Unterm Lyrikmond

Gedichte lesen und hören, schreiben und interpretieren

Am Anfang war der Takt

Ich verkündige aber allen denen, die es noch nicht wissen, hiermit ein großes und wahres Wort: Ohne diese Silbenstecherei darf kein ästhetisches Werk auf Leben und Unsterblichkeit rechnen!
(Gottfried August Bürger, Sämmtliche Werke, Band 3, S. 291, Göttingen 1844)

Na, wenn das kein Ansporn ist, sich das Metrum Untertan zu machen: Unsterblichkeit winkt! Tatsächlich hat die „Silbenstecherei“, die für den Takt und damit den Rhythmus eines Gedichtes verantwortlich ist, auf sehr ursprüngliche Weise mit dem Leben zu tun. So lange Sie gleichmäßig im Takt gehen oder laufen, kommen Sie gut vorwärts. So lange Ihr Herz in einem gesunden Rhythmus schlägt, leben Sie. Ein Gedicht, das im Takt bleibt, spricht die Vorliebe bzw. wichtige Fähigkeit des Menschen an, die chaotische Umwelt zu ordnen, Strukturen und Muster zu erkennen. Der Rhythmus ist Ästhetik für die Ohren.

Das ist nun alles schön und gut, aber wie macht man’s? Der erste Schritt ist, ein Metrum zuverlässig zu erkennen, bevor man es selbst aktiv verwenden kann. Als Einstieg habe ich eine Strophe aus einem sehr bekannten Eichendorff-Gedicht ausgewählt. Lesen Sie die Strophe am besten mehrmals laut, probieren Sie verschieden Betonungsvarianten: mal übertrieben, mal sachte, mal gleichmäßig, mal ungleichmäßig. Zum Schluss gehen Sie mit festem Schritt durch jeden einzelnen Vers: links-rechts, links-rechts, links-rechts und versuchen herauszufinden, auf welchem Fuß sie stärker auftreten müssen.

Es war, als hätt’ der Himmel
Die Erde still geküsst,
Dass sie im Blütenschimmer
Von ihm nun träumen müsst’.
(Aus: Joseph von Eichendorff, Mondnacht)

Das offizielle Hebungsschema mit „x“ für eine Senkungssilbe und „X“ für eine Hebungssilbe ist:

xXxXxXx
xXxXxX
xXxXxXx
xXxXxX

Jeder Vers hat drei Hebungen und somit drei Takte der Marke „xX“, was man als Jambus bezeichnet. Auch auf die Gefahr hin, dass es langweilig wird, gehe ich die vier Verse einmal komplett durch, um das Schema eindeutig zu begründen, aber mancher Hinweis auf das praktische Arbeiten mit dem Metrum springt dabei auch ab.

Vers eins: Es war, als hätt’ der Himmel => xXxXxXx

„ES war“ oder „Es WAR“: Das war die erste zu treffende Entscheidung. Ich hoffe, die Wahl von Variante zwei fiel Ihnen nicht allzu schwer, denn damit ist die nächste Entscheidung gleich leichter:

„ALS hätt“ oder „als HÄTT“. Wieder zieht das Verb die Hebung an sich. Das tut es oft bei einsilbigen Wörtern, aber nicht immer. Was aus dem Anfang auch zu lernen ist: Einsilber sind flexibel, jeder kann eine Hebung haben. Das macht die Angelegenheit aber auch beliebig, was nicht gut ist für den Klang eines Gedichtes ist. Hier vermeidet Eichendorff die Gefahr der Eintönigkeit durch eine stark unterschiedliche Betonung. Das Wörtchen „war“ ist als Hebung eher ein Berg, während das „hätt“ nur ein sanftes Hügelchen ist. Dieses unterschiedliche Betonen der Hebungen erschwert die Identifizierung des Metrums, doch die Variation von Gleichem ist der Schlüssel zu einem gut klingenden Gedicht.

Bevor ich zum „Himmel“ komme, will ich noch kurz das Verhältnis von Betonung zu Hebung klarstellen. Eine Hebung ist die Silbe, die im Vergleich zu ihren Nachbarn im metrischen Sinne angehoben wird. Die Betonung betrifft den normalen Sprachgebrauch eines Wortes und das Vorlesen des Gedichtes. Dabei kann selbst eine gesenkte Silbe stärker betont werden als eine gehobene an anderer Stelle. Das Metrum mit seinen Hebungen und Senkungen ist also nur das rhythmische Skelett. An welcher Stelle mit den Knochen geklappert wird, ist eine Frage des Vortrags. Doch ohne Skelett ist die Gefahr groß, dass der Text ein bloßer Knochenhaufen bleibt.

Für „der Himmel“ ist die Hebungsfrage einfach zu entscheiden. Bei zweisilbigen Substantiven liegt im Deutschen zu 80 bis 90% eine Hebung auf der ersten Silbe.

Vers zwei: Die Erde still geküsst, => xXxXxX

Die erste Hälfte des zweiten Verses ist metrisch leicht zu entschlüsseln, denn das Substantiv „Erde“ zieht in der ersten Silbe die Hebung an sich, für die beiden Nachbarn bleiben die Senkungen. Der zweite Teil „still geküsst“ wäre etwas schwieriger, wenn nicht das Wörtchen „still“ die Hauptbetonung des Verses abbekommen hätte. Bei „geküsst“ zeigt sich, dass nicht alle Wortarten mit zwei Silben die Betonung auf der ersten haben. Wenn Sie sich unsicher sind, betonen Sie jede Silbe ganz extrem, also einmal „GE-küsst“ und einmal „ge-KÜSST“, dann spüren Sie eher, welche Silbe die metrische Hebung verdient hat.

Eine formale Bemerkung zwischendurch: Ich habe behauptet, dass jeder Vers drei Takte der Marke „xX“ (Jambus) hat. Tatsächlich unterscheiden sich aber Vers eins und zwei. Im ersten Vers hängt noch eine Senkung hinten dran. Das ist ein akzeptiertes Verfahren: Zusätzliche oder fehlende Senkungen am Schluss ändern nicht die metrische Gleichwertigkeit der Verse, entscheidend für die Taktzahl sind die Hebungen. Tatsächlich ist der Wechsel von Schlusshebung und -senkung ein sehr beliebtes Mittel, um das Gedicht abwechslungsreicher zu gestalten.

Vers drei: Dass sie im Blütenschimmer => xXxXxXx

Betrachtete man den Anfang des Verses „Dass sie im“ isoliert, wäre so ziemlich jede Hebungsvariante möglich. Das ist die schon angesprochene Beliebigkeit der Einsilber. Es gibt jedoch gleich drei Gründe, warum „sie“ die Hebung erhält. Erstens legt der Mehrsilber „Blütenschimmer“ mit der starken Hebung auf der ersten Silbe und einer schwächeren auf der dritten im Prinzip das Metrum des Verses fest. Die Variante XxX im ersten Teil mit gehobenem „im“ würde einen Hebungsprall verursachen, da auch die nächste Silbe („Blü-“) gehoben ist. Dafür ist jedoch inhaltlich kein Grund zu sehen, was zweitens auch die Wahl von „sie“ als Hebungssilbe begründet, denn inhaltlich ist „sie“ das wichtigste Wort von den ersten dreien. Und drittens ist das metrische Schema durch die ersten beiden Verse festgezurrt, so dass sich die Hebung bei „sie“ automatisch ergibt. Wieder ist inhaltlich kein Grund für eine Abweichung ersichtlich.

Der dritte Vers zeigt, dass Inhalt und Metrum zusammenpassen sollten. Was wichtiger für den Inhalt ist, sollte auch die Hebung haben. Wobei man diese Forderung nicht in allen Nuancen durchhalten kann und muss. Bei einer längeren Kette von Einsilbern, die es eigentlich zu vermeiden gilt, sollten Sie ihrem Leser aber durch die Parallelität von Bedeutung und Metrum helfen.

Vers vier: Von ihm nun träumen müsst’. => xXxXxX

Dieser Vers sollte nun keine Probleme mehr bereiten. Das zweisilbige „träumen“ legt die Umgebung metrisch fest; das „ihm“ wird parallel zu „sie“ gehoben. Hier beginnt sich der Formwillen von Eichendorff zu zeigen.

Eine letzte grundsätzliche Anmerkung: Zweimal hat der Dichter ein Wort angeschnibbelt. Im ersten Vers „hätt“ und im vierten „müsst“. Das gehört ebenso zu den Standardabweichungen, die sich Lyriker erlauben dürfen, wie auch das Heraushauen von unbetonten „e“ oder „i“, z.B. bei „gehn“ und „stehn“ oder „ew’ge“. Ob Sie hier ein Apostroph nutzen, ist Geschmackssache bzw. hängt sowohl von dem Wort selbst als auch vom umgebenden Text ab. Gleichzeitig ist auch die künstliche Verlängerung durch „e“ ein übliches Vorgehen, um das Metrum zu halten, z.B. „Hause“ statt „Haus“. Wie bei allem gilt es nicht zu übertreiben oder im Kontext unangenehm aufzufallen.

Um mit dem Metrum in der praktischen Anwendung warm zu werden, schlage ich Ihnen eine einfache Strategie vor: Nachahmen und Spielen. Ich habe drei Strophen ausgesucht, die allesamt regelmäßig gestaltet sind. Entweder ist es wie gehabt ein xX, also ein Jambus, oder die Umkehrung Xx, was sich Trochäus schimpft. Zum Glück müssen Sie sich diese Bezeichnungen nicht merken, nur erkennen und anwenden.

Finden Sie als erstes heraus, wie die Verse ticken (Auflösung am Schluss). Schauen Sie auch genauer hin, welches Wort eine Hebung bekommen hat und welches nicht. Und dann ersetzen Sie mal hier, mal da ein Wort, ohne auf Sinnhaftigkeit zu achten, nur das Metrum soll unverändert sein. Danach probieren Sie ganze Verse durch etwas Gleichmetrisches zu ersetzen. Parodieren Sie einfach den Inhalt, ohne den Rest zu beachten. Letzte Stufe wäre dann ein völlig sinnfreies Gedicht, oder, wenn Sie ehrgeizig sind, eine komplette Parodie auf eine Strophe.

Markt und Straßen stehn verlassen
Still erleuchtet jedes Haus,
Sinnend geh ich durch die Gassen,
Alles sieht so festlich aus.
(Aus: Joseph von Eichendorff, Weihnachten)

Am Brunnen vor dem Tore
Da steht ein Lindenbaum;
Ich träumt’ in seinem Schatten
So manchen süßen Traum.
(Aus: Wilhelm Müller, Der Lindenbaum)

Schläft ein Lied in allen Dingen,
Die da träumen fort und fort,
Und die Welt hebt an zu singen,
Triffst du nur das Zauberwort.
(Joseph von Eichendorff, Wünschelrute)

Es folgt die Auflösung des metrischen Schemas mit
et-
was
Ab-
stand:

Markt und Straßen stehn verlassen …:
XxXxXxXx
XxXxXxX
XxXxXxXx
XxXxXxX
Auffällig ist, dass das „ich“ in Vers drei keine Hebung bekam.

Am Brunnen vor dem Tore …:
xXxXxXx
xXxXxX
xXxXxXx
xXxXxX
Hier finde ich bemerkenswert die Hebung für das schmalbrüstige Wörtchen „vor“. Es wird sozusagen vom Metrum mitgezogen, ist aber auch inhaltlich wichtig.

Schläft ein Lied in allen Dingen …:
XxXxXxXx
XxXxXxX
XxXxXxXx
XxXxXxX
Die Anfangssilben von Vers zwei und drei sind recht schwach als Hebungen. Sie sind eher als Angebot zu sehen, ihnen etwas mehr Betonung zu geben als üblich.

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Autor: Hans-Peter Kraus (Kontakt).