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Hebbel: Herbstbild

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Interpretation: Herbstbild

Auch dieses Gedicht als Gegenstück zum Sommerbild führt die beschriebene Jahreszeit etwas anders vor, als man es erwarten würde. Der Herbst ist traditionell die Jahreszeit, in der man sich eher mit Vergänglichkeit und Tod beschäftigt, hier hält die Natur eine Feier ab, und es ist keine Totenfeier, aber was für eine dann? Das ist durch die Interpretation zu klären. Doch zuerst: Hüpf, Dichter, hüpf.

Wie schon beim erwähnten Sommerbild hüpft der Dichter in jedem Vers aus der Hocke fünf mal hoch und bleibt am Ende oben kleben: ein fünfhebiger Jambus mit männlicher Kadenz. Die beiden „Dies“ am Versanfang in Zeile eins und sechs scheinen mir jedoch die Betonung an sich zu ziehen, so dass es hier zu einer Akzentverschiebung kommt. Statt dem Jambusschema zu Anfang xXxX sieht das dann so aus: XxxX.

Die erste Strophe beginnt fulminant. Im Gegensatz zu dem ruhigen Bild, das sich dem lyrischen Ich offenbart, sind die ersten beiden Verse voller Enthusiasmus. Jeder der beiden Verse ist noch mal durch Haupt- und Nebensatz gespalten. Dies erzeugt eine begeisterte Atemlosigkeit im Kontrast zu jener im Text, die eher ein Luftanhalten vor Bewunderung andeutet. Ruhiger wird die Sprachmelodie in den Versen drei und vier, die per Zeilensprung verbunden sind und nur noch eine kleine Störung durch den Einschub „fern und nah“ enthalten. Diese Störung entspricht dem beschriebenen Vorgang, dass die Stille immer wieder durch fallende Früchte durchbrochen wird.

Auch lautlich wird die vorgeführte Struktur unterstützt. Der erste Vers ist so perfekt, wie das Bild, das er vermitteln will. Die Lautstruktur ie-i-ei-e-a im ersten Teil wird im zweiten exakt dupliziert. Die Zweiteilung in Vers zwei spiegelt sich wider durch die Dominanz der i-Laute im ersten, der a-Laute im zweiten Teil, wobei beide Teile durch ein u verbunden werden (Luft, kaum). Der dritte Vers bleibt bei den Hebungssilben im sanften a-e-Spektrum, wodurch die ü und ö in Vers vier, die in den Silben mit den Hauptbetonungen stehen, um so heller und klarer herausstehen.

Nach so viel Begeisterung über die unterliegende Struktur noch ein bisserl was zum Inhalt: Das gebotene Bild ist eine Art Panoramaaufnahme. Eine weite Landschaft mit Obstbäumen, Sonnenschein und blauer Himmel dürfte sich vor dem geistigen Auge einstellen. Die einzige Bewegung, die mehr mit den Ohren als mit den Augen wahrgenommen wird, sind die fallende Früchte. Menschen? Sind eher nicht im Bild.

Die zweite Strophe wiederholt die Satzstruktur der ersten. Vers eins und zwei sind wieder zweigeteilt, Vers drei und vier durch Zeilensprung verbunden. Die Laute sind nicht mehr so streng strukturiert wie in der Vorstrophe. Die Vielfalt ist größer. Bemerkenswert ist nur, dass ein langer a-Vokal bis zum Schluss aufgehoben wird, wodurch der „Strahl“ noch etwas strahlender wird.

Zentral für das Verständnis des Gedichtes sind die ersten beiden Verse der zweiten Strophe. Vers drei und vier dienen nur noch der Erläuterung der beiden Begriffe „Feier“ und „Lese“. In Vers eins plädiert das lyrische dafür, sich nicht in den natürlichen Vorgang einzumischen. Es soll hier nicht um eine Ernte zum Nutzen der Menschen gehen. Die „Lese“ soll der Sonne überlassen bleiben. Sie soll entscheiden, welche Früchte sich lösen und welche hängen bleiben.

Lässt man menschliche Erwägungen zur Früchteverwertung also außen vor, dann dient dieser natürliche Vorgang der Verbreitung der Art. Die Früchte, die fallen, tragen den Samen, der neue Bäume hervorbringen soll. So ist die „Feier“ zwar eine Abschiedsfeier, aber eine von der schöneren Sorte, denn die fallende Früchte tragen die „Hoffnung“ der Bäume, an denen sie gewachsen sind, auf Nachwuchs.

Dies ist der entscheidende Unterschied von Hebbels Herbstbild zu anderen Herbstgedichten. Nimmt man die Perspektive der Natur ein, wie er es tut, ist der Herbst weder Ernte noch Tod, sondern eröffnet durch die Vollendung des Zyklus’ Knospe-Blüte-Frucht die Perspektive auf eine Weiterverbreitung der eigenen Art. Das Herbstbild ist in diesem Sinne ein reines Naturbild.

Autor: Hans-Peter Kraus (Kontakt)
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