Unterm Lyrikmond

Gedichte lesen und hören, schreiben und interpretieren

Die Magie von Laut und Klang

Eine alte Dame und ihre kleine Enkelin steigen in die Straßenbahn ein. Die Oma sagt, dass sie sich schnell hinsetzen sollten, denn „sonst kullern wir herum“. Und das Kind wiederholt: „Sonst kullern wir herum“. Während sie schon sitzen, geht der Satz noch mal hin und her. Vielleicht hat nur das Wort „kullern“ die Aufmerksamkeit des Kindes erregt, aber vielleicht hat es auch intuitiv die Klangqualität von Omas Begründung erfasst.

Oma hat nämlich beginnend mit einer Senkung, die Aufs und Abs regelmäßig gesetzt, also einen Jambus genutzt, wobei die Betonung am schwächsten bei der Hebung in der Mitte und stärker zu Beginn und Ende ist. Interessanterweise spiegelt sich die Vokalstruktur der beiden Wörter „kullern“ und „herum“, so dass die Hebungen beide auf dem u sitzen. Das eigentlich als „dunkel“ abqualifizierte u bekommt die besonderen Betonung, das angeblich helle i geht etwas unter, und trotzdem gibt es an dem lustigen Klang des Satzes keinen Zweifel.

Doch damit bin ich schon beim Schluss dieses Artikels angekommen. Besser ist es mit dem Anfang anzufangen, z.B. bei A wie Anapher:

Die Wiederholung von Versanfängen, die bei Fremdwortgesalbten unter der Bezeichnung Anapher läuft, ist ein einfaches und auffälliges Mittel, um den Leser mittels Klangmagie gefangen zu nehmen:

Lass die heilgen Parabolen,
Lass die frommen Hypothesen –
Suche die verdammten Fragen
Ohne Umschweif uns zu lösen.
(Aus: Heinrich Heine, Lass die heilgen Parabolen …)

Der Effekt der Anfangswiederholung wird noch durch parallelen Satzbau und Befehlsformen der Verben gesteigert. Nutzt Heine die Anapher für den kraftvollen Beginn des Gedichtes, so intensiviert Gryphius das Ende eines Sonetts damit:

Was jetzt noch Atem holt, muss mit der Luft entfliehn,
Was nach uns kommen wird, wird uns ins Grab nachziehn.
Was sag ich? Wir vergehn wie Rauch von starken Winden.
(Aus: Andreas Gryphius, Menschliches Elende)

Auch hier greift der Dichter wieder zum parallelen Satzbau in den ersten beiden Versen. Die Anfangswiederholung ist ein sehr starkes rhythmisches Mittel, von daher sollte es auch nur für besondere Fälle eingesetzt werden. Wer sich Hoffnung macht durch trommelartiges „Ich liebe dich“ Eindruck zu schinden, kommt jedoch mindestens 150 Jahre zu spät.

Nicht ganz so stark, aber immer noch Aufmerksamkeit auf sich ziehend, ist der Binnenreim:

Sie sind uns nur voraus gegangen,
Und werden nicht hier nach Haus verlangen,
Wir holen sie ein auf jenen Höhn
Im Sonnenschein, der Tag ist schön.
(Friedrich Rückert, Oft denk’ ich, sie sind nur ausgegangen ...)

Binnenreim ist die Sammelbezeichnung für alle Reimarten, bei denen mindestens ein Reimwort nicht am Ende des Verses steht. Hier reimt sich „ein“ auf „-schein“ jeweils an der Zäsur der Verse. Da Reime die Eigenschaften haben, Glaubwürdigkeit zu vermitteln, wird die Aussage mit den doppelten Reimen zu einer unumstößlichen Wahrheit.

Ein Beispiel für den Binnenreim innerhalb eines einzigen Verses:

Kling hinaus bis an das Haus,
Wo die Blumen sprießen!
(Aus: Heinrich Heine, Leise zieht durch mein Gemüt …)

Das Besondere an diesem Reim: Es ist der einzige wirklich reine Reim im ganzen Gedicht! Trotzdem lässt es an Wohlklang nichts zu wünschen übrig.

Stehen die beiden Reimwörter hintereinander im gleichen Vers, ist das die Sonderform des Schlagreims, der, wie der Name schon sagt, ziemlich erschlagend ist. Heinrich Seidel hat das in Begnüge dich, Liebste! demonstriert.

Wesentlich unauffälliger wird der Binnenreim, wenn er Teil einer geläufigen Sprachformel ist:

Ich hatt’ einen Kameraden,
Einen bessern findst du nit.
Die Trommel schlug zum Streite,
Er ging an meiner Seite
In gleichem Schritt und Tritt.
(Aus: Ludwig Uhland, Der gute Kamerad)

Weitere Beispiele: weit und breit, Krethi und Plethi, Irrungen und Wirrungen. Doch Uhland hat sich beim guten Kameraden nicht nur auf den Binnenreim gestützt. Im zweiten Vers haben die beiden Schlusshebungen den gleichen Vokal „findst … nit“, ebenso im vierten: „meiner Seite“. Diesen Gleichklang bei den Hebungen nennt man Assonanz.

Assonanzen kann man wie Reime innen und am Ende einsetzen. Letzteres war bereits bei den Tipps und Tricks Thema. Sie gehorchen bis auf die unterschiedlichen Konsonanten den selben Regeln wie Reime. Einsilbige Assonanzen müssen in der Hebung stehen, bei zweisilbigen muss die gehobene und die Folgesilbe vokalisch übereinstimmen. Daher trägt zwar auch „schlug zum Streite“ etwas zum Gleichklang bei, läuft aber nicht unter dem Begriff Assonanz, weil das eine Wort gehoben, das andere gesenkt wird.

Während im letzten Beispiel die Assonanz noch etwas unauffällig wirkte, ist sie im folgenden prägend für den Klang der Strophe:

Zwei Segel erhellend
Die tiefblaue Bucht!
Zwei Segel sich schwellend
Zu ruhiger Flucht!
(Aus: Conrad Ferdinand Meyer, Zwei Segel)

Die Assonanzverse eins und drei werden jeweils durch ihre Nachfolger kontrastiert. Das ist auch nötig, sonst wär’s der Harmonie zu viel. Womit ich bei Weihnachten wäre:

Markt und Straßen stehn verlassen
Still erleuchtet jedes Haus,
Sinnend geh ich durch die Gassen,
Alles sieht so festlich aus.
(Aus: Joseph von Eichendorff, Weihnachten)

Eichendorff malt hier ein Bild der allerschönsten Weihnachtsharmonie. Dabei helfen ein unreiner Binnenreim „Straßen … verlassen“, eine Assonanz „Gassen … Alles“, aber noch viel mehr die gleich lautenden Wortanfänge innerhalb eines Verses „Straßen stehn“, „geh … Gassen“, „Alles … aus.“. Da ich in diesem Artikel Fremdwörter mit dem Anfangsbuchstaben A sammle: Das sind Alliterationen. Auch für diese gilt, dass sie nur bei Hebungssilben zählen, was aber auch bedeutet: Sie beschränken sich nicht auf Wortanfänge. Auch „weißes Gewand“ ist eine Alliteration.

Die ganze Pracht der gleich klingenden Anfangsbuchstaben lässt sich im folgenden Gedicht ab Vers drei bewundern:

Der Mond ist aufgegangen,
Die goldnen Sternlein prangen
Am Himmel hell und klar;
Der Wald steht schwarz und schweiget,
Und aus den Wiesen steiget
Der weiße Nebel wunderbar.
(Aus: Matthias Claudius, Abendlied)

Oft genug ergeben sich Binnenreim, gleicher Vokalklang (Assonanz) oder gleiche Wortanfänge (Alliteration) im Prozess des Schreibens von selbst. Doch wer A sagt, muss nicht gleich B sagen. Immer sollte man sich fragen: Nützt der Klangeffekt dem Gedicht? Oder ebnet der Gleichklang einen Vers eventuell sogar ein?

Hans-Dieter Gelfert (Wie interpretiert man ein Gedicht? Reclam 1994, S. 37) hat dazu ein interessantes Beispiel konstruiert. Bei Hölderlin heißt es in dem berühmten Gedicht Hälfte des Lebens „Mit gelben Birnen hänget / und voll mit wilden Rosen / das Land in den See“. Gelfert machte daraus: „Mit gelben Äpfeln hänget / und voll mit roten Rosen / das Land in den See“. Er weist darauf hin, dass die harmonischere Version deutlich flacher ist. Lauthäufungen sind also nicht immer von Vorteil.

Und damit wäre ich wieder am Anfang: Bei den Lauten – Sie erinnern sich: „Sonst kullern wir herum“. Die Frage ist: Vermitteln Laute selbst eine bestimmte Stimmung oder Botschaft? Gibt es sozusagen fiese und freundliche, kalte und warme Laute? Lassen Sie mal die beiden folgenden Gedichtausschnitte in Ihren Ohren klingen:

Singet leise, leise, leise,
Singt ein flüsternd Wiegenlied,
Von dem Monde lernt die Weise,
Der so still am Himmel zieht.
(Aus: Clemens Brentano, Wiegenlied)

Vor Kälte ist die Luft erstarrt,
Es kracht der Schnee von meinen Tritten,
Es dampft mein Hauch, es klirrt mein Bart;
Nur fort, nur immer fortgeschritten!
(Aus: Nikolaus Lenau, Winternacht)

Ein Unterschied wie Sommer und Winter: Sanft klingt das eine, krachend das andere. Wird also eine Botschaft schon auf der Lautebene transportiert? Wolfgang Kayser schreibt in seiner Geschichte des deutschen Verses (Francke Verlag 1981, S. 116) dazu: „Wir wissen ja heute, dass wir absolute Stimmungsgehalte den einzelnen Lauten wohl nicht zusprechen dürfen.“

Ist das so? Finden Sie es heraus! Probieren Sie das Alphabet durch. Versuchen Sie jedem Buchstaben eine Eigenschaft zuzuordnen und ein passendes Beispielwort dafür zu finden. Und wenn Sie das haben, suchen Sie Gegenbeispiele. Möglicherweise finden Sie nur heraus, dass Wolfgang Kayser Recht hat, aber dann haben Sie Ihre Sinne für die Laute geschärft, die schließlich der kleinste Baustein eines Gedichtes sind.

Und um Ihren Sinn für Klangmanipulationsmöglichkeiten zu schärfen, schauen Sie sich ergänzend Clemens Brentanos Gedicht Schwanenlied auf die verwendeten Mittel Anapher, Binnenreim, Assonanz und Alliteration an. Brentano gilt als Klangmagier, Sie werden reichlich davon finden.

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Autor: Hans-Peter Kraus (Kontakt).