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Lotz: Aufbruch der Jugend

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Interpretation: Aufbruch der Jugend

Dies ist ein Stellvertretergedicht: Der Dichter steht mit seiner kurzen Biographie und dem gewaltsamen Tod im ersten Weltkrieg stellvertretend für viele Expressionisten. Das Gedicht selbst thematisiert, was typisch für den Expressionismus sein soll: Aufbruch, Jugend, Zerhauen des Alten, Aufbauen des Neuen. Und es steht stellvertretend für Gedichte, die man ungern interpretiert: Zu lang, zu unregelmäßig, zu unklar, obwohl die grobe Botschaft nicht schwer zu ermitteln ist. Doch, wie man so schön sagt, die Gedichtinterpretation ist kein Ponyhof, also auf in den Kampf:

Die Formalien sind zum Teil traditionell: Der Dichter bietet vierzeilige Strophen im Kreuzreim mit abwechselndem Hebungs- und Senkungsende (männliche und weibliche Kadenz). Die Verslängen sind ein bisschen ausschweifend, aber nicht ungewöhnlich, doch das metrische Schema ist fast schon eine Kampfansage: Fünf bis sieben Hebungen pro Vers, dazwischen frei nach Schnauze ein bis zwei Senkungen, zum größten Teil zwei, also daktylisch, und mal mit Senkungs-, mal mit Hebungsbeginn. Trotzdem ist ein Formwille erkennbar, wie die dritte Strophe deutlich zeigen wird.

Das Gedicht beginnt mit einem Sommerabend, der in ein Gewitter mündet („Wolken, dunkel gebogen … zerschnitten von Licht“). Dieses Gewitter weckt anscheinend die Lebensgeister der titelgebenden Jugend, in die sich das lyrische Ich mit „uns“ einbezieht. Die Sprache der ersten Strophe ist bereits etwas gewalttätig: „flammenden … zerschnitten … verwüsteten .. bricht“. Diese Worte werfen ihre Schatten voraus.

Dieter Hoffmann erkennt in seinem Arbeitsbuch Deutschsprachige Lyrik 1880-1916 (A. Francke Verlag, Tübingen 2001) in den einleitenden Versen zusätzlich einen literarischen Bezug: „In den köstlich gepflegten, mit einem ausschweifenden Lebenswandel verbundenen Müdigkeiten wird … auf die Kultivierung der Resignation in der Fin-de-siècle-Kunst und die künstlichen Welten der Décadence angespielt …“ (S. 341f).

In der zweiten Strophe wechseln die Verben von der Vergangenheitsform der Vorstrophe ins Präsens. Die Stimmung schwankt zwischen freudiger Erwartung („Unbegreiflichen Lachens“) und nervöser Anspannung („unruhig nach Ruf der Alarme“). Der Vergleich mit den „Truppenkolonnen“ lässt erneut eine gewaltsame Auseinandersetzung anklingen.

Wie bereits angedeutet, weist die dritte Strophe trotz aller Freiheiten auf einen sehr bewussten Umgang mit dem Metrum hin. Sie beginnt mit einem Fanfarenstoß in Form einer doppelten Hebung bei gleichem Vokal: „Grell wehen“. Dies ist auch der letzte Vers des gesamten Gedichts, der mit einer Hebung beginnt. Im zweiten Vers ergibt sich erneut ein Hebungsprall: „Not schrie“. Die ersten beiden Verse sind noch zwei- bzw. dreigeteilt, danach fließen die Worte ungebremst.

Auffällig ist die häufige Nennung von „uns“ und „wir“ im Gegensatz zu den Vorstrophen, wo das lyrische Wir nur jeweils einmal auftauchte. Dabei bleibt das „wir“ bis auf den Titelbezug gesichtslos, eine homogene Masse („Sturmflut“), die durch die Straßen strömt.

In der vierten Strophe wird das „wir“ abgegrenzt. Es geht gegen die „Macht“ und die „Alten“. Andere Menschen werden aus „wimmernden Kasematten“ (unterirdische Festungsbauten) und Gefängnissen befreit. Wie schon in der zweiten Strophe wird hier wieder gelacht („bieten wir lachend zu Kauf“). Bei aller Gewalt wird damit eine gewisse Leichtigkeit demonstriert, bevor es in Strophe fünf auf die Barrikaden geht.

In dieser Strophe zeigt sich eine Zweiteilung der neuen Gesellschaft. Auf der einen Seite „wir“, auf der anderen Seite „die Scharen Verbannter“, denen Waffen in die Hand gepflanzt werden. Ein etwas merkwürdiges Bild, das Natur und Waffen verbindet und den Verbannten eine äußerst passive Rolle (als Boden) zuschreibt. Doch reiht es sich ein in die Verbindung von Natur und Gewalt, denn der zweite Teil der Strophe lebt vor allem vom Feuer: „Von roten Tribünen lodert … von glühenden Rufen umdampft“. Nach dem Sturmflutvergleich aus der dritten Strophe, wird erneut eine zerstörerische Naturgewalt heraufbeschworen.

Die Schlussstrophe offenbart, dass das „wir“ sich als elitäre Gruppe mit messianischen Zügen und Vordenker für „neue Welten“ sieht. Wenn die neuen Welten „Sturm-überflaggt“ sind, verheißt das jedoch nichts Gutes. Anscheinend soll der revolutionäre Elan immer weiter getragen werden.

Das Gedicht zeigt den Prototyp einer Revolution: Selbst wenn die Absichten lauter sind und Gewalt das einzig verbliebene Mittel ist, um ein Regime zu stürzen, etabliert sich doch wieder eine neue Herrschaftselite mit neuen Unterdrückungsmechanismen. Ob der Dichter genau das aufzeigen wollte, lässt das Gedicht nicht erkennen. Die fehlende Distanzierung deutet eher darauf, dass er sich im revolutionären Pathos suhlte. Das Gedicht verkündet eine Revolution der Jugend, die sich selbst als Weltretter sieht und keinerlei Selbstzweifel aufkommen lässt: „Wir“ sind die Guten. Wenn das Gedicht, wie zu Anfang dargestellt, eine Stellvertreterfunktion hat, dann muss ich leider sagen, dass es für eine sich selbst glorifizierende Generation steht.

Autor: Hans-Peter Kraus (Kontakt)
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