Unterm Lyrikmond

Gedichte lesen und hören, schreiben und interpretieren

Von fünf bis acht: längere Strophen

Wie im Artikel zuvor, soll es auch in diesem um die Erweiterung des Repertoires beim Strophenbau gehen. Die längeren Strophen sind besonders interessant, weil sie beim Reimschema mehr Variationsmöglichkeit bieten. Ein Achtzeiler muss z.B. keine einfache Verdoppelung eines Vierzeilers sein. Auch die ungeraden Fünf- und Siebenzeiler sind wesentlich flexibler als ein Dreizeiler. Damit genug der Appetitanregung. Die Beispiele mögen beginnen:

Mir ist das Herz so froh erschrocken,
Das ist die liebe Weihnachtszeit!
Ich höre fernher Kirchenglocken
Mich lieblich heimatlich verlocken
In märchenstille Herrlichkeit.
(Aus: Theodor Storm, Weihnachtslied)

Dies ist das Standardmuster beim Fünfzeiler. Ein Kreuzreim (abab) wird angetäuscht und durch einen eingeschobenen Reim verzögert (abaab). Es bietet sich dabei an, den a-Reim mit einer Senkung enden zu lassen (weibliche Kadenz), weil diese normalerweise flüssiger von einem Vers zum nächsten führt.

Das Besondere der Fünfzeilenstrophe ist ihre Verwandtschaft mit dem allgegenwärtigen Vierzeiler. Die Abweichung ist auffällig und führt zu einer Unregelmäßigkeit gegenüber dem glatten Vierer-Rhythmus, die etwas Spannung erzeugt.

Bei den Variation des Reimschemas sind der Phantasie keine Grenzen gesetzt: Nikolaus Lenau hat in Scheideblick einfach den Kreuzreim weitergeführt (ababa), Rilke wählte einen umarmenden Reim mit sehr langen Armen (abbba), bei Uhland steht zu Beginn von Der gute Kamerad eine Waise, wie man reimlose Verse nennt (xabba), und bei Liliencron steht sie am Ende (ababx):

Wenn sanft du mir im Arme schliefst,
Ich deinen Atem hören konnte,
Im Traum du meinen Namen riefst,
Um deinen Mund ein Lächeln sonnte –
Glückes genug.
(Aus: Detlev Liliencron, Glückes genug)

Interessant hier ist die Verkürzung des Schlussverses bei gleichzeitiger Akzentverschiebung. Aus dem gewöhnlichen xXxX (Jambus) wurde ein XxxX. Das könnte man als Choriambus bezeichnen, wenn man auf diese alten griechischen Vokabeln steht. Wichtiger ist, dass eine Betonungswanne entsteht, die sich gut für einen Abschluss eignet.

Nach so viel Unregelmäßigkeit wäre der Sechszeiler eigentlich eine gute Erholung, doch ist der Schweifreim (aabccb) eine so verbreitete Standardreimform (siehe Artikel Schema R), dass ich auch hier eine etwas unregelmäßige Variante vorstellen möchte.

Es ist so still; die Heide liegt
Im warmen Mittagssonnenstrahle,
Ein rosenroter Schimmer fliegt
Um ihre alten Gräbermale;
Die Kräuter blühn; der Heideduft
Steigt in die blaue Sommerluft.
(Aus: Theodor Storm, Abseits)

Das Reimschema ist eine Kombination aus Kreuz- und Paarreim: ababcc. In diesem Gedicht nimmt es den Schwung heraus, der durch fortlaufende Kreuzreime entstehen kann, die ja nicht umsonst in Volksliedern verwendet werden. Denkbar wäre aber auch eine Intensivierung z.B. als Refrainzeilen.

Woher sie kam, wohin sie ging,
Das hab’ ich nie erfahren.
Sie war ein namenloses Ding
Von etwa achtzehn Jahren.
Sie küsste selten ungestüm.
Dann duftete es wie Parfüm
Aus ihren keuschen Haaren.
(Aus: Joachim Ringelnatz, Das Mädchen mit dem Muttermal)

Die Verlängerung des Stormschen Schemas um einen Vers nennt sich Lutherstrophe. Das Schema ist ababccb oder eine Waise am Schluss. Dieser Siebenzeiler ist häufig in Kirchenliedern verwendet worden. Wie Sie sehen, kann man damit auch ganz andere Sachen machen.

Siebenzeiler bieten Variationsmöglichkeiten beim Reimschema, die wahrscheinlich nur ein Mathematiker errechnen kann. Von Theodor Storm hab ich noch ein Karnevalsgedicht mit dem närrischem Schema aabcccb zu bieten. Wie immer, wenn sich größere Freiheiten auftun, steigt auch die Verantwortung das Passende zu finden.

Der Achtzeiler soll die letzte Strophenform sein, die ich hier behandele. Wer noch längere Strophen nutzt, macht sich heutzutage der Romanschreiberei verdächtig. Man kann natürlich schlicht Vierzeiler und ihre Reimschemata verdoppeln, wenn der Inhalt die Strophenlänge hergibt, doch im Sinne von „Erweiterung des Repertoires“ möchte ich auf eine etwas in Vergessenheit geratene achtzeilige Strophenform hinweisen: die Stanze. Sie wird im Praxislexikon Lyrik ausführlich behandelt.

Damit wäre ich am Ende meiner Strophenschau. Ich hoffe, Sie gucken etwas genauer hin, wenn sie Strophen sehen, die vom Durchschnittsvierer abweichen. Denn so verbessern Sie Ihre Intuition, wenn es darum geht, eigene Gedichte in die passende Form zu bringen. Vielleicht schauen Sie sich als praktische Übung mal die eigenen Gedichte an: Wären dort andere Strophenformen möglich gewesen?

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Autor: Hans-Peter Kraus (Kontakt).