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Claudius: An – als ihm die – starb

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Interpretation: An – als ihm die – starb

„Als Stefan George die Anthologie Das Jahrhundert Goethes vorbereitete und Karl Wolfskehl ihm das Gedicht vorlas, war er beeindruckt. Als er aber den Namen des Autors hörte, sagte er nur: „Quelle adresse!“ Die Verse waren eine Zeitlang fälschlich Klopstock zugeschrieben worden, und so ließ sie George wider besseres Wissen zu den Klopstockschen Gedichten stellen.“
(Walter Hinck, Stationen der deutschen Lyrik, Göttingen 2000, S. 63)

Das Gedicht wurde 1771 im Wandsbecker Boten veröffentlicht, eine Zeitung, die Matthias Claudius als einziger Redakteur betreute. Da die Gedichte dort ohne Verfassernamen erschienen, war der Autor zunächst unbekannt. Der Bezug zu Klopstock, der zu jener Zeit hohes Ansehen genoss, sind die Reimlosigkeit, eine gewisse Feierlichkeit der Sprache, die bei Klopstock jedoch wesentlich pompöser ausfiel, und ein selbst gestricktes Metrum. Obwohl es auf den ersten Blick nicht so aussieht, ist das Metrum tatsächlich für alle Strophen gleich mit Ausnahme einer einzigen Akzentverschiebung in der zweiten Strophe. Das Schema ist:

xXxxXxxXx
xXxXxxXxxXx
XxxXxxX

Da meist zwei Senkungen zwischen den Hebungen liegen, kann man sich mit dem Begriff daktylisches Versmaß zufrieden geben. Doch so ein Schema ist kein Selbstzweck. Die Frage ist, wie Matthias Claudius es mit Leben gefüllt, wie er es genutzt hat, um inhaltliche Akzente zu setzen.

Zuerst noch etwas zum Titel: Die Auslassungen deuten darauf hin, dass der Anlass für den Text aus dem privaten Umfeld des Dichters kam. Vermutet wird hier stets der Tod seiner Schwester. Matthias Claudius hat durchaus häufiger Gedichte veröffentlicht, die aus privaten Anlässen entstanden, und dass er es ganz anders geschrieben hat als seine anderen Gedichte – nämlich à la Klopstock –, deutet auf einen speziellen Adressaten hin, der vielleicht ein großer Klopstock-Verehrer war, aber letztlich kann man sich auch damit zufrieden geben, dass sich das Gedicht über den Titel an einen Mann richtet, dem die Frau (oder auch z.B. die Tochter) gestorben ist.

Der erste Vers holt durch die dreifache Wiederholung am Wortanfang (Alliteration) gleich das Maximale aus dem gewählten Metrum xXxxXxxXx heraus, das sich gut für melodiöse Verse eignet. Diese spezielle Variante eines Metrums nennt sich Amphibrachys. Dieser Versfuß besteht aus drei Silben mit der Hebung in der Mitte (xXx). Im Schulgebrauch verwendet man meist trotzdem wegen der Zweiersenkungen, die zwischen den Hebungen entstehen, den Daktylus als Kennzeichnung, die Senkung zu Beginn wird dann als Auftakt bezeichnet.

Man könnte den Beginn („Der Säemann säet“ und „Die Erd empfängt“) als verschämte Umschreibung des Zeugungsaktes lesen, aber ich meine, Claudius wollte auf etwas Anderes hinaus. Es gibt ein altes Volkslied mit der ersten Zeile „Es ist ein Schnitter, heißt der Tod“ und so wäre mit dem Säemann als derjenige, der Leben gibt, Gott gemeint. Der Dreiklang „Säemann säet den Samen“ erinnerte also an die Dreifaltigkeit „Gott Vater, Sohn Jesus und Heiliger Geist“.

Mit dem Beginn des zweiten Verses unterbricht Claudius die Melodie des Amphibrachys. Es kürzt dafür sogar das e am Ende von „Erde“. Diese Unterbrechung ist Programm, sie wird – wie auch in den folgenden Strophen – vom Satzbau unterstützt. Der zweite Vers teilt sich jeweils in xXxXx und xXxxXx auf. Der Amphibrachys wird also wieder aufgenommen und bietet mit seiner Senkung am Schluss (weibliche Kadenz) einen sanften Übergang zum nächsten Vers, was Claudius ausgiebig für Zeilensprünge (Enjambements) nutzt.

Auch der dritte Vers der ersten Strophe ist exemplarisch für die Nutzung des selbst gewählten Metrums. Die Hauptbetonungen liegen am Anfang und Ende des Verses. Dadurch ergibt sich eine „Betonungswanne“, wie sie auch für den Choriambus typisch ist mit dem Schema XxxX, der für solche Fälle oft als Schlussvers genutzt wird. Das „herauf“ wird damit metrisch emporgehoben. Metrum und Inhalt passen optimal zusammen.

Die erste Strophe schilderte die Entstehung einer Blume, wobei man im Zusammenhang mit dem Titel kein Problem hat, dies im übertragenen Sinne als Geburt eines Menschen zu verstehen. Nun verlängert der Gedankenstrich die Pause der Schlusshebung, um dann vom Bild der Blume in die menschliche Sphäre zu wechseln, verbunden durch das „sie".

Als ich das Metrum das erste Mal abgeklopft habe, bin ich beim ersten Vers der zweiten Strophe auf einen vierhebigen Jambus gekommen: xXxXxXxXx („Du liebtest sie. Was auch dies Leben“) Erst nachdem ich ganz durch war, merkte ich, dass dieser Vers von den anderen ersten Versen abwich. Ich hatte ihn sehr ruhig gelesen, ohne großes Auf und Ab, wunderte mich nur über die anschließende Akzentverschiebung in Vers zwei. Warum wurde das „Sonst“ betont?

Wenn man den Vers jedoch entsprechend dem Metrum der anderen ersten Verse liest, muss man das „sie“ drücken und die Hebung davor und danach stärker betonen, also: „Du LIEBtest sie. WAS auch dies Leben“. Jetzt spricht der Vers von der großen Leidenschaft einer Liebe gegen den ganzen Rest, und die Akzentverschiebung zugunsten des „Sonst“ in Vers zwei wirkt daran mit. Und diese aufgebaute Spannung wird in dem fast zärtlichen „Entschlummern“ als Euphemismus für das Sterben aufgelöst, wobei dieses Wort die Hauptbetonung in Vers drei trägt, entgegen dem sonstigen Betonungsschema, wo die Hauptbetonung am Schluss liegt; ein deutlicher Einschnitt also.

Nachdem ein Leben von der Geburt (und davor) bis zum Tod auf zwei Strophen reduziert wurde, stellt Claudius in der Mitte seines Gedichtes die Frage nach der Trauer. Wichtig dabei ist, dass die Hände nicht gen Himmel, also zu Gott erhoben werden, sondern zur Wolke „des Todes und der Verwesung“. An die Verwesung zu erinnern ist etwas unappetitlich, aber volle Absicht, denn es soll zeigen, dass der Trauernde immer noch in der Denkweise des Körperlichen, des irdischen Lebens verfangen ist.

Dem stellt der Dichter in Strophe vier die Sichtweise der Bibel entgegen. Der erste Vers ist eine Variation auf eine Stelle aus Psalm 103, hier wiedergegeben in der Übersetzung Luthers von 1545: „EJn Mensch ist in seinem Leben wie Gras / Er blüet wie eine Blume auff dem felde.“ Auch im Neuen Testament findet sich dieser Gedankengang bei Petrus wieder: „Denn alles Fleisch ist wie Gras / vnd alle Herrligkeit der Menschen / wie des grases blumen / Das gras ist verdorret / vnd die blume abgefallen.“ (1. Petrus Kapitel 1 Vers 24) So erklärt sich auch der Rückgriff auf das Bild der Blume für eine Frau in der ersten Strophe, ihre Vergänglichkeit ist damit bereits angedeutet.

Etwas seltsam erscheint auf den ersten Blick der Übergang von Vers eins zu Vers zwei. Da das „Dahin“ nicht durch ein Komma abgetrennt ist, müsste es eigentlich als Fortsetzung des ersten Verses gelesen werden. Andrerseits wird der Vergleich „wie Blätter“ durch ein Komma abgetrennt, hier soll also pausiert werden. Insgesamt steht das „Dahin“ isoliert da, es gehört nicht richtig zum einen wie zum anderen Satzbestandteil, es steht da wie der Moment des Todes zwischen dem Leben und dem, was danach kommen könnte.

Wie schon in den ersten beiden Strophen wird das menschliche Leben im zweiten Teil der vierten Strophe Claudius arg reduziert. „Nur wenige Tage“ soll es dauern und letztlich deutet „verkleidet“ an, dass der Mensch verhüllt gar nicht in seiner richtigen Gestalt durchs Leben geht. Diese Sichtweise leitet den Höhepunkt des Gedichtes ein: Die symbolische Nutzung des Adlers.

Der Adler ist ein weit verbreitetes, vielfältiges Symbol, wie Peter Eckardt in einem Artikel zeigt, er gilt auch als Symbol der Auferstehung. Ihm wird die Eigenschaft zugeschrieben, beim Aufwärtsflug in die Sonne schauen zu können. Hier wird er als Symbol für die Seele genutzt, die nach einem kurzen Aufenthalt auf der Erde zu eben dieser Sonne zurückkehrt, wobei die Sonne wiederum als Symbol für das göttliche Jenseitsreich steht. Der „Staub“, den sich der Adler „vom Flügel“ schüttelt, ist der Restbestandteile des irdischen Daseins: „Er gedencket daran / das wir Staub sind“, heißt es im bereits erwähnten 103. Psalm über den Herrn.

Der Trost, den dieses Trauergedicht spenden soll, ergibt sich also aus dem Glauben, dass das Leben nur ein Zwischenspiel ist, nachdem die Seele dorthin zurückkehrt, woher sie kam. Trauern um den irdischen Verlust ist demnach fehlgeleitet, wenn es nicht auch im Gedenken daran geschieht. Unausgesprochen, aber eng verbunden damit ist der Gedanke, dass die Verstorbenen nur vorangehen.

Matthias Claudius selbst hat einige Erfahrungen mit dem Tod gemacht. Als Kind starben drei seiner Geschwister, später der Bruder, mit dem er zusammen in Jena studierte, und die jüngere Schwester, deren Tod als Ursache für dieses Gedicht vermutet wird. Nach seiner Heirat musste er den Verlust seines Erstgeborenen kurz nach der Geburt hinnehmen, auch der zweite Sohn, der die Geburt überlebte, wurde nicht mal zwei Jahre alt, und über den Tod seiner 20-jährigen Tochter Christiane hat er ein wunderbares Gedicht geschrieben. Immer scheint ihm der Glaube geholfen zu haben. Nur einmal, viele Jahre nach diesem Gedicht, beim Tod seines zweiten Sohnes schimmerte durch, dass auch er wie alle anderen um die Toten trauerte und dabei Zweifel am Sinn des Ganzen aufkamen: „Ich dachte lange schon, mein Glaube sei fest und stark; in der Stunde aber, in der ich meinen Matthias in den Sarg legte, da wollte Ergebung und Demut fast nicht halten; der Glaube ward hart geprüft; da erst lernte ich verstehen, was es mit dem Menschenleben auf Erden auf sich hat. Was vorherging, war nur ein Kinderspiel.“ (Wolfgang Stammler: Matthias Claudius, der Wandsbecker Bote, Halle 1915, S. 159)

Dieses Zitat zeigt, dass es Matthias Claudius sehr ernst war mit dem, was er in seinem Gedicht schrieb. Dichter und Alltagsmensch waren bei ihm eins. Das Gedicht zeigt aber auch seine Fähigkeiten, auf ganz eigene Art Gedichte à la Klopstock zu schreiben, und in manch anderem Gedicht, das oberflächlich etwas naiv oder volkstümlich daherkommt, steckt ebenfalls sehr viel dichterisches Können. Die Geringschätzung, die in der Eingangsanekdote zum Ausdruck kommt, richtet den Richter und nicht den Dichter.

Autor: Hans-Peter Kraus (Kontakt)
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Interpretationen im Web:

Bei noberto42 findet man eine weitere Interpretation des Gedichtes, die im Großen und Ganzen zum selben Schluss, aber in den Details zu anderen Folgerungen kommt, was im Prinzip eine gute Sache ist, da bleibt noch selbst etwas zum Nachdenken übrig. Denn nur abschreiben möchte ja keiner, oder?-)