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Eichendorff: Weihnachten

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Interpretation: Weihnachten

Viel hineinzugeheimnissen gibt es bei diesem Gedicht nicht. Offenkundig haben wir es mit einem Einzelgänger ohne Familie zu tun, der sein Weihnachtserlebnis in der Einsamkeit der freien Natur hat. Interessant ist jedoch, dem Dichter bei der Arbeit zuzusehen, wie er klanglich die Verse verbindet bzw. variiert und so für die Stimmigkeit des Textes sorgt.

Metrum? Fängt oben an, geht unten weiter, Hebung und Senkung im steten Auf und Ab: Ein Trochäus mit vier Hebungen pro Vers abwechselnd mit einer Senkung (weibliche Kadenz) oder Hebung (männliche Kadenz) am Schluss. Das Reimschema ist ein Kreuzreim (abab), der etwas zur Lebendigkeit des Gedichtes beiträgt.

Es gibt eine Abweichung vom metrischen Schema zu Beginn der dritten Strophe „Und ich wandre ...“, wo „ich“ die Betonung vom „und“ klaut. Diese Akzentverschiebung zeigt metrisch an, dass hier ein neuer Gedichtabschnitt beginnt.

Womit ich bei der inhaltlichen und klanglichen Erläuterung wäre. Die ersten beiden Strophen schildern das Familienweihnachten, das vom lyrischen Ich nur von außen gesehen wird. Es entsteht der Eindruck als ob das Ich der einzige Mensch ist, der jetzt noch durch die Gassen geht. Die harmonische Familienatmosphäre wird klanglich mit einigen Kniffen unterstützt:

Alliterationen, also der lautgleiche Beginn von betonten Silben, stecken z.B. in „Straßen stehn“, „geh ich... Gassen“. Assonanzen, also Wörter, die sich vokalisch betrachtet reimen würden, jedoch unterschiedliche Konsonanten haben, sind zahlreich vertreten: „Gassen ... alles“, „Frauen ... Tausend ... schauen“. Und schließlich ein nicht ganz sauberer Binnenreim: „Straßen ... verlassen“.

Eine variable Lautstruktur spiegelt die Stimmung zwischen Besinnlichkeit und Aufregung wider. In der ersten Strophen dominiert der a-Laut, aber in Zeile zwei und drei beginnt kontrastierend ein i-Laut. Den vielen „sch“ in allen Schreibvariation, also auch „Spielzeug“ und „stehn“, werden in der ersten Strophe scharfe „s“ entgegengestellt.

In der dritten Strophe beginnt das lyrische Ich sein Weihnachtserlebnis zu schildern, indem es in die Natur hinaus zieht. Dabei benutzt Eichendorff weiterhin klanglich die Mittel der ersten beiden Strophen. Zunächst dominiert wieder der a-Laut, die Reime sind denen aus der zweiten Strophe ähnlich. Und erneut sorgen Alliterationen für Wohlklang: „Hehres ... heil’ges“, „Wie ... weit ... Welt“. Das heißt aber auch, dass das Erleben des Lyrischen Ichs keinerlei Abwertung gegenüber dem Familienweihnachten erfährt. Im Gegenteil ist die letzte Strophe durch eine variable Lautgebung und die erstmalige Verwendung des i-Lauts im Reim sogar enthusiastischer.

Damit stellt sich Eichendorff gegen den Zeitgeist, der die Familie als Lebensweise bevorzugte, und gerade Weihnachten galt und gilt immer noch als das Familienfest. Doch wie der Dichter zeigt, liegt in der Einsamkeit auch eine Chance zum mystischen Erleben einer Verbindung mit dem ganzen Universum oder – im christlichen Sinne – mit der Schöpfung.

Autor: Hans-Peter Kraus (Kontakt)
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