Unterm Lyrikmond

Gedichte lesen und hören, schreiben und interpretieren

Die rollenden Rhythmen des Amphibrachys

 

Seit dem Film „V for Vendetta“ sind nicht nur die Guy Fawkes-Masken, sondern auch dieser Kinderreim außerhalb von Großbritannien bekannt. Mich faszinierte immer der rollende Rhythmus der Verse. Auf den ersten Blick zu sehen ist das typische Schweifreimschema „aabccb“ mit Hebungen am Ende von Vers drei und sechs (männliche Kadenzen). Doch den Hauptanteil am Rhythmus hat das metrische Schema:

xXxxXx
xXxxXx
xXxxXxxX
xXxxXx
xXxxXx
xXxXxX

Vers sechs weicht vom Grundschema ab, doch die Struktur der anderen Verse ist eindeutig daktylisch. So zumindest lautet die Standardkennzeichnung im Schulgebrauch, wo alles, was zwei Senkungen zwischen den Hebungen hat, aus Vereinfachungsgründen daktylisch ist. Natürlich sehe ich sofort ein, dass die Beschreibung des ersten Verses als zweihebiger Daktylus mit Auftakt und katalektischem Ende eine wesentliche Vereinfachung darstellt. Aber fürs Schreiben finde ich es bequemer, den Vers so zu zerlegen:

xXx|xXx

Ein Amphibrachys hat das Hebungsschema „xXx“ und dies aneinander gereiht ist in erster Line für den rollenden Rhythmus des Gedichtes verantwortlich. Wie auch bei anderen Versfüßen kann man zwischen dem Versende mit Senkung (weibliche Kadenz) und Hebung wechseln, indem man die letzte Senkung auslässt:

Ich liebe die hektischen, schlanken
Narzissen mit blutrotem Mund;
Ich liebe die Qualengedanken,
Die Herzen zerstochen und wund;

Ich liebe die Fahlen und Bleichen,
Die Frauen mit müdem Gesicht,
Aus welchen in flammenden Zeichen
Verzehrende Sinnenglut spricht;
(Aus: Felix Dörmann, Was ich liebe)

Und so geht das noch vier Strophen weiter. Der Amphibrachys ist hervorragend geeignet für lustige, schwungvolle Gedichte, Zeilensprünge gehen mit Leichtigkeit über die Versgrenzen hinweg, nur besteht auch die Gefahr, dass der Rhythmus ausleiert.

Doch wo eine Gefahr ist, da gibt es auch eine Chance. Ludwig Thoma lässt im folgenden Beispiel in den Versen mit Hebungsende kurz vorher eine Senkung aus.

Sein Vater ist Schreiner gewesen,
Die Mutter war eine Magd.
Sie haben kein Geld nicht besessen,
Sie haben sich wohl geplagt.

Kein Wirt hat ins Haus sie genommen;
Sie waren von Herzen froh,
Dass sie noch in Stall sind gekommen.
Sie legten das Kind auf Stroh.
(Aus: Ludwig Thoma, Heilige Nacht)

Das Zweizeilenschema ist: xXxxXxxXx / xXxxXxX. Denkbar wäre auch, komplett auf den Versfuß „xX“ (Jambus) umzuschalten. Thoma hat damit etwas von dem rollenden Rhythmus herausgenommen, aber der oftmals gleichartige Satzbau zeigt, dass ihm ein gewisser Leierfaktor ganz recht war.

Zu einem anderen Ergebnis führt es, wenn der Amphibrachys durchgehalten wird, aber die Zahl der Hebungen variieren und der Lesefluss sich immer wieder staut:

Die Zäsur nach „Schiff“ im ersten Vers, die Stauungen durch die Doppelpunkte in Vers drei und fünf, erzeugen einen ganz anderen Rhythmus als bei den Beispielen zuvor. Für den Amphibrachys gilt das gleiche wie für andere Versfüße: Es kommt darauf an, wie man das Metrum mit Inhalt füllt. Die Hebungsschemata an sich haben keine eingebaute Aussagekraft. Deshalb kann Conrad Ferdinand Meyer dem Amphibrachys auch eine Stimmung verleihen, die zu einem Gedicht über die Toten passt:

Wir Toten, wir Toten sind größere Heere
Als ihr auf der Erde, als ihr auf dem Meere!
Wir pflügten das Feld mit geduldigen Taten,
Ihr schwinget die Sicheln und schneidet die Saaten,
Und was wir vollendet und was wir begonnen,
Das füllt noch dort oben die rauschenden Bronnen,
(Aus: Conrad Ferdinand Meyer, Der Chor der Toten)

Hier nimmt der dritte Vers den sich anbahnenden Rhythmus heraus, indem er nur sehr flache Hebungen bietet oder, wenn man versucht mehr Betonung aus dem Vers herauszuholen, wirkt „Feld“ als Zäsur. Auch Vers fünf und sechs scheinen mir relativ flach zu sein, wenn man sie mit Vers eins und zwei vergleicht, wo einzelne Hebungen herausragen.

Der Amphibrachys ist somit ein flexibles Metrum, das losgelassen sehr musikalisch werden, aber auch andere Stimmungen wiedergeben kann. Seine „Unterdrückung“ als daktylische Struktur hat eine lange Tradition. Schon Johann Christoph Gottsched hat 1729 in seiner „Kritischen Dichtkunst“ darauf hingewiesen, dass andere Anleitungen den Amphibrachys unter Daktylus führen, aber es sei doch besser „jedes Kind bei seinem Namen zu nennen“. Sein Grund war noch die Anknüpfung an die Traditionen der alten Griechen und Lateiner. Mein Grund ist eher, dass dieser Versfuß eine einfache Ergänzung zu den beiden strengen Zweitaktern „xX“ (Jambus) und „Xx“ (Trochäus) ist, der zudem noch viel Spaß macht.

Als Roll-Übung probieren Sie mal ein „Remember“-Gedicht der Marke Guy Fawkes zu schreiben: Zweihebiger Amphibrachys bei den Paarreimversen, die Schweifreimverse drei und sechs haben drei Hebungen, davon eine am Versende und die Senkungen dazwischen können variieren (siehe oben). Wählen Sie für den ersten Vers ein Wort, das viele Reimmöglichkeiten bietet und lassen Sie sich vom Rhythmus tragen.

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Autor: Hans-Peter Kraus (Kontakt).