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Hoffmannswaldau: Vergänglichkeit der Schönheit

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Interpretation: Vergänglichkeit der Schönheit

Was für ein furchtbarer Titel: Vergänglichkeit der Schönheit. Dieses „keit-heit“ klingt, als hätte ihn ein Bureaukrat geschrieben. „Der Schönen Vergänglichkeit“ , „Schönheit vergeht“, „Die Schöne und der Tod“, die Reihe der Alternativen ließe sich endlos fortsetzen, aber Vergänglichkeit der Schönheit? Und noch etwas Anderes ist seltsam: Benjamin Neukirch hat 1695 dieses Gedicht in Band eins der Herrn von Hoffmannswaldau und anderer Deutschen auserlesener und bißher ungedruckter Gedichte herausgegeben und es in die Abteilung „Galante Gedichte“ einsortiert. Galant? Die Galante Poesie hatte durchaus eindeutig zweideutige Motive. Eine Dame mit ihrer Sterblichkeit zu konfrontieren scheint mir nun nicht besonders galant. Ich käme nie auf die Idee, eine Raucherin mit Anmerkungen zu ihrem Lungenkrebs bezirzen zu wollen. Ich glaube, es ist Zeit, sich dieses Gedicht etwas näher anzuschauen, um die Merkwürdigkeiten aufzulösen. Also, auf ins 17.Jahrhundert:

Wer sich das Original in der Neukirch-Sammlung anschauen will, gehe virtuell bei der Uni Düsseldorf vorbei. Dort liegt es aufgeschlagen herum. Die Version hier wurde an die heutige Schreibweise angepasst und das Wort „itzund“ in Vers sieben habe ich durch „jetzt noch“ ersetzt. Wie damals üblich, verzichtete der Herausgeber auf eine Strophenabtrennung, aber Sonett steht drüber und der Text ist auch entsprechend gestaltet: Zwei Vierzeiler mit umarmendem Reim (Schema: abba abba), zwei Dreizeiler mit Schweifreim (Schema: ccd eed). Umarmender und Schweifreim kommen mit einer Hebung am Ende daher (männliche Kadenz), die anderen Reime enden mit einer Senkung (weibliche Kadenz).

Das Metrum besteht aus einem regelmäßigen Wechsel zwischen Senkungs- und Hebungssilbe. Da die Senkung den Anfang macht, heißt es Jambus. Jeder Vers hat sechs Hebungen. Im Barock bedeutet das fast automatisch ein Alexandriner als Bauart des Verses, also mit einer Zäsur nach der dritten Hebung. Davon leistet sich der Dichter jedoch einige Abweichungen, womit ich endlich beim Inhalt bin:

Mit den zwei ersten Versen springt Hoffmanswaldau die Leser förmlich an. Die Verse sind sinnlich und übersinnlich zugleich. Die Hebungssilbe am Schluss des ersten Verses spielt ihre Qualitäten als spannungserhöhende Pause voll und ganz aus. Doch von der typischen Zweiteilung der Verse im Alexandriner ist nicht viel zu spüren. Im Gegenteil fließen die Verse geschmeidig über Zäsuren und Versenden hinweg. Das Komma am Schluss der ersten Strophe zeigt an, dass der Dichter den Sprachfluss gar nicht unterbrechen möchte. Nach dem sinnlich-übersinnlich Einstieg, der ihm die volle Aufmerksamkeit sichert, überschwemmt er den Leser in barocker Art mit Bildern der Vergänglichkeit der Schönheit. Aha! Titel passt doch. Ja, er passt, wenn man ihn sich in Marmor gehauen auf dem Sockel einer Statue vorstellt. Die Frage ist: Was zeigt die Statue?

In der zweiten und dritten Strophe bietet Hoffmannswaldau nun auch den typischen Alexandrinerstil mit Zäsuren in der Versmitte vermittelt durch den Satzbau an. Er erhöht durch die kurzatmigen Versabschnitte die Eindringlichkeit seiner Bilder. Auch einige Alliterationen – „werden ... weichen“, „Goldes Glanz“, „nichts und nichtig“ – tragen ihren Teil dazu bei.

In der dritten Strophe erweitert der Dichter die Vergänglichkeit von den körperlichen Merkmalen zum Verhalten und schließt mit der Prophezeiung, dass es bald vorbei sein wird mit herumscharwenzelnden Verehrern. Das hat seine Gründe.

Strophe vier setzt mit einer Fanfare ein: „Dies und noch mehr als dies“. Die Betonung wurde von der zweiten auf die erste Silbe verschoben. Beide „dies“ sind somit betont. Jetzt kommt also was. Nachdem die Stimme des Gedichts die ganze Zeit so getan hat, als würde es der Vergänglichkeit der Schönheit ein Denkmal bauen, kippt diese Statue nun vom Sockel, und wer steht drauf? Eine unbenannte Schönheit, deren größter Vorzug ihr diamantenes Herz sein soll.

Das typisch barocke Gerede von der Vergänglichkeit entpuppt sich nun als cleverer Schachzug die Vorzüge der Dame um so heller erscheinen zu lassen, und der Preisende erscheint als jemand, der die inneren Werte einer Frau wesentlich höher zu schätzen weiß als Brüste, Korall-Lippen, schneeweiße Schultern oder goldenes Haar. Galant, galant, kann ich da nur sagen. Und doch ...

Ein Herz aus Gold ist bekannt, aber ein Herz aus Diamant? So glitzernd und funkelnd, so strahlend und wertvoll? Oder vielleicht doch eher winzig klein, härter als alles Andere und scharfkantig verletzend? Der Dichter unterläuft mit dem mehrdeutigen „Diamant“ die galante Pointe an der Oberfläche, dass die Stimme des Gedichts kein Denkmal baut, sondern bei einer Dame im Angesicht der Endlichkeit des Lebens und vor allem ihrer Schönheit zum Zuge kommen möchte, indem er ihre inneren Werte scheinbar über alle Maßen lobt. Hoffmannswaldau verbündet sich mit dem Leser, der wahlweise über die Tollpatschigkeit oder Dreistigkeit des galanten Herrn lachen kann, je nachdem ob er der Dame zutraut, das Kompliment zu durchschauen. Diese Wendung zeigt Christian Hoffmann von Hoffmannswaldau als jemanden, der spielerisch über den Barockmotiven Vergänglichkeit und „Nutze den Tag“ (Carpe diem) steht. Selbst der Titel ist nur Tarnung. Mir hat er ja von Anfang nicht gefallen.

Autor: Hans-Peter Kraus (Kontakt)
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Interpretationen im Web:

Eine Interpretation auf Leistungskursniveau bietet Anna Maria Steffens. Sie weist allerdings auch richtig darauf hin, dass man sich schon seine eigenen Gedanken machen sollte.

In Google-Books gibt es eine ganze Abhandlung über die Bedeutung des Diamanten-Herzens von Erich Trunz mit einem Ausflug durch zahlreiche Beispiele in der Literatur. Demnach zielte der Dichter ganz eindeutig auf die Härte des Diamanten.