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Stadler: Form ist Wollust

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Interpretation: Form ist Wollust

Wenn in einem Gedicht von „Form“ die Rede ist, dann liegt der Gedanke nah, dass es um die Form bei Gedichten geht. Da der Text Hinweise auf eine andere Bedeutung der Form nicht weiterverfolgt, gehe ich von der Form als Gedichtform aus, mithin ist dies ein Gedicht über Gedichte, ein poetologisches Gedicht. Und da ich gerade beim Thema bin: Was gibt es zur Form dieses Gedichtes zu sagen?

Die Paarreime mit unbetontem Schluss (weibliche Kadenz) sind mit bloßem Augen zu erkennen. Beim Metrum ist ein bisschen Zählen gefragt. Der Wechsel zwischen Hebung zuerst und Senkung folgend, also ein Trochäus, ist zwar regelmäßig, aber die Zahl der Hebungen pro Vers unterscheidet sich. Die ersten und die letzten beiden Zeilen haben jeweils fünf Hebungen, Zeile drei und vier haben sechs und bei den restlichen Zeilen gibt einen Wechsel zwischen fünf und sechs Hebungen. Warum? Das sollte der Inhalt erklären.

Das Gedicht lässt sich in drei Teile aufspalten. Die ersten zwei Zeilen sind die Einleitung, Zeile drei bis acht ein antithetisches Wechselspiel und Zeile neun und zehn bilden den Schluss oder die Schlussfolgerung. Das erinnert an den Aufbau einer Rede und damit lässt es ein wenig die barocke Epoche anklingen, in der die Lyrik als Teil der Rhetorik betrachtet wurde und sich Gedichte an rhetorischen Grundsätzen orientierten. Die Form war zu jener Zeit sehr wichtig.

Die Formel „Form und Riegel“ kann man als Form und Geschlossenheit bei Gedichten verstehen oder wörtlich als Form und Schloss von Gegenständen. Diese wörtliche Auslegung wird zumindest im zweiten Vers mit den „aufgeschlossne Röhren“ noch aufgenommen, danach aber nicht mehr. Es klingt hier also eine Welt der Technik an, was einen Kontrast zu den nächsten Zeilen bildet.

Interessant ist die Funktion des Doppelpunkts. In Vers 1 heißt es „mussten erst zerspringen“. Der Satzbau wird jedoch nicht durch ein „dann“ oder „bevor“ fortgeführt. Diese Funktion muss der Doppelpunkt ganz allein tragen. Er steht also etwa für „bevor ich erkennen konnte“ und dann weiter „Form ist Wollust …“.

Womit das Gedicht beim Titel ankommt. Wollust ist ein Wort mit einigen Schattierungen (siehe dazu auch den ausführlichen Artikel in Grimms Wörterbuch). Wollust kann einfach nur ein freudiges Gefühl bedeuten, es kann jedoch auch mit dem Sexuellen verbunden werden oder als Vorwurf im Sinne von Sünde gemeint sein. Der Titel selbst lässt dies offen. Der dritte Vers jedoch legt eher die erste Deutung nahe, wozu dann die Arbeit auf dem Lande den Gegensatz bilden soll. Das lyrische Ich möchte diese Freude der Form also lieber nicht empfinden.

Versuche ich nun die verschiedenen Hebungsvarianten inhaltlich einzusortieren, so scheint dem Dichter wichtiger als der Kontrast von Vers drei zu vier der Gegensatz zu den ersten beiden Versen zu sein, denn die haben jeweils fünf Hebungen, die beiden folgenden Verse jeweils sechs. Es kontrastiert die industriell geprägte Welt zu der Welt des Geistes und des traditionellen Ackerbaus.

Bei den Versen fünf bis acht werden hingegen die Kontraste innerhalb der Paarreimzeilen durch die Variation der Hebungszahl unterstützt. Inhaltlich wichtig ist dabei zu erkennen, dass das lyrische Ich nicht selbst handelt. Schon bei der Einleitung ging die Aktion („zerspringen“, „dringen“) nicht vom lyrischen Ich aus und das setzt sich bis zu Schluss fort:

Vers 4: Das Ich pflügt nicht, es „reißt“ ihn nur, dies zu tun.
Vers 6: Es drängt nicht „in alle Weiten“, es beabsichtigt dies nur: „ich will“.
Vers 8: Es geht nicht zu den Armen, es „treibt“ ihn dorthin.
Vers 10: Das Ich will nicht das „Leben mit Erfüllung tränken“, sondern das Leben will angeblich dem Ich diesen Dienst erweisen.

Das lyrische Ich bleibt also immer passiv. Warum? „Form ist Wollust“. Zwar fühlt sich das lyrische Ich zu einem anderen Leben jenseits der Form hingezogen, aber es wird nicht aktiv, die Verlockungen der Form „Wollust, Friede, himmlisches Genügen“ sind zu groß und so bleibt der Dichter auch in diesem Gedicht bei der Form.

Ernst Stadler liefert damit ein Abbild der expressionistischen Generation. Dort war viel von Revolution und Aufbruch in den Gedichten die Rede, es wurde über die künstlerische Revolution geschrieben, aber letztlich blieben viele Dichter den klassischen Formen stark verhaftet, so wurde z.B. das Sonett wieder gepflegt. Erst die Dadaisten machten radikal Schluss mit allen Formen, aber das hat Ernst Stadler nicht mehr erlebt. Er wurde am 30.10.1914 ein frühes Opfer der Kriegsmaschinerie des Ersten Weltkriegs.

Autor: Hans-Peter Kraus (Kontakt)
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