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Keller: Stiller Augenblick

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Interpretation: Stiller Augenblick

Gottfried Kellers „Stiller Augenblick“ ist ein Gedicht zarter, innerlicher Natur. Obwohl alle Sinne in dem Gedicht angesprochen werden, bleiben die handfesten Seiten des Herbstes wie z.B. Stürme oder Regen außen vor. Vielmehr führt ein Herbstabend am See zu einem Augenblick vollkommener Harmonie und Einssein mit dem Leben … sag ich jetzt einfach mal so und muss das natürlich am Text zeigen. Doch zuerst die Formalitäten:

Die sechszeiligen Strophen sind nach dem Schweifreimschema aufgebaut: aabccb. Dabei enden die Paarreime mit Senkungen (weibliche Kadenz), die Schweifreime mit Hebungen (männliche Kadenz). Das ist das übliche Schema, wobei interessant sein wird, wie Keller die verschiedenen Kadenzen nutzt.

Das Metrum ist etwas unregelmäßig. Jeder Vers beginnt mit einer Hebung und meistens wechseln dann Senkungen und Hebungen im Zweiertakt, also ein Trochäus als Versfuß; zwischendurch sind aber auch immer wieder zwei Senkungen eingestreut, wodurch sich ein Daktylus (Xxx) ergibt. Bis auf eine Ausnahme hat jeder Vers vier Hebungen.

Die einzig regelmäßig gebaute Strophe ist die letzte. Wenn ich davon ausgehe, dass der Dichter nicht nur Glück gehabt hat beim Bau der letzten Strophe, und normalerweise sind die alten Dichter in ihren Gedichten wie Gott – sie würfeln nicht –, ergibt sich die Frage, warum diese Strophe absolut regelmäßig ist. Vor das Ende hat der Dichter jedoch den Anfang gesetzt, also fange ich damit an:

Das Gedicht beginnt mit einer herbstlichen Abendszene an einem Waldsee, wo das lyrische Ich von einer Uferhöhe einem Schwan zusieht. Das lyrische Ich personifiziert das „fliehende Jahr“, spricht es mit „du“ an. Diese Personifizierung schafft Nähe, Gemeinsamkeit, sie ist ein erster Hinweis auf die harmonische Grundstimmung des Gedichtes.

Die Formulierung „Wallest du deine Bahn“ klingt etwas komisch, wenn man an Aufwallungen dabei denkt. Die Bedeutung im Sinne von Aufkochen, Brodeln liegt heute wohl näher als zu Kellers Zeiten. Doch aus der heute noch bekannten Wendung vom „wallenden Haar“, das ein Fließen beschreibt, und der älteren Bedeutung als „von Ort zu Ort ziehen“, wie man sie im Wörterbuch der Gebrüder Grimm nachlesen kann, lässt sich beim Wallen des Jahres auf etwas Verfließendes schließen.

Eine weitere Besonderheit des dritten Verses ist seine Verkürzung auf drei Hebungen. Ich deute dies als formale Entsprechung für die Kürze des Restjahres. Das vorzeitige Ende des Verses dient sozusagen als Knoten im Taschentuch, um darauf hinzuweisen, dass das Jahr bald zu Ende geht.

Die zahlreichen Zeilensprünge (Enjambements) in der ersten Strophe, die von den gesenkten Silben am jeweiligen Versende unterstützt werden, zeigen den deutlichen Willen, die Verse zu einem Ganzen zu verbinden. Obwohl mit dem Schluss des dritten Verses auch eine deutliche Pause gekennzeichnet ist, die typischerweise auftritt, wenn der Schweifreim auf eine Hebung endet, zeigt schon das Semikolon statt eines Punktes, dass der Dichter nicht gewillt ist, die Strophe deutlich zu teilen. Tatsächlich werden durch den Verzicht auf das Personalpronomen bei „Siehst mich“ beide Teile deutlich stärker verbunden als wenn mit „Du siehst mich“ ein neuer Satzanfang begründet würde.

Ein weiteres Kennzeichen für die Strophe als geschlossenes Ganzes ist die ausschließliche Endung aller Verse auf –n. Auch dieses lautliche Detail ist mit Sicherheit nicht „gewürfelt“. Gottfried Keller hat sich in den ersten beiden Versen gegen die vielleicht sogar einleuchtender scheinende Möglichkeit der Einzahl entschieden, es heißt nicht Schleier und Weiher, sondern „Schleiern“ und „Weihern“. Auch in den beiden Schlussstrophen spielt die -n-Endung eine prägende Rolle, nur in der zweiten, wo die „Action“ stattfindet, verzichtet Keller aufs -n.

Warum die Endung auf -n genau passend ist, lässt sich mit dem Vergleich von Einzahl zur Mehrzahl zeigen. Sprechen Sie „Weiher“ und „Weihern“ sowie „Schleier“ und „Schleiern“ laut und achten Sie dabei auf die Lippenbewegungen. Bei -er öffnet sich der Mund weiter, während er sich bei -ern leicht schließt. Ob man das als kurioses Detail oder dichterisches Sprachgefühl wertet, eins steht fest: Die Endung auf -n oder -en passt im Vergleich zur Endung auf -r oder -er besser zum Herbst.

Im letzten Vers der ersten Strophe ist noch ein inhaltliches Detail bemerkenswert. Der Schwan ist weder schwarz noch weiß, sondern stumm. Es kommt Gottfried Keller im Hinblick auf die nächste Strophe darauf an, gerade durch das Nichtvorhandensein von Lauten den Hörsinn anzusprechen. Die anderen Sinne sind bis auf einen bereits aktiviert: In Vers eins der Geruchssinn („in duftigen Schleiern“), in Vers zwei der Sehsinn („an abendrötlichen Weihern“) und in Vers vier der Temperatur- oder taktile Sinn der Haut („am kühlen Waldsee“). Vorherrschend ist in dieser Strophe durch das entworfene Bild der Sehsinn, der ja auch direkt angesprochen wird: „Siehst mich“.

Der noch fehlende Geschmackssinn wird in Strophe zwei indirekt über das Eintauchen des Schwans angedeutet, das der Nahrungsaufnahme dient. Wichtiger ist in dieser Strophe jedoch der Hörsinn. Noch einmal wird die Abwesenheiten von Lauten und Geräuschen beschworen: „Still und einsam“. Doch gerade durch die Konzentration auf die Stille wird die akustische Phantasie des Lesers angesprochen, wenn der Schwan die Flügel „schwingt“ oder den Kopf ins Wasser „tauchet“. Die dadurch verursachten Geräusche sollten in der Stille hörbar werden.

Eine schöne Ausschöpfung des gewählten Reimschemas ist der Schluss des dritten Verses: Das „lauscht“ erzeugt selbst, da der Vers mit einer Hebung endet, eine lauschende Pause. Der „flüsternde Schilfe“ schließlich kann wieder in Richtung Personifizierung gelesen werden, zumindest bekommt der Schilf eine Stimme. In dieser Strophe wird die Harmonie oder das Gefühl der Zusammengehörigkeit von allem durch Stille, das Hören und Geräusche erreicht. Nur eins fehlt: Das lyrische Ich hat sich komplett zurück genommen.

In der dritten Strophe meldet sich das lyrische Ich zurück, es erlebt den titelgebenden stillen Augenblick. Das Erleben ist träumerischer Natur, es ist ein ätherischer (zarter, vergeistigter), esoterischer (innerlicher) Akt, gleichzeitig nah und fern, denn es ist dem lyrischen nur „als ob“ seine Seele „lugt’ und lauschte“ (Konjunktivformen).

Die Seele ist naturgemäß ein schwer zu erfassendes Phänomen, etwas, das irgendwo zwischen ganz tief innen und sehr weit weg im Jenseits angesiedelt ist. Gottfried Keller versucht ein Gefühl zu umschreiben, bei dem ein Mensch mit sich und der Welt im Reinen ist und gleichzeitig auf ätherische Weise dies als Trennung oder Auflösung von sich selbst erlebt – die Seele ist „verwundert über … das Hin- und Widerschweben“. Die vollkommene Harmonie des Augenblicks wird dabei klanglich mit den paarweise gleichen Anfangslauten (Alliterationen) der vier Hebungen im Schlussvers der dritten Strophe angezeigt.

Durch die träumerische Trennung vom eigenen Ich erscheint die Ansprache an sich selbst in der letzten Strophe nur folgerichtig. Die Strophe spannt dabei einen Bogen vom Leben zum Tod. Sie beginnt mit dem Urakt des menschlichen Lebens: der Atmung.

Die Selbstaufforderung „Atme nur“ ist klanglich besonders auffällig. Zum ersten, weil es einer der ganz wenigen Verse ist, der mit einem Vokal beginnt, zum Zweiten, weil der reine, lange a-Laut in den vorangegangenen Strophen völlig fehlt. Sein letztes Vorkommen: „Schwan“ am Schluss der ersten Strophe. Was also explizit vorher im Gedicht angesprochen wurde, die Verbindung zwischen dem lyrischen Ich und dem Schwan, wird auch lautlich hier noch mal bekräftigt. Die Wörter „einsam“ und „stillen“ sind weitere Anknüpfungspunkte.

Vom Aufbau her ähnelt die letzte Strophe der ersten. Wieder wird mit Enjambements gearbeitet, die Trennung der zwei Strophenteile ist deutlicher, doch soll das „Und“ die beiden Teile verbinden.

Der erste Teil der letzten Strophe ist dem Leben gewidmet, wobei das „friedliche Genügen“ gepriesen wird. Der zweite Teil beschäftigt sich mit dem Tod, wobei es trotz der Erwähnung der Seele zuvor nicht um das Leben danach geht, sondern ums Sterben. Das lyrische Ich wünscht sich selbst einen sanften Übergang zum Tod, es greift den stillen Augenblick der dritten Strophe noch mal mit „Und hast du dich klar empfunden“ auf. Dieser war ja bereits durch eine Auflösung des Ichs gekennzeichnet.

Das lyrische Ich ist somit an einem Punkt angekommen, an dem es Leben und Sterben gleichermaßen akzeptiert. Es ist ein Punkt völliger Klarheit im Leben erreicht, und diese Klarheit spiegelt sich im Metrum wider. Die Strophe nutzt im Gegensatz zu den Vorstrophen einen lupenreinen Trochäus (Xx).

Gottfried Kellers „Stiller Augenblick“ ist ein Moment der Einsicht oder Erleuchtung, ein Erleben von Einssein, bei dem das Ich sich selbst verliert und diesen Verlust akzeptiert als Gang der Dinge. Obwohl die Seele erwähnt wird, ist es doch kein Gedicht im christlichen Sinne übers Leben und Sterben. Das lyrische Ich in Gottfried Kellers Gedicht kann allein aus dem Bild, das die Natur ihm bietet, den Trost bzw. die Einsicht ziehen, für die in der christlichen Religion ein Gott aufgeboten werden muss. In diesem Sinne ist es ein zeitloses Gedicht, eines, das auch im 21. Jahrhundert seinen Wert hat.

Autor: Hans-Peter Kraus (Kontakt)
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