine wurden abgewatscht, auch Goethe nicht verschont, und die Prügelstrafe für Amateurreimer erschien ihm eine Idee, die durchaus kulturellen Fortschritt versprach. Doch hinter der stacheligen Fassade klopfte ein Herz für den Reim. Kraus wollte ihn nicht als Klingel-Klangel-Anhängsel darben sehen. Lediglich zwischen reinen und unreinen Reimen zu unterscheiden, nur den Klang als Qualitätskriterium anzusehen, war ihm zu wenig. Ein Reim sollte Gedanken tragen, sollte sprachliche Widerstände überwinden, erst dann könne man ihm höchste Qualität zusprechen, wovon natürlich die „Philister“ keine Ahnung hätten.

Als Aufhänger dienten ihm zwei Verse aus seinem Gedicht Der Reim, das mehr als zehn Jahre zuvor in der gleichen Zeitschrift erschienen war:

Der Reim ist nur der Sprache Gunst,
nicht nebenher noch eine Kunst,

Geboren wird er, wo sein Platz,
aus einem Satz mit einem Satz.

Er ist kein eigenwillig Ding,
das in der Form spazieren ging.

Er ist ein Inhalt, ist kein Kleid,
das heute eng und morgen weit.

Er ist nicht Ornament der Leere,
des toten Wortes letzte Ehre.

Nicht Würze ist er, sondern Nahrung,
er ist nicht Reiz, er ist die Paarung.

Er ist das Ufer, wo sie landen,
sind zwei Gedanken einverstanden.

.
(Aus: Karl Kraus, Der Reim)

Dieser letzte Reim von „landen“ auf „einverstanden“ illustriert seine Lehre vom Reimwiderstand als Qualitätsmerkmal. Dieser Widerstand hat eine inhaltliche und eine zahlenmäßige Komponente.

Rein quantitativ ergibt sich nach Karl Kraus die Reihenfolge, dass der Reim „landen“ auf „standen“ der schwächste, „landen“ auf „verstanden“ etwas besser, und „landen“ auf „einverstanden“ der stärkste ist. Das quantitative Kriterium besagt also, wie viel „Silbenwiderstand“ in einem Wort der Reim überwinden muss, um zur Vollendung zu kommen.

Das heißt jedoch nicht, dass Reime wie „leere“ auf „Ehre“ schlecht wären. Wie das Gedicht von Karl Kraus selbst zeigt, sind solche Reime das tägliche Brot eines Dichters. Hier trägt die Art der Reime zur Anbahnung des Höhepunkts bei. Erst sind es einsilbige, dann zweisilbige und schließlich als Höhepunkt der Qualitätsreim „landen-einverstanden“.

Die inhaltliche Komponente der Qualität dieses Reims liegt in den unterschiedlichen Sphären der beiden Wörter, die zusammen völlig natürlich wirken und eine für den Text wichtige Botschaft vermitteln. Das Wort „landen“ ist der Abschluss einer körperlichen Bewegung, das Wort „einverstanden“ der eines geistigen Prozesses. Zusammengenommen beschreiben sie das Wesen des Reimes, der am Ende einer körperlichen (der sprachliche Rhythmus) und einer geistigen (der sinnhafte Satzbau) Bewegung steht. Die Reimwörter sind also Träger einer wichtigen Information sowohl auf rationaler als auch auf der gefühlsmäßigen Ebene.

Karl Kraus beschrieb seine Idee von der inhaltlichen Qualität in seinem Reim-Essay folgendermaßen: „Sohin gelte als Grundsatz, dass jener Reim der dichterisch stärkste sein wird, der als Klang zugleich der Zwang ist, zwei Empfindungs- oder Vorstellungswelten zur Angleichung zu bringen, sei es, dass sie kraft ihrer Naturen, gleichgestimmt oder antithetisch, zu einander streben, sei es, dass sie nun erst einander so angemessen, angedichtet scheinen, als wären sie es schon zuvor und immer gewesen.“

Als Gegenbeispiel musste sich Goethes Drama Faust hergeben, in dem Mephistopheles Folgendes spricht:

Es erben sich Gesetz’ und Rechte
Wie eine ew’ge Krankheit fort;
Sie schleppen von Geschlecht sich zum Geschlechte,
Und rücken sacht von Ort zu Ort.
Vernunft wird Unsinn, Wohltat Plage;
Weh dir, dass du ein Enkel bist!
Vom Rechte, das mit uns geboren ist,
Von dem ist, leider! nie die Frage.
(Aus: Johann Wolfgang von Goethe, Faust. Eine Tragödie)

An dem Reim von „Rechte“ auf „Geschlechte“ hatte Kraus sicher ein bisschen Freude, aber den von „bist“ zu „ist“ verurteilte er. Die Reimwörter hätten nur die Funktion den Satzbau abzuschließen, enthielten jedoch keinen eigenen Gedanken: „Dichterisch entsteht ein weit größerer Defekt als durch den Missklang der Reimlosigkeit: wenn etwa ,geboren ward’ stünde.“

Und auch das gehört zu Karl Kraus’ Betrachtungsweise des Reims: Eher einmal nicht reimen als durch einen Reim nur dem Klang zu dienen. Hat man das im Hinterkopf, lässt es sich sogar als Stilmittel verwenden.

Der Monotonie ist mit der fast vollständigen Wiederholung der ersten drei Verse Genüge getan. Ein Reim im vierten Vers wäre sicher auch gangbar gewesen. Doch die Reimverweigerung macht das Bild der Hoffnungslosigkeit perfekt, der Gedanke wird Form, die Form wird Gedanke, ein Verfahren, dass sich schon im Erlebnisgedicht des jungen Goethe nachweisen lässt.

Die Lehre vom Reimwiderstand betrifft also nicht nur den Reim selbst, sondern auch das Nachdenken darüber, ob er im Einzelfall überhaupt nützlich ist. Selbst ein identischer Reim, der eigentlich etwas verpönt ist, kann stärker sein als der übliche reine Reim. Karl Kraus bringt dazu ein Beispiel von Gottfried August Bürger, auf den er ansonsten ziemlich übel draufhaut.

Wie flogen rechts, wie flogen links
Gebirge, Bäum' und Hecken!
Wie flogen links und rechts und links
Die Dörfer, Städt’ und Flecken!
(Aus: Gottfried August Bürger, Leonore)

Karl Kraus schreibt dazu: „Das ist - da es so und nicht anders weitergeht - namentlich durch die Variation ,und rechts’ ungemein stark, stärker als es etwa ein Reim mit ,ging’s’ und stärker als es ein Nichtreim (etwa: ,rechts und links und rechts’) wäre.“

Zusammengefasst besagt die Lehre vom Reimwiderstand erst einmal, dass Sie auch innere Widerstände überwinden sollten, bevor Sie einen Reim setzen: Ist der gefällige und leicht zu findende Eins-zu-eins-Reim wirklich optimal? Trägt der Reim zum Inhalt bei oder füllt er das Gedicht nur klanglich auf? Und wenn Sie einen komplizierten Reim mit viel Widerstandssilben gefunden haben, wirkt er immer noch natürlich oder aufgesetzt?

Als kleine Übung – um das Gehirn etwas darauf zu trimmen, auch mal Umwege bei der Reimfindung zu berücksichtigen – schlage ich vor, dass Sie sich die Wörter „hier“, „zwei“ und „mein“ vornehmen und versuchen darauf Reimwörter zu finden, die über viel Silbenwiderstand verfügen. Achten Sie aber darauf, dass beim Einsilbenreim das Reimwort eine Hebung hat, also muss auch im Vielsilbenwort die letzte Silbe betont werden.

Quellenhinweis: Der komplette Artikel Der Reim von Karl Kraus ist beim Gutenberg-Projekt zu finden.

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Autor: Hans-Peter Kraus (Kontakt).