Unterm Lyrikmond

Gedichte lesen und hören, schreiben und interpretieren

Richtig Reimen

Glanz und Elend des Reims zeigt dieses Gedicht gleichermaßen, doch bevor ich ins Philosophieren komme, erstmal die Praxis: Was ist ein Reim? Zwei Wörter oder Wortgruppen reimen sich, wenn ab einem gleichen Vokal in einer Hebungssilbe alle folgende Laute, seien sie Vokale oder Konsonanten, gleich sind. Das hört sich furchtbar kompliziert an für etwas, das eigentlich jeder kennt, ein paar Beispiele sollen daher die Feinheiten der Definition zeigen.

Im Eingangsgedicht reimt Herr Fulda „Reim“ auf „Honigseim“, woraus Sie ersehen, dass Reimwörter nicht gleichviele Silben haben müssen. Wichtig ist nur die Hebung auf der ersten Reimsilbe. Sowohl „Reim“ als auch „-seim“ werden gehoben, der Anfangskonsonant ist unterschiedlich, so soll es auch sein, doch ab dem Vokal (hier ein Doppelvokal – Diphtong –: „ei“) ist der Rest lautgleich. Vokal bezeichnet einen Laut, die Schreibweise ist unerheblich , deshalb reimt sich auch „-gibt“ auf „-liebt“. Der gleiche Laut ist ein langes „i“. Die Lautregel gilt auch für die anschließenden Konsonanten, also „Stadt“ reimt auf „satt“ reimt auf „Rad“, aber nur als unreiner Reim auf „Rat“, weil hier das „a“ abweichend lang gesprochen wird.

Der Reim „Schliffe“ auf „Begriffe“ ist zweisilbig. Wieder unterscheidet sich die Silbenzahl der Wörter, doch ab dem Vokal der Hebungssilbe ist der Rest gleich: „-iffe“. Die Hebung zu beachten, ist wichtig, sonst erhalten Sie Reime, die irgendwie komisch klingen, obwohl sie richtig aussehen, z.B. „Lappland“ und „Kieselstrand“. Nicht nur die Silbenzahlen, sondern auch die Hebung ist unterschiedlich. Beim ersten Wort ist die letzte Silbe gesenkt, beim zweiten steht eine Hebung am Schluss, macht zusammen: ein verunglückter Reim auf „-and“.

Hier ein Extrembeispiel aus der Praxis von Friedrich Rückert:

Tief im Walde saß ich,
Und die Welt vergaß ich,
Die nie mein gedacht;
Mich in mich versenkt’ ich,
Und mein Sinnen lenkt’ ich
In des Daseins Schacht.
(Aus: Friedrich Rückert, Waldstille)

Wie Sie sehen, kann ein zweisilbiger Reim auch aus zwei Wörtern bestehen. Normalerweise würde es unschön klingen, wenn man auf ein gleiches Wort reimt (identischer Reim), doch obwohl hier viermal am Schluss das gleiche Wort steht, stört das nicht weiter, weil die Hebung auf der vorletzten Silbe liegt, der Reim zweisilbig ist. Das „ich“ ist so nur eine Endsilbe wie „-en“ oder „-er“.

Zur Verdeutlichung noch ein Gegenbeispiel von Lessing:

Wieder viermal „ich“ am Ende, aber kein einziger Reim, denn die Hebung liegt auf der vorletzten Silbe und die ist jedes Mal anders.

Also noch mal zusammengefasst: Die Laute sind entscheidend, nicht die Schreibweisen. Und die Hebungen sind zu beachten: Beim einsilbigen Reim ist die Reimsilbe gehoben, beim zweisilbigen die erste.

Wie findet man Reime? Es gibt einige Reimlexika im Netz, die aber selbst bei einsilbigen Reimen eine Menge Unsinn liefern. Auf „Tier“ soll sich z.B. „Feier“ reimen. Klar die letzten drei Buchstaben sind gleich, aber darum geht es beim Reimen nicht. Das einzige Reimlexikon, das bis auf ein paar Aussetzer ordentliche Ergebnisse zeigt, die auf Lauten statt auf Buchstaben basieren, ist Echtreim. Allerdings wird man zum Teil auch mit Reimvorschlägen erschlagen, weil zig Wortzusammensetzungen aufgelistet werden. Beim Reim auf „Tier“ beispielsweise alles, was mit „Papier“ oder „Bier“ zusammengeht, selbst „Gardrobier“, einer der erwähnten Aussetzer.

Im Do-it-yourself-Verfahren finden Sie Reime, wenn Sie die Konsonanten vor dem ersten reimenden Vokal quer durchs Alphabet austauschen. Bei „vergessen“ kürzen Sie also auf „essen“ und spielen dann die Konsonanten davor durch: bessen, cessen, dessen, fessen (fressen), – g fällt aus, weil’s schon in „vergessen“ enthalten ist –, hessen, jessen, kessen, lessen, messen (ermessen), nässen (der Laut ist entscheidend!) usw.

Je nach Reimsilben ergeben sich dadurch eine Menge an Kandidaten. Das Verfahren zeigt aber auch, wie zu Anfang angesprochen, „Glanz und Elend“ des Reims. Reime können Wörter verbinden, die eigentlich weit von einander entfernt sind. „Liebe“ reimt nicht nur auf „Hiebe“ oder „Triebe“, sondern auch auf „Siebe“, und ich wette, dass man selbst aus dieser Kombination sinnvolle Verse machen könnte. Hier ergibt sich jedoch ein Zwiespalt: Entsteht der Sinn nur um des Reimes Willen oder entsteht ein Reim um des Sinnes Willen?

Die Magie des Reims bewirkt einen „Stimmt so“-Effekt, der Gleichklang schafft seine eigene, vom Leser akzeptierte Realität. Das macht erstmal viel Spaß, verführt aber auch: Der Schreibende ist nicht mehr Herr des Geschriebenen, sondern wird vom Reim vor sich hergetrieben. Versucht man dagegenzuhalten, können sich Reime als einengendes Korsett entpuppen. Doch bis dahin ist noch ein weiter Weg. Zuerst genießen Sie mal die beflügelnde Wirkung des Reims, wenn die Reime zu fließen beginnen. Später können Sie dann etwas kritischer an den Vorgang herangehen.

Zum Schluss noch etwas Praxistraining. Finden Sie bei den folgenden Beispielen im ersten Schritt heraus, ab wo der Reim beginnt, also ob er ein- oder zweisilbig ist. Und dann ist wieder Spielzeit: Probieren Sie Alternativen, die keinen Sinn machen, vielleicht etwas Unsinn machen oder tatsächlich eine alternative Möglichkeit darstellen. Für Letzteres müssen Sie eventuell den ganzen Vers umschreiben. Achten Sie dann darauf, dass das Metrum erhalten bleibt. Ein paar Anmerkungen zu den Originalreimen folgen am Schluss der Beispiele.

O stört sie nicht, die Feier der Natur!
Dies ist die Lese, die sie selber hält;
Denn heute löst sich von den Zweigen nur,
Was vor dem milden Strahl der Sonne fällt.
(Aus: Friedrich Hebbel, Herbstbild)

Kaum zittert durch die Mittagsruh
Ein Schlag der Dorfuhr, der entfernten;
Dem Alten fällt die Wimper zu,
Er träumt von seinen Honigernten.
(Aus: Theodor Storm, Abseits)

Lass die heilgen Parabolen,
Lass die frommen Hypothesen –
Suche die verdammten Fragen
Ohne Umschweif uns zu lösen.
(Aus: Heinrich Heine, Lass die heilgen Parabolen …)

Wenn nicht mehr Zahlen und Figuren
Sind Schlüssel aller Kreaturen,
Wenn die, so singen oder küssen,
Mehr als die Tiefgelehrten wissen,
Aus: Novalis, Wenn nicht mehr Zahlen und Figuren …)

 

1. Beispiel: Einsilbige Reime „-ur“ und „-hält“; Der erste Reim gilt, weil „Natur“ eins der zweisilbigen Wörter ist, die auf der zweiten Silbe betont werden. Das zweite „l“ bei „fällt“ ist kein Problem, da der „l“-Laut nicht behelligt wird.

2. Beispiel: Reime „-u“ und „-ernten“. Auch hier beschädigt das „h“ von „Ruh“ nicht die Reinheit des Reimes, da es nichts am langen „u“-Laut ändert.

3. Beispiel: Hier reimt nur „-esen“ auf „-ösen“, Die Endung „-en“ der anderen beide Verse reimt nicht, weil sie keine Hebung hat. Der Reim „e“ auf „ö“ ist nicht hundertprozentig rein, aber völlig in Ordnung, da häufig verwendet.

4. Beispiel: Der erste Reim ist „-uren“, der zweite „küssen“ auf „wissen“. Letzterer ist für mein Empfinden eine Spur gewagter als im dritten Beispiel, aber noch im Rahmen.

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Autor: Hans-Peter Kraus (Kontakt).