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Meyer: Zwei Segel

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Interpretation: Zwei Segel

Zwei Segel? Ich schätze, selbst beim ersten flüchtigen Lesen fällt auf, dass hier mehr oder etwas Anderes beschrieben wird als zwei Segel. Und warum überhaupt zwei Segel? Wo sind die Boote dazu? OK, erst mal Boden unter den Füßen bekommen, dann sollten sich diese Fragen klären:

Ein Vierzeiler mit Kreuzreim bei abwechselnder Senkung und Hebung am Schluss (weibliche und männliche Kadenz) ist das beliebteste Aufbauschema der deutschen Dichtung im 19.Jahrhundert (siehe: Horst J. Frank, Handbuch deutscher Strophenformen, Francke 1993). Anscheinend stillt es ein sprachliches Harmoniebedürfnis: Ein männlicher und ein weiblicher Reim pro Strophe. Wir sind also fast schon beim Thema.

Nur zwei Hebungen pro Vers hingegen sind etwas ungewöhnlich, weil sie eine sprachliche Knappheit verlangen, die zu einem Satzbau im Telegrammstil führen kann. Meyer nutzt jedoch den Versfuß, der dieser Gefahr am besten entgegenwirkt und sprachlich entsprechend gefüllt einen beschwingten Rhythmus erzeugt: den Amphibrachys (xXx). Das metrische Schema der Strophen ist:

xXx|xXx
xXx|xX
xXx|xXx
xXx|xX

Meist wird dieses Schema als Daktylus mit Auftakt beschrieben, weil die Gelehrten irgendwann meinten, dass alles, was zwei Senkungen hat, daktylisch ist, so dass man gleich zwei Fachbegriffe – Anapäst (xxX) und eben Amphibrachys – eingespart hat. Das Schema sähe dann so aus:

x|Xxx|Xx
x|Xxx|X
x|Xxx|Xx
x|Xxx|X

Doch damit wird die musikalische Wirkung der Hebung in der Mitte eines Taktes unterschlagen, deshalb bringe ich hier den Amphibrachys an.

In der ersten Strophe nutzt Meyer gleich die rhythmische Potenz des Amphibrachys. Zwei parallel gebaute Sätze, die jeweils im Zeilensprung (Enjambement) übers Versende hinausgehen, betonen die Harmonie der beiden Segel. Zudem bilden diese zu den Reimwörtern Anklänge (Assonanzen) durch den jeweils doppelten e-Vokal. Dass nur die Segel genannt werden, lässt auf eine große Entfernung des Beobachters schließen, wie auch die „tiefblaue Bucht“ auf ein von Ferne erfasstes Gesamtbild hindeutet, im Film würde man sagen: eine Totale.

Die „ruhige Flucht“ scheint eine sich selbst widersprechende Formulierung zu sein – also ein Oxymoron –, eine Flucht wird eher mit Geschwindigkeit in Verbindung gebracht. Doch auch dies kann man zunächst als Beleg für die große Entfernung werten, bei der eine Bewegung weg vom Beobachter sehr langsam vor sich geht.

In der zweiten Strophe nutzt der Dichter wieder Zeilensprünge, doch diesmal ist die ganze Strophe in einem einzigen Satz vereint. Zudem macht Meyer den Sprung zur Personifizierung der Segel. Er ersetzt sie durch „eins“ und schreibt dem einen ein „Empfinden“ zu, das „erregt“ wird. Hervorgehoben werden die Segel auch durch die Lautung: „eins“ und „andern“ heben sich durch a-Laute von den i- und e-Vokalen des jeweiligen Verses hervor.

Vergleicht man diese mit der letzten Strophe, wird klar, dass hier eine gemeinsame innere Erregung dargestellt werden soll. Denn das eine Segel „wölbt und bewegt“ sich, was beim anderen als „Empfinden“ beschrieben wird. In der dritten Strophe ist hingegen von „hasten“ und „rasten“ die Rede, womit eher die Boote gemeint sein müssten als die Segel, wenn nicht das Bild von den Segelbooten schon vollständig zurückgedrängt wäre. Denn Begehren, Verlangen und am Schluss der „Gesell“ sind eindeutig keine dingliche Eigenschaften mehr. Hier wird die gemeinsame Bewegung eines Freundschafts- oder Liebespaares durchs Leben beschrieben.

Conrad Ferdinand Meyer hat in diesem Gedicht ein sehr schönes Bild von einer harmonischen Partnerschaft hervorgebracht. Die Frage ist: Warum benutzt er Dinge auf weiter Entfernung für seine Darstellung? Ich meine, damit soll entweder ein zeitlicher oder innerer Abstand deutlich gemacht werden. So als ob die Stimme des Gedichtes sagen wollte: Ja, den richtigen Partner zu haben ist sehr schön, aber ich bin weit davon weg. Ob zeitlich oder emotional, sei dahingestellt. Das Gedicht würde somit auf der Oberfläche die Schönheit von Freundschaft oder Liebe darstellen, auf einer zweiten Ebene jedoch ein Defizit an Gefühlsleben. Damit wäre auch der Begriff „Flucht“ aus der ersten Strophe verständlicher, denn aus der Perspektive der Stimme des Gedichts entziehen sich ihr die Segel und somit das Zusammensein als ein Paar.

Autor: Hans-Peter Kraus (Kontakt)
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Interpretationen im Web:

Im Blog norberto42 findet man analysierte Vorgängerversionen von Zwei Segel, die möglicherweise eine Interpretationshilfe sein können.