Unterm Lyrikmond

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Meyer: Schwüle

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Interpretation: Schwüle

Hu! Auf den ersten Blick geht’s in diesem Text dramatisch zu. Und auch auf den zweiten – hab ich den Verdacht – wird nicht viel gelacht. Also mal schauen, in welche Tiefen der Dichter den Leser schickt. Doch zuerst das Auf-und-ab des Verseschmiedens:

Das Gedicht fängt silbengehoben an, hört silbengehoben auf, dazwischen senkt und hebt es sich im Wechsel: Die deutschlehrerkompatiblen Vokabeln sind ein fünfhebiger Trochäus als Versmaß/Metrum und männliche Kadenz fürs Versende. Schmeißt man noch Paarreime als Reimschema hinzu und lässt eine beiläufige Bemerkung über den vierten Vers als flüssigen Kehrreim fallen, strahlt der Lehrer über alle Bäckchen. Doch die Frage bleibt: Warum macht der Herr Dichter das so? Das hat möglicherweise etwas mit dem Inhalt zu tun.

In den ersten beiden Versen setzt Meyer die äußere Szene, wobei die innere Verfassung des lyrischen Ichs durchscheint. Am Abend eines schwülen Sommertags setzt sich jemand in ein Boot und rudert auf den stillen See hinaus. Warum meine ich, dass es ein See ist? Vielleicht ist es auch ein großer Teich, aber bei einem Schweizer würde ich nicht ohne weitere Kennzeichnung das Meer annehmen. Die Stille ergibt sich aus dem einzig beschriebenen Geräusch des Ruderschlags; in Strophe zwei ist gar flüsterndes Schilf zu hören.

Versetzt man sich in diese Situation, kann man sich vorstellen, wie geschafft jemand nach einem schwülen Sommertag ist, und doch kann er sich noch aufraffen oder ist verzweifelt genug, etwas Kühlung auf dem Wasser zu suchen. Dass das lyrische Ich mehr sucht, kommt erst in den folgenden Versen zum Vorschein.

Kennzeichnend für die innere Stimmung des lyrischen Ichs sind die Versanfänge „Trüb verglomm“ und „Dumpf und traurig“. Das Verb verglimmen eröffnet ein ganzes Feld von Assoziationen und Symbolen. Bei einem Feuer ist das Verglimmen der letzte Akt, bevor nur noch die Asche übrig bleibt. Ihm dabei zuzusehen, erzeugt eine besinnliche Stimmung und ist gleichzeitig von hohem Symbolwert in Richtung Leben und Tod. Dies überträgt Meyer nun auf den Tag und kennzeichnet dieses Vergehen des Tages als „trüb“. Hinzu kommt, dass „verglomm“ eigentlich etwas in die Irre führt, denn es beschreibt einen abgeschlossenen Vorgang. Demnach müsste es schon dunkel und die danach beschworenen Sterne zu sehen sein, wenn der Himmel nicht wolkenbedeckt wäre, was aber nie erwähnt wird. „Trüb verglimmt“ klänge lautlich jedoch zu fröhlich. Es wird eher dargestellt, wie das lyrische Ich die Welt sieht aufgrund seiner inneren Befindlichkeiten als dass es eine reale Beschreibung ist.

Das zeigt sich auch im zweiten Vers. Ein Ruderschlag kann nicht „dumpf und traurig“ klingen. Ein Ruder, das ins Wasser schlägt, bringt ein helles „Platsch“ hervor. „Traurig“ ist eher das lyrische Ich, das beim Geräusch des ins Wasser eintauchenden Ruders seine Einsamkeit spürt, weil es das einzige Geräusch weit und breit ist.

Der gleiche inversive Satzbau (das Subjekt kommt zuletzt!) der beiden Verse, der Zeilenstil mit einem Satz pro Vers und die Hebungen an den Versenden tragen mit den dadurch entstehenden Pausen zum schleppenden Beginn bei, der die niedergedrückte Stimmung des lyrischen Ichs widerspiegelt.

Im Kontrast dazu stehen die Verse drei und vier. Die Anrufung der Sterne mit ihren Wiederholungen, das ans Ende gesetzte bekräftigende „ja“ und die Frage an die Sterne nach ihren Gründen, das erinnert an ein Kind, das nach seinen Spielkameraden ruft. Diese Kindlichkeit ist jedoch keine süße, sondern im Zusammenhang mit den ersten beiden Versen sehe ich sie als Rückzug ins Kindliche aus Verzweiflung.

Der Zusammenhang zwischen dem, was das lyrische Ich sieht und was es fühlt, wird zu Beginn der zweiten Strophe direkt gezeigt. Auch die merkwürdige Beschreibung des Schilfes Flüstern als „frech und bang“ zugleich, ließe sich dadurch erklären, denn dem Ich ist bang und deshalb ruft es frech die Sterne an. Die Überkreuzkonstruktion (Chiasmus) in der dritten Zeile, die das gewählte Metrum mit Anfangs- und Schlusshebung optimal ausbeutet, ist ebenfalls keine reine Beschreibung von Äußerlichkeiten. Dass hier jemand ziemlich nah am geistigen Abgrund agiert, was man heutzutage Depression nennen würde, sollte nach den ersten zwei Strophen deutlich geworden sein. Der Refrainzeile am Schluss geht nun die Naivität ab. Die Intensivierung der Verse zuvor durch Zweiteilungen, Wiederholungen von Wörtern und Satzbauten sowie den Chiasmus plus die zusätzliche Pause durch den Gedankenstrich lässt die Schlussfrage als eine am Rande des Nervenzusammenbruchs erscheinen.

In Strophe drei setzt Meyer erstmals den Zeilensprung zu Beginn ein. Das führt zum Hebungsprall, da die letzte Silbe des ersten Verses und die erste des folgenden zusammenstoßen. Damit unterstützt der Versbau den Inhalt, denn das lyrische ist nun endgültig und offenkundig beim Irrealen angekommen.

Es gibt dazu einen biographischen Hintergrund: Conrad Ferdinand Meyers Mutter hat sich ertränkt. Doch auch ohne diesen wird klar, dass das lyrische Ich hier jemanden hört, den es einmal sehr geliebt und der sehr wahrscheinlich im Wasser den Tod gefunden hat. Das „liebe, liebe“ korrespondiert mit „Sterne, Sterne“ und demonstriert damit, dass hier Todessehnsucht und Lebenswille eng beieinander liegen.

Vers drei und vier sehe ich wieder als Rückfall in die naive Ausdrucksweise aus der ersten Strophe. Ein winkendes Gespenst, das „weg“ soll, und die kindliche Frage, ob die Sterne nicht mehr „da“ sind, erzeugen diesen Eindruck.

In der letzten Strophe nimmt die Erlösung mit „Endlich, endlich“ die Doppelungen aus der Vorstrophe auf, womit nicht nur inhaltlich, sondern auch formal gezeigt wird, dass es knapp war. Der über drei Verse gehende zerstückelte Satzbau zeugt davon, wie mitgenommen das lyrische Ich ist. Explizit auch ausgedrückt durch den dritten Vers „Denn ich wusste nicht wie mir geschah.“ Der kindliche Wunsch, dass die Sterne „immer nah“ bleiben sollen, macht deutlich: Die Krise ist nur für jetzt aufgelöst, aber längst nicht überwunden.

Conrad Ferdinand Meyer demonstriert in diesem Gedicht eine Lebenskrise zwischen tiefer Depression und Rückfall in Kindlichkeit. Das Metrum mit der Hebung zu Beginn und am Schluss des Verses, zahlreiche Gedankenstriche, die zusätzliche Pausen verlangen, arbeiten mit an der krisenhaften Zuspitzung des Geschehens. Der durchgehend gleiche Reim der beiden Schlussverse jeder Strophe unterstützt die naive Seite. Der Dichter zeigt, dass ein Leben nah dem Zusammenbruch von Winzigkeiten abhängen kann, die nicht mal sehr real sein müssen. Die Gleichgültigkeit des Universums gegenüber dem einzelnen Menschenleben, die Einsamkeit des Menschen wird durch die Kraft der Phantasie zugedeckt, doch diese schützende Decke bleibt dünn.

Autor: Hans-Peter Kraus (Kontakt)
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