Unterm Lyrikmond

Gedichte lesen und hören, schreiben und interpretieren

Gedichte schreiben

Bisher veröffentlichte Artikel:
Am Anfang war der Takt
Richtig Reimen
Schluss und Sprung: Kadenzen
Schema R
Von zwei bis fünf: Hebungen
Tipps und Tricks beim Versbau
Die rollenden Rhythmen des Amphibrachys
Die Magie von Laut und Klang
Von zwei bis vier: kürzere Strophen
Von fünf bis acht: längere Strophen
Die Lehre vom Reimwiderstand

 

Wenn Sie etwas über Klang, Wohllaut und Gesang im Gedicht erfahren, wenn Sie selbst Gedichte schreiben möchten, dann lade ich Sie ein zu meiner Artikelserie über das Schreiben von Gedichten.

Am Anfang soll es um die klassische Methode gehen, Gedichte zu schreiben: mit Metrum und Reim. Zugegeben stehen diese in der heutigen Lyrik nicht besonders hoch im Kurs. Nur will ich aus Ihnen auch keinen ungelesenen modernen Lyriker machen, sondern jemanden, der Freunde und Verwandte zu Festen mit einem Gedicht beschenken, den Liebsten bzw. die Liebste mit Versen bezirzen kann oder ganz einfach jemanden, der kreativ tätig ist. Hartgesottene Germanisten mögen die Künstlichkeit der Form anprangern, doch Gedichte, die sich der Magie von Rhythmus und Reim bedienen, haben immer noch ihre Wirkung, ziehen immer noch den Leser hinein in den Text.

Ein Gedicht, das streng metrisch ist, spricht das Grundbedürfnis nach Mustererkennung und Symmetrie im Menschen an; der Gleichklang der Reime erzeugt einen "So ist es"-Effekt. Da ist ein Gedicht ähnlich wie ein Spielfilm: Jeder weiß, dass alles dort künstlich ist. Die Schauspieler schauspielern, die Sterbenden sterben nicht und hinter der Kamera standen beim Dreh ein Dutzend Leute. Trotzdem nimmt ein Film den Zuschauer gefangen, er ist bereit Zusammenhänge zu akzeptieren, die er im "richtigen Leben" nicht glauben würde. Gedichte können das auch, sie sind sogar noch extremer, weil sie alle Sinne ansprechen. Sie sind nicht auf Bild und Ton angewiesen, sondern nutzen den wahren hypermedialen Zauberkünstler: das Gehirn des Lesers.

Auch ist es beim Schreiben von Gedichten wie bei jedem anspruchsvolleren Spiel: Man sollte zuerst die Regelmäßigkeiten kennen, bevor man sich zu den Ausnahmen vortastet. Das ist der altmodische Weg, aber er führt weiter nach oben und haben Sie es erstmal über den Berg geschafft, dann rollt manches wie von selbst. Später ist immer noch Zeit, sich weiter zu entwickeln, zu schauen, ob es auch mal ohne Reim oder ohne starres Metrum geht. Auch mit solchen Themen werde ich nach und nach diese Serie erweitern.

Eine Warnung noch zum Schluss: Gedichte schreiben ist nicht "normal". Zum Geburtstag etwas Gereimtes vorweisen zu können, mag ja noch angehen, aber in seiner Freizeit an Gedichten zu basteln, die möglicherweise unter der Oberfläche mehr enthalten als man ihnen auf den ersten Blick ansieht, das ist ein Grenzübertritt - vermintes Gelände. Ruhm und Reichtum sind mit Gedichten nicht mehr zu erwerben. Dichter können nicht wie früher Auflagezahlen in Hunderttausenden vorweisen, viele Verlage haben ein "Dichter müssen draußen bleiben"-Schild auf ihrer Website platziert. Deshalb seien Sie vorsichtig, wie weit Sie sich aufs Gedichtemachen einlassen, sonst droht Ihnen ein Schicksal wie dieses:

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Autor: Hans-Peter Kraus (Kontakt).