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Lenau: Winternacht

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Interpretation: Winternacht

Es ist nur eine Kleinigkeit, die die verwendete Strophe in Winternacht von den beliebtesten Strophenformen der letzten 250 Jahre in der deutschen Lyrik unterscheidet. Die Strophe ist ein Vierzeiler, hat vier Hebungen, beginnt mit einer Senkung bei regelmäßigem Wechsel von Senkung und Hebung, also ein jambisches Versmaß, und enthält einen Kreuzreim (abab). So weit, so beliebt. Die einzige Abweichung ist, dass der Kreuzreim erst den männlichen Verschluss (mit einer Hebung) und dann den weiblichen (mit einer Senkung) bringt. Jede Strophe und das gesamte Gedicht endet also nicht mit einer Hebung, die einen Schlusspunkt setzt, wie das bei der beliebtesten Strophenvariante der Fall ist. Was hat das bei einem Gedicht, in dem es um Leben und Tod geht, zu bedeuten? Gute Frage, könnte von mir sein. Schauen wir mal:

In der ersten Strophe stapft das lyrische Ich durch den nächtlichen Winterwald. Formal hat dieses Stapfen die volle Unterstützung der gestalterischen Mittel eines Gedichts. Die Wiederholungen in den Mittelversen (Es kracht - Es dampft - es klirrt), die extensive Nutzung harter Konsonanten, vor allem t und k, begleitet von vielen r, zum Teil gedoppelten, die zu einer rollenden Aussprache einladen. Der Schlussvers – wieder mit einer Wiederholung (fort - fortgeschritten) – betont die kämpferische Einstellung zu den Widrigkeiten der winterlichen Natur.

Ganz anders die zweite Strophe: Anscheinend hat das lyrische Ich eine Pause eingelegt und bemerkt erst dadurch die Stille und Schönheit der Landschaft. Noch immer beherrscht das t die Versschlüsse, aber wesentlich abgesoftet durch g und ch. Seltsamerweise verbindet das lyrische Ich die zur Erde geneigten Fichtenzweige mit dem Tod. Dabei ist es eine Überlebensstrategie, wenn Baumzweige unter der Schneelast nachgeben, um den Schnee möglichst bald abgleiten zu lassen, statt starr zu bleiben und unter der Last möglicherweise zu brechen.

Den Ansatz einer Erklärung für die Gedanken an den Tod bietet die dritte Strophe. Diese teilt sich auf: Die ersten beiden Verse knüpfen an die erste, die letzten beiden an die zweite Strophe an. Die doppelte Hebung zu Anfang mit Alliteration ist nicht zu übersehen, auch der zweite Vers zieht die Hebung auf die Anfangssilbe. Das lyrische Ich fordert den Frost bzw. den Tod heraus, aber es tut das in einer derart übertriebenen Weise, die deutlich macht, wie stark seine Leidenschaften sind, sein Lebenswille ist. „Tief“, sehr tief muss der Frost hinein ins Herz, um ihn zu besiegen. Die beiden Schlussverse sind dann sehr piano, klingen weich aus. Die Versenden sind endgültig befreit von allen harten Konsonanten.

Das lyrische Ich erzeugt den Eindruck leidenschaftlich zu sein („das heißbewegte, wilde“), ehrgeizig („nur immer fortgeschritten“), aber auch unter einem großen Druck zu stehen (der Schnee auf den Fichtenzweigen), der es an den Tod denken lässt. Es schwankt zwischen dem fortgesetzten Kampf – worum auch immer: Liebe, Anerkennung, Erfolg – und der Sehnsucht danach, sich fallen zu lassen. Und doch: Ich glaube nicht, dass das lyrische Ich wirklich den Schlusspunkt will, dann hätte das Gedicht mit einer harten Hebung enden sollen. So läuft das Gedicht sanft aus, senkt sich am Schluss ab, so wie sich die Zweige unter der Schneelast absenken, um dann wieder hochzuschnellen, wenn der Schnee abgleitet. Die Gedanken ans Nachgeben wären also nur eine Art Kräfte zu sammeln, um dann doch weiter zu kämpfen. Wie gesagt: Es ist nur eine Kleinigkeit, die die verwendete Strophe in Winternacht von den beliebtesten Strophenformen der letzten 250 Jahre in der deutschen Lyrik unterscheidet.

Autor: Hans-Peter Kraus (Kontakt)
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Interpretationen im Web:

Beim Lyrikschadchen gibt es eine Interpretation aus der 10. Klasse, die sich auf Liebeskummer als Erklärung für die Gedanken des lyrischen Ichs beschränkt.