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Heym: Der Gott der Stadt

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Interpretation: Der Gott der Stadt

Die Großstadt gilt als eines der wichtigsten Themen der Expressionisten, zu denen Georg Heym zählt. Große Städte gab es zwar schon in der Antike, aber letztlich war alles Leben immer noch vom Land und der Landwirtschaft geprägt. Zu Anfang des 20. Jahrhunderts spürten die Dichter jedoch einen Wandel: Das Leben in der Stadt hatte nun seine eigenen Gesetze oder, wie dieses Gedicht aus dem Jahr 1910 behauptet, seinen eigenen Gott.

Eines der Kennzeichen des Großstadtlebens scheint ein monotoner Rhythmus zu sein. Das Metrum ist ein Senkungs-Hebungsschema der Marke Jambus mit fünf Hebungen pro Vers ohne Variation durch z.B. eine Akzentverschiebung. Alle Verse enden mit betontem Schluss (männliche Kadenz), wobei in Vers 13 und 15 („Augenbrauen“, „schauen“) der Reim sowohl ein- als auch zweisilbig gelesen werden kann. Der Eindruck der Monotonie ergibt sich jedoch eher aus dem Vers- und Satzbauschema:

Die ersten beiden Strophen sind komplett gleich aufgebaut: Vers eins und zwei sind jeweils abgeschlossene Sätze (der berühmte Zeilenstil), Vers drei und vier durch einen Zeilensprung (Enjambement) gekennzeichnet. Hinzu kommt, dass der erste Satz im ersten Strophenvers jeweils dem Bauschema Objekt-Verb-Subjekt folgt, während die anschließenden Sätze strikt nach dem Schema Subjekt-Verb-Objekt gebaut wurden.

Erst in der dritten Strophe wird das Schema leicht variiert: Der erste Satz im Objekt-Verb-Subjekt-Modus geht über zwei Zeilen, doch danach wird durch alle Strophen nur noch die Subjekt-Verb-Objekt-Bauweise verwendet.

Diese Monotonie des Aufbaus kontrastiert mit den sich steigernden, drohenden Untertönen des Inhalts. Es geht sozusagen in Reih und Glied in die Katastrophe.

Bereits die erste Strophe deutet das Unheil an. Es braut sich ein Unwetter zusammen und der Gott der Stadt „schaut voll Wut“ auf jene einsamen Gegenden, die sich seinem Herrschaftsgebiet entziehen. Tatsächlich hat aber nicht er die Fäden in der Hand. Wer „er“ ist ergibt sich nur aus dem vom Dichter gesetzten Titel. Auch ist die Perspektive der Stimme des Gedichts eine noch höhere als die des Stadtgottes. Der Dichter steht folglich über diesem. Diese Positionierung des Dichters könnte man als ironische Brechung des Inhalts interpretieren. Zumindest ist er, der Dichter, der Gott dieses Gedichts.

Die Auslassung des „sich“ in Verbindung mit „verirrn“ in Vers vier ist nach Michael Hanke (Lyrik des Expressionismus, Reclam Lektüreschlüssel, 2013, S. 29) eine Eigenart Heyms, die auch in Vers 16 noch mal vorkommt. Besondere Bedeutung scheint sie nicht für dieses Gedicht zu haben, aber sie zeigt, dass der Gott des Gedichts sich seine eigenen Regeln schafft.

Der „rote Bauch“ in Vers fünf ist bereits ein erster Hinweis auf das Feuer am Schluss des Gedichts, wie auch in Vers 13 „schwelt“. Auffällig ist, dass in den ersten beiden Strophen nur Bauten aufgeführt werden, nicht die Menschen selbst, die anscheinend zu unbedeutend sind, um vom Gott der Stadt betrachtet zu werden. Sie müssen sich schon in einer Millionenmasse wie in Strophe drei präsentieren, um Beachtung zu finden.

An der Bezeichnung des Gottes der Stadt als „Baal“ ist zunächst mal wichtig, dass dies ein vorchristlicher Gott ist. Es haben viele Götter diesen oder ähnliche Namen getragen. Im Zusammenhang mit dem Gedicht ist interessant, dass Baal auch als Wettergott galt, der über Regen und Wind und Wolken herrschte. Darauf zielen Vers zwei und die letzten beiden Strophen.

Der in Vers neun erwähnte „Korybanten-Tanz“ ist ebenfalls eine vorchristliche Erscheinung. Korybanten sind nach wissen.de „Diener der Kybele, die sie in orgiastischen Tänzen verehren“. Der Punkt ist, dass Heym das Leben in der Stadt beschreibt als von einem heidnischen Gott beherrscht, der mit heidnischen Ritualen verehrt wird. Die Stadt ist also kein Ort des Fortschritts, sondern ganz im Gegenteil ein Rückfall in archaische Zeiten. Der Mensch ist abhängig von Götterlaunen und Baal ist in diesem Text sichtbar schlecht gelaunt. Dies kulminiert in den letzten beiden Strophen:

Während in Strophe drei die Menschenmassen den Gott durch Tanz und Fabrik(weih)rauch zu besänftigen suchen, zeigt Vers 13 durch eine formale Andersartigkeit an, dass die Stimmung endgültig kippt. Man könnte „Augenbrauen“ und „schauen“ im Sinne der durchgehend männlichen Kadenz umgangssprachlich einsilbig lesen. Liest man sie jedoch zweisilbig, wären die beiden letzten Silben wegen des Bruchs der vom Gedicht gesetzten Konvention der männlichen Versschlüsse besonders zu betonen, also „AugenBRAU-EN“ und „wie Geier SCHAU-EN“. Dies würde im Textzusammenhang die Drohung verstärken, bevor Baal in Vers 17 seine „Fleischerfaust“ schüttelt und eine ganze Straße vernichtet.

Tatsächlich löschen die letzten drei Verse nicht nur eine Straße aus, sondern fast auch die Form des Gedichts, indem Sätze mitten in den Versen enden, aber dafür die Versschlüsse durch Zeilensprünge überspielt werden, aber eben nur fast: Der Gott des Gedichts ist stärker.

Heym übersetzt das Leben in einer industrialisierten Stadt in einen antiken Götterkult. Die Millionen, die zur Arbeit und wieder zurückströmen, die Fabrikschlote, die mit ihren Wolken Weihrauch simulieren, sind Teil eines Gottesdienstes. Der Mensch mag die Urkraft des Feuers zwar zur Produktion z.B. von Stahl domestiziert haben, aber das Feuer ist nicht beherrschbar und führt in Zusammenarbeit mit „göttlichen“ Gewittern zur Katastrophe. Dieser ist der Mensch hilflos ausgeliefert (das Feuer lässt sich bis zum Morgen nicht löschen – Vers 19f). Setzt man statt „Baal“ für den Gott der Stadt Industrie, Kapitalismus oder Geld (Mammon) ein, hat man ein mehr als hundert Jahre altes, aktuelles Gedicht.

Autor: Hans-Peter Kraus (Kontakt)
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Interpretationen im Web:

Bei der Lyrik-Datenbank antikoerperchen gibt es mehrere Schüler-Interpretationen. Diese scheint mir die beste zu sein. Herr Larbig zeigt aus Lehrersicht, wie eine Interpretation des Gedichtes aussehen kann.