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Ringelnatz: Heimatlose

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Interpretation: Heimatlose

Das Gedicht „Heimatlose“ erschien 1928 im Ringelnatz-Gedichtband „Allerdings“. Es weist ihn – neben Klabund und Max Dauthendey – als einen der bedeutendsten literarischen Aquaristen aus. So wurden in den 20er Jahren des vergangenen Jahrhunderts die Vertreter des aquarischen Symbolismus genannt, die sich vor allem der Symbolik von Wasser und Meer widmeten. Das Meer spielte auch in der Biographie von Joachim Ringelnatz eine bedeutende Rolle. Jahrelang war er als Seemann unterwegs und erfüllte sich damit einen Jugendtraum. Im ersten Weltkrieg diente Ringelnatz in der kaiserlichen Marine.

Schon der Titel „Heimatlose“ weist auf eine existenzialistische Auseinandersetzung mit dem Thema Meer hin, das letztlich die Heimat allen Lebens ist, denn: „Im allgemeinen Sprachgebrauch ist H. zunächst auf den Ort (auch als Landschaft verstanden) bezogen, in den der Mensch hineingeboren wird“, heißt es im Brockhaus (zitiert nach Heimatdefinitionen - Uni Ulm). Doch ich will nicht zu weit vorgreifen. Zunächst wie immer ein paar Worte zu den formalen Mittel:

Das Reimschema dieses strophenlosen Gedichts – ababccddedeffgcfcg – wurde zum ersten Mal von Alois Wurzelmoser in seinem Gedicht Der Rheinfall bei Ruhpolding genutzt und wird daher Wurzelmosers Rheinfall genannt. Es gibt natürlich keinen Rheinfall bei Ruhpolding, doch Wurzelmoser war ein bekannter oberbayerischer Negativist, eine Richtung des Symbolismus’, die sich mit dem Nichtexistierenden beschäftigte.

Das Schema ist außerordentlich vielfältig: Kreuzreim, Paarreim, selbst ein umarmender Reim ist enthalten. Dies ist ein Fingerzeig, dass in diesem Gedicht eine allumfassende Auseinandersetzung mit den Grundfragen der menschlichen Existenz stattfindet. Auch ein Hinweis auf das Meer lässt sich der Formgestalt entnehmen. Ringelnatz variiert die Längen der Verse, so dass sich im ersten Teil eine Wellenbewegung kurz-lang-kurz-lang ergibt, die im zweiten Teil noch vorhanden ist, sich aber etwas abschwächt. Dies entspricht dem intimen Charakter des zweiten Gedichtteils.

Ebenso vielfältig wie das Reimschema zeigt sich das Metrum. Litauischer Jambus, britischer Trochäus und römischer Daktylus wechseln munter, doch ein Kennzeichen gilt für fast alle Verse: Sie enden mit einer Hebung (männliche Kadenz). Die Ausnahmen sind inhaltlich begründet. Ich werde an den entsprechenden Stellen darauf hinweisen.

Im ersten Vers nutzt Ringelnatz die metrische Beliebigkeit von einsilbigen Wörtern, um den Leser zu verunsichern. Wo ist eine Hebung, wo eine Senkung anzusetzen? Das heißt, schon mit diesem unscheinbaren Vers erfährt der Leser am eigenen Leib die Unsicherheit und Unbestimmtheit des Lebens. Passend dazu lautet das erste Wort, das problemlos metrisch eingeordnet werden kann: „gestorben“ – nur der Tod ist sicher.

Derart vorbereitet geht es existenzialistisch weiter: Das lyrische Ich ist Gast in einem Haus. Dieses Gefühl, nur Gast auf Erden zu sein, hat eine literarische Tradition, die bis Paul Gerhardt (Ich bin ein Gast auf Erden) und den Barock zurückgeführt werden kann. Damit zeigt sich die tiefe Verbundenheit der Aquaristen zur Lyrik der Vergangenheit. Sie hatten im Gegensatz zur anderen „modernen“ Richtungen nicht den Anspruch, die Lyrik neu erfunden zu haben.

In Vers drei („In dem Haus, wo ich zu Gast“) zeigt sich die besondere Kunstfertigkeit des literarischen Aquaristen Ringelnatz. Spürt man der Lautstruktur der Vokale in diesem Vers bewusst nach, ergeben sich Wellenbewegungen zwischen eher geschlossen und offenen Lauten. Von i nach e nach a öffnen sich die Lippen immer weiter, um sich beim u im Diphthong au wieder zu verengen. Über die Stufen o und i öffnet sich der Mund wieder, das u in „zu“ nimmt die Öffnung zurück, doch dann beim letzten Wort fließt der Vers mit dem offenen Vokal a aus.

Zurück zum Inhalt: Schon bevor das geheimnisvolle „Versteck“ in Vers vier erwähnt wird, bereitet Ringelnatz den Leser auf Ungewöhnliches vor, denn der Schluss des dritten Verses („Gast“) und der Beginn des vierten („war“) erzeugen einen ersten Hebungsprall. Von dieser Kombination aus Zusammenprall und Geheimnis geht es geschwind mit Bewegungsverben und dem Signalwort „Plötzlich“ bis ans Meer.

Das Wörtchen „Klosett“ mag dem uneingeweihten Leser vielleicht deplatziert in einem lyrischen Werk erscheinen, doch für Ringelnatz als literarischen Aquaristen hat es aufgrund seiner Biographie eine besondere Bedeutung, die Richtung Meer zielt. Aus seiner Jugendzeit ist seine Angewohnheit überliefert, stundenlang die Toilettenspülung auszulösen, weil er als in Sachsen aufgewachsenes Kind die Vorstellung hatte, dass so das Meeresrauschen klänge. Das Klosett dient dem Aquaristen Ringelnatz als Meerersatz. So ist es in Anbetracht der Schlussfrage nur folgerichtig, dass das Meerschweinchen in Klonähe Unterschlupf gesucht hat.

Mit der Begegnung zwischen lyrischem Ich und Meerschweinchen endet der erste Satz des Gedichtes. Und hier finden sich auch die Ausnahmen von den männlichen Kadenzen: „Beinchen“ und „Meerschweinchen“ lassen ihre Verse mit Senkungen enden. Schon allein mit diesem formalen Anderssein zeigt sich die Isolation des Meerschweinchens, die der Isolation des Menschen entspricht, der nur zu Gast im Haus ist, denn ein Gastgeber wird im Gedicht nicht erwähnt.

Der zweite Satz des Gedichtes wird beherrscht von den offenen Lauten a und i. Das vernachlässigte e taucht zwischendurch nur einmal auf, wird dafür um so wichtiger, denn „her“ bildet einen umarmenden Reim mit dem alles entscheidenden Schlusswort. Auch ein weiteres Überangebot eines formalen Merkmals im zweiten Satz ist auffällig: Mit Ausnahme eines einzigen Verses beginnen und enden alle Verse mit einer Hebung. Die Abwägungen des Meerschweinchens, ob der Gast vertrauenswürdig ist, werden also vollständig in sich abkapselnden Versen vollzogen. Auch damit weist Ringelnatz wieder auf die Isolation des Einzelnen hin. Erst als das Meerschweinchen im vorletzten Vers zur Frage ansetzt, und eine Frage ist ja immer ein Sich-Öffnen gegenüber einem Anderen, steht eine Senkung am Anfang.

Hier zeigt sich ganz deutlich der Formwille von Ringelnatz in diesem auf den ersten Blick recht formlosen Text. Als literarischer Aquarist spiegelt er eine kennzeichnende Eigenschaft des Meeres wider, das dem beiläufigen Betrachter form- und regellos erscheint, in Wahrheit jedoch einen strengen Rhythmus einhält, der von den zwischen Sonne, Mond und Erde herrschenden Gravitationskräften bestimmt wird.

Die Schlussfrage „Wo ist das Meer?“ mag in einem Gedicht des aquarischen Symbolismus’ erstaunlich scheinen, der sich ja vorwiegend mit Wasser und dem Meer beschäftigt, doch sie ist Ausdruck tiefster Verzweifelung und Isolation. Wenn selbst Meerschweinchen nicht mehr wissen, wo das Meer ist, wer dann?

Und sollten Sie endgültig ob dieser brillanten Schlussfrage überlegen, ob der Interpret noch alle Muscheln in der Kiste hat, so kann ich sagen: Ich habe mir wirklich Mühe gegeben, den Satirecharakter dieser Interpretation deutlich zu machen. Beim Aquaristen Ringelnatz mögen vielleicht noch keine Alarmglocken geklingelt haben, aber ein Reimschema namens „Wurzelmosers Rheinfall“? „Litauische Jamben“?

Allerdings ist nicht alles frei erfunden. Der Gedichtband „Allerdings“ erschien tatsächlich 1928, Ringelnatz war wirklich auf dem Meer unterwegs und in der kaiserlichen Marine. Die Geschichte mit der Klosettspülung als Meerersatz hat mich fast selbst überzeugt, obwohl ihr keine reale Anekdote zu Grunde liegt. Was dann auch zur entscheidende Frage führt: Wie viel von dem, was ich aus dem Gedicht herausinterpretiert habe, hält einer ernsthaften Analyse stand, wie viel ist überinterpretiert?

Dabei ist es nicht die Frage, was der Dichter wirklich sagen wollte, ob er alles tatsächlich so geplant hatte, wie ein Interpret das aus dem Gedicht schließt. Es existiert nicht die eine richtige Interpretation, die den Willen des Dichters wiedergibt. Auch wenn ein Dichter sich mehr Gedanken um ein Gedicht macht, als es auf den ersten Blick aussieht, hat auch er nicht die totale Kontrolle über das, was er schreibt und schon gar nicht hat er Kontrolle darüber, wie ein Leser seine Worte versteht. Interpretation ist, auch wenn sie immer versucht den Blickwinkel des Dichters einzunehmen, eine Leserinterpretation: Was sagt mir das Gedicht?

Trotzdem sollten Sie sich immer fragen, wenn Sie eine schöne, runde Interpretation lesen: Hat sich der Interpret passend gemacht, was nicht passte? Bei dieser „Interpretation“ lässt sich das Schleifchen Seemannsgarn drum herum nicht wegleugnen, aber auch in einer ernsthaften Analyse kann es durchaus passieren, dass jemand hohe Wellen in einem Wassereimer sieht. Davon kann ich auch mich nicht ausnehmen. Also: Achten Sie darauf, dass Sie nicht zu weit hinaus schwimmen im blinden Vertrauen auf fachmännische Interpretationskräfte. Als Erinnerungshilfe betätigen Sie notfalls die Klospülung.

Autor: Hans-Peter Kraus (Kontakt)
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