Unterm Lyrikmond

Gedichte lesen und hören, schreiben und interpretieren

Von zwei bis vier: kürzere Strophen

Meistens ergibt sich die Strophenlänge beim Schreiben eines Gedichtes von selbst. Doch das „Von-Selbst“ hängt stark vom Wissen und den Erfahrungen ab, die irgendwo im Hinterkopf gespeichert sind. Dieser und der folgende Artikel sollen dazu dienen, das Repertoire an Möglichkeiten zu erweitern. Dafür gebe ich viele Beispiele und zeige die unterschiedlichsten Anwendungsgebiete. Den Anfang macht ausnahmsweise mal nicht die eins, sondern die zwei:

Horst J. Frank, der in seinem Handbuch der deutschen Strophenformen (Francke Verlag 1993) mehr als 34000 Gedichte ausgewertet hat, weist darauf hin, dass der Zweizeiler vor allem aus komischen Gedichten z.B. von Wilhelm Busch oder Christian Morgenstern bekannt ist. Wilhelm Busch profitierte davon, dass er noch das Bild zur Auffüllung der zwei Zeilen hatte. Ein Musterbeispiel ist der letzte Streich von Max und Moritz:

Max und Moritz, wehe euch!
Jetzt kommt euer letzter Streich! –

Zweizeiler leben naturgemäß vom Paarreim. Busch mischt immer mal wieder zur Auflockerung unreine Reime dazwischen. Kennzeichnend für den Zweizeiler ist seine Kurzatmigkeit und die langen Pausen dazwischen, denn ein Strophenwechsel sollte eine längere Pause erzwingen als ein Zeilenwechsel. Das kann zu einem flotten Stop-and-go führen oder zur Erhöhung der Spannung:

Zu einem seltsamen Versuch
erstand ich mir ein Nadelbuch.

Und zu dem Buch ein altes zwar,
doch äußerst kühnes Dromedar.

Ein Reicher auch daneben stand,
zween Säcke Gold in jeder Hand.

Der Reiche ging alsdann herfür
und klopfte an die Himmelstür.
(Aus: Christian Morgenstern, Die Probe)

Wie so oft bei den formalen Mitteln eines Gedichtes ist ihre Verwendung nicht einseitig. Theodor Storm demonstriert bei dem folgenden Gedichtschluss, dass die langen Pausen auch zu einer dem Anlass angemessenen Tempoverzögerung führen können:

Und immer stiller wird es drin;
Die Alte tritt zum Kranken hin.

Der hat die Hände gefaltet dicht; –
Sie zieht ihm das Laken übers Gesicht.

Dann geht sie fort. Stumm wird’s und leer;
Und drinnen wacht kein Auge mehr.
(Aus: Theodor Storm, Eine Frühlingsnacht)

Alle gezeigten Beispiele enthielten Versenden mit Hebungen (männliche Kadenz). Das ist keine Pflicht, hat sich aber als die beliebtere Variante durchgesetzt, es unterstützt den kurzatmigen oder stockenden Aufbau der Gedichte.

Während beim Zweizeiler das Reimschema faktisch unausweichlich vorgeben ist, wird der Dreizeiler gerade dadurch interessant, dass er „von Geburt an“ ein Ungleichgewicht mitbringt: Eine Zeile findet in der Strophe keinen Reimpartner, wenn man nicht zum Dreierreim greift. Die eleganteste Lösung dafür ist der Schweifreim mit dem Schema aab ccb:

Die Reimverknüpfung der beiden Strophen verbindet sie, so dass der Eindruck entstehen kann, ein Sechszeiler würde nur optisch geteilt. Die Pause zwischen den Strophen sollte also durch den Inhalt gerechtfertigt sein. Neben vielen anderen Möglichkeiten, das Reimproblem im Dreizeiler zu lösen, gibt es noch eine traditionelle Variante, die etwas knifflig ist: die Terzinenstrophe.

Und Kinder wachsen auf mit tiefen Augen,
Die von nichts wissen, wachsen auf und sterben,
Und alle Menschen gehen ihre Wege.

Und süße Früchte werden aus den herben
Und fallen nachts wie tote Vögel nieder
Und liegen wenig Tage und verderben.

Und immer weht der Wind, und immer wieder
Vernehmen wir und reden viele Worte
Und spüren Lust und Müdigkeit der Glieder.
(Aus: Hugo von Hofmannsthal, Ballade des äußeren Lebens)

Bei der Terzinenstrophe reimen sich Vers eins und drei, der noch ungereimte mittlere Vers bestimmt den Reim der Folgestrophe, also aba bcb cdc. Um das Gedicht abzuschließen, steht am Ende ein Einzelvers. Ich habe selbst noch keine Anwendungsmöglichkeit für Terzinen gefunden. Mir scheint ein Inhalt gut zu passen, der selbst etwas verschlungen und verworren ist und vielleicht mit einer Pointe endet.

Bei den Vierzeilern gibt es keine Anwendungsprobleme, sie sind eine Allzweckwaffe. Da sie so geläufig sind, möchte ich nur eine sehr ungleichgewichtige Variante vorstellen: Verse mit deutlich variierender Hebungszahl.

Ich denke dein, wenn mir der Sonne Schimmer
Vom Meere strahlt;
Ich denke dein, wenn sich des Mondes Flimmer
In Quellen malt.
(Aus: Johann Wolfgang Goethe, Nähe des Geliebten)

Hier stehen fünf Hebungen gegen zwei, wobei der Unterschied deutlich abgemildert wird durch die Zäsur in den Langversen. Trotzdem entsteht ein Wechselspiel von Spannung und Auflösung allein durch die formale Gestaltung.

Die Krähen schrein
Und ziehen schwirren Flugs zur Stadt:
Bald wird es schnein,
Weh dem, der keine Heimat hat!
(Aus: Friedrich Nietzsche, Vereinsamt)

Nietzsche macht es andersherum: Erst kommt die zweihebige, dann eine vierhebige Zeile. Das Angebot ist, den kurzen Vers langsamer und mit deutlicher Pause, dafür den langen Vers schneller zu lesen. Dadurch gewinnen die langen Verse an Dringlichkeit.

Wo immer Sie Zwei-, Drei oder ungewöhnlichen Vierzeilern begegnen, sollten Sie sich genau anschauen, was sie bewirken, warum der Dichter sie eingesetzt hat. So werden Sie ganz automatisch ihre Möglichkeiten erweitern.

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Autor: Hans-Peter Kraus (Kontakt).