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Seidel: November

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Interpretation: November



Dieses Gedicht aus dem 19. oder Anfang des 20. Jahrhunderts kommt über 200 Jahre zu spät. Warum? Nun, es ist eigentlich ein Barockgedicht. Für die Dichter des Barocks war die Poesie Teil der Rhetorik, also der Kunst der Rede, und dieses Gedicht ist eine Lobrede, und wie im Barock versucht der Dichter bzw. der Redner den Leser bzw. Hörer mit rhetorischen Mitteln zu überwältigen. Doch diese Überwältigung ist, da sie Forum und Inhalt in möglichst große Übereinstimmung zu bringen sucht, eigentlich ein Merkmal der Sturm-und-Drang-Zeit, also kommt das Gedicht nur 100 Jahre zu spät. Und bevor ich hier mit meiner Interpretation aufgrund verschärfter Laberei zehn Minuten zu spät komme, fange ich besser an:

Das Gedicht besteht aus achtzeiligen, paargereimten Strophen. Beide formalen Merkmale passen in das Konzept der Überwältigung. Achtzeilige statt der üblichen vierzeiligen Strophen geben dem Dichter mehr Raum seine Themen auszuwalzen. So wird in Strophe zwei das einseitige Spiel zwischen Wind bzw. Sturm und den Blättern und in Strophe drei der Dauerregen in immer neuen Variationen geschildert. Zwar teilt Heinrich Seidel die Strophen durch den Satzbau immer noch in zwei Hälften, aber der inhaltliche Zusammenhang bleibt eng und in Strophe eins nutzt er das Hilfsverb „kann“ noch für die Zeilen fünf und sechs, wo er sich dann einen unvollständigen Satzbau leistet (Ellipse).

Auch der Paarreim trägt seinen Teil zum Konzept des Gedichts bei. Es werden keine Spannungsbögen aufgebaut wie beim Kreuzreim, wo der Reim erst zwei Zeilen später serviert wird, sondern es geht Schlag auf Schlag. Einzig der Wechsel zwischen zweisilbigen und einsilbigen Reimen, womit auch die Kadenzen auf weiblich und männlich festgelegt sind, nimmt etwas Druck heraus.

Als Versmaß dient ein vierhebiger Trochäus (Muster: Hebung-Senkung). Bei männlicher Kadenz bedeutet das: Ein Vers besteht aus sieben Silben, die Mehrheit davon, nämlich vier, sind Hebungen. In der ersten Strophe, wo per Anapher mit „Keiner“ auch die Hauptbetonung auf die erste Silbe gelegt wird, zeigt sich, dass der Trochäus hier seinen Teil zum „Druck“, zur Überwältigung beiträgt. Allerdings verfolgt der Dichter diese Strategie nicht durch alle Strophen. Die vielfache Verwendung von „Und“ als Anapher erzeugt eine eher schwache Betonung, so dass der Betonungsverlauf wellenartig wird, was im Zusammenhang mit dem Inhalt keineswegs zur Beruhigung beiträgt, sondern als Auf-und-Ab durchaus Nervqualitäten hat, besonders schön zu hören in den ersten beiden Zeilen der dritten Strophe.

Als klangliche Mittel setzt Heinrich Seidel neben den Paarreimen Alliterationen (gleicher Laut am Anfang einer Hebungssilbe) und Assonanzen (gleiche Vokale ab einer Hebungssilbe) ein.

Bei den Alliterationen ragt der Beginn des Gedichts heraus: In Zeile eins „Monat muss“, in Zeile zwei „Keiner kann“ und in Zeile drei „so … sein“. Eine wichtige Alliteration wird in der Pointe „Häuser hohl gemacht“ verwendet. Dieser Wohlklang, wie er auch durch die Assonanzen z.B. in Zeile zehn („welken Blätter“) oder 22 („pochen … klopfen“) erzeugt wird, steht im Kontrast zum schauerlichen Wetter, das der Autor beschreibt, unterstützt also die Ironie. Und damit wäre ich bei der Verbindung von Inhalt und rhetorischen Mitteln.

Die Lobrede ist aufgeteilt in eine Einleitung, wo die beiden Themen Sturm und Regen gesetzt werden, in die getrennte Vertiefung dieser beiden Themen in den Strophen zwei und drei und den pointierten Schlussteil. Das Lob scheint von Anfang an „vergiftet“ zu sein, denn eigentlich schildert die Stimme des Gedichts das Novemberwetter als sturmgepeitschte Regenorgie. Die Schilderung ist jedoch schrecklich-schön und es heißt „wahre Pracht“ oder „Novemberspaß“. Von daher besteht von Anfang der Verdacht, dass hier Ironie im Spiel ist, also eigentlich nicht gemeint ist, was gesagt wird, sondern genau das Gegenteil.

Das Problem bei Ironie ist, vor allem wenn sie so intensiv und mit Spaß an der Sache vorgetragen wird, dass sie auch doppelbödig sein kann, d.h. Jemand versteckt hinter der Ironie, also dass er nicht meint, was er sagt, dass er es tatsächlich doch meint. Diese Spannung wird erst am Schluss mit einer merkwürdigen Pointe aufgehoben. Doch zuerst: Wie heizt der Dichter die Stimmung an? Wie versucht er den Leser zu überwältigen, dass er nicht mehr weiß, was eigentlich gespielt wird?

Zunächst mal bringt Heinrich Seidel den November durch Personifizierung näher an den Leser heran. Aus dem Monatsnamen wird jemand, der „toben“, „maulen“ und „verdrießlich sein“ kann. Ebenso verfährt er mit Sturm und Blättern in der zweiten Strophe.

Ein wichtiges Element seiner Überwältigungsstrategie ist der an die Verse angepasste Satzbau. Es herrscht der Zeilenstil. Jeder Vers enthält einen Haupt- oder Nebensatz. Die meisten Satzenden werden mit einem Ausrufezeichen verziert. Erst in der dritten Strophe gönnt der Dichter dem Leser eine Atempause mit einem Enjambement von Zeile 18 bis 20. Und erst die vierte Strophe wirkt etwas ruhiger mit zwei Enjambements (Zeile 26/27 und 31/32).

Unterstützt wird der Zeilenstil durch parallele Satzbauen wie etwa in der erste Strophe von Zeile zwei bis vier und fünf bis sieben oder sogar verschärft zu Beginn der dritten Strophe mit gleichen Zäsuren innerhalb der Verse. Die Verse prasseln auf den Leser ein wie ein Hagelsturm, die Form versucht also dem Inhalt zu entsprechen.

Sprachlich interessant und auch im Sinne einer Annäherung an den Leser ist, dass Seidel umgangssprachliche Elemente einbaut. Er entscheidet sich also bei seiner Lobrede aus den drei traditionellen Stilarten einer Rede gegen den gehobenen oder mittleren und für den einfachen Stil. So nutzt er am Schluss der ersten Strophe statt „die“ den verstümmelten unbestimmten Artikel „'ne“. Was bei den weitere Auslassungen aussieht wie ein Zugeständnis ans metrische Schema entspricht also in Wirklichkeit dem gewählten Stilniveau.

Ebenfalls in den Bereich des einfachen Stils gehören die vielen „so“- und „wie“-Konstruktionen. Heinrich Seidel nutzt sie als Modaladverbien. D.h. sie beschreiben die Art und Weise der Verben, hier als Grad oder Ausmaß, im Prinzip dienen sie als unbestimmte Steigerung, ein Verfahren das umgangssprachlich häufig vorkommt.

Auch in den Reimen schlägt sich die Umgangssprache nieder: Die Schlussreime von Strophe zwei und drei funktionieren nur, wenn man „Novemberspaß“ mit kurzem a, also eigentlich „-spass“, und „Zweig“ weich mit einem „ch“-Laut ausspricht.

Berücksichtigt man diese konsequente Orientierung an einem einfachen, umgangssprachlichen Stil, ergibt sich in der Pointe der vierten Strophe eine besondere Auslegung. Da ist von einem „Mann“ die Rede, der für seine weise Voraussicht zu loben ist, dass er die „die Häuser hohl gemacht“. Dieses Kompliment ist völlig paradox, weil nicht-hohle Häuser irgendwie ihren Zweck verfehlten. Zu beachten ist hier die Mehrzahl und Verb „machen“ statt bauen. Es geht also weniger um das konkrete Bauen von Häusern, sondern sozusagen um Ihre Schöpfung, so wie der Mensch „gemacht“ wurde und alles, was da kreucht und fleucht. Folglich wäre mit dem flapsigen „der Mann“ eigentlich „der Herr“ gemeint und dieses paradoxe Lob ein Seitenhieb auf Menschen, die jede positive Kleinigkeit der Weisheit und Güte des Herrn zuordnen.

Doch auch für den Menschen an sich hat Heinrich Seidel noch einen Seitenhieb parat. Als er endlich auflöst, dass das Lob des Novembers mit seinem „Schlackerwetter“ wirklich ironisch zu verstehen ist, weil die „Gräuel“ nur vergnüglich sind, wenn man sich im Haus aufhält, kann man diese Aussage auch weiter interpretieren als eine über den Menschen als Voyeur, der vieles ertragen und sogar heimlich Spaß („mit stillvergnügtem Grausen“) daran haben kann kann, solange er nur unbeteiligter Zuschauer ist. Dabei hat Heinrich Seidel die Zuschauerindustrie der modernen Massenmedien noch gar nicht gekannt!

Und so bekommt dieses harmlos-lustig erscheinende Gedicht über den November durchaus noch einen Zug, der bis in unsere Zeit hineinreicht, denn nicht nur das Novemberwetter wurde über die Jahre nicht besser, auch der Mensch an sich hat sich im Hinblick auf seine Eigenart als Voyeur des Grauens nicht wirklich gebessert – ganz im Gegenteil.

Autor: Hans-Peter Kraus (Kontakt)
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