Unterm Lyrikmond

Gedichte lesen und hören, schreiben und interpretieren

Hoddis: Weltende

Dieses Gedicht im TextformatHörversion des GedichtsGedicht per E-Mail versenden

 

Erstmal selbst probieren und dann vergleichen? 10 Tipps für bessere Gedichtinterpretationen.

Interpretation: Weltende

Weltende! Weltuntergang! Bei wem beginnen da nicht Bilder zu laufen? Feuersbrünste, Explosionen, Flucht und Geschrei. Irgendeinen wilden Wirrwarr an Bildern hat jeder bereit beim Gedanken an den Untergang der Welt. Andrerseits: Wenn über einem Gedicht Weltende steht, und selbst wenn es detaillierte Angaben und Prophezeiungen machte, glaubte irgendjemand daran, dass es wahr sein könnte? Dass man selbst betroffen wäre? Zwischen diesen beiden Polen bewegt sich das Gedicht von Jakob van Hoddis.

Rein äußerlichMetrum und so – kommt Weltende harmlos daher. Es geht regelmäßig ab und auf bei den Silben, also ein Jambus. Und fünf Hebungen pro Vers sind ein sehr traditionelles Muster. So sind z.B. lange Zeit Theaterstücke in fünfhebigen Jamben, allerdings reimlos, geschrieben worden, die so genannten Blankverse. Etwas ungewöhnlich ist die Reimanordnung. Die erste Strophe reimt umarmend (abba), die zweite kreuzweise (abab). Die Verse der ersten Strophe enden mit einer Hebung (männliche Kadenz), die der zweiten mit einem zweisilbigen Reim, bei dem die hintere Silbe gesenkt ist (weibliche Kadenz). Das mag etwas ungewöhnlich sein, ist aber noch kein Weltuntergang. Der Weltuntergang hingegen beginnt merkwürdig:

Ein starker Wind reißt „dem Bürger“ seinen Hut vom „spitzen Kopf“ und hallt durch die Welt. Spitzer Kopf? Ich habe nichts dazu gefunden, dass dies in irgendeiner Weise eine bestimmte Bedeutung hätte. Herabsetzend klingt es schon. Man kann mindestens sagen, dass der Bürgerkopf deformiert ist und in einem spitzen Kopf nicht allzuviel Platz fürs Hirn sein kann.

Merkwürdig geht es weiter: Dachdecker brechen wie Dachziegel entzwei nach dem Absturz. Anscheinend waren sie nur eine leere, starre Hülle.

Dieser Weltuntergang ist sicher nicht das, was sich ein Leser darunter eventuell vorgestellt hat. Das Gedicht wurde 1911 veröffentlicht. Heute sind Phantastereien in Spielfilmen, die real wirken, nichts Außergewöhnliches. Damals muss das Gedicht geradezu sensationell geklungen haben, oder abscheulich, wenn man eher dem konservativen Denken verbunden war. Gemeinsam ist den Lesern von heute und in der Vergangenheit, dass sie bei diesem phantastischen Geschehen, vermittelt durch die Stimme des Gedichtes, unmittelbar dabei sind. Doch ist es damit im vierten Vers zu Ende: „liest man“ entzieht jeder Unmittelbarkeit den Boden, und der Leser wird zurückgeworfen auf Berichte aus zweiter Hand, so wie er es aus Zeitungen kennt.

Jakob van Hoddis hat folglich den Leser gelockt (Weltende), verwirrt (Spitzköpfe/Dachdecker) und enttäuscht bzw. vorgeführt. Denn dieses „liest man“ erinnert den Leser daran, dass auch er dieses Gedicht nur liest und seiner Sensationsgier bei dem Titel Weltende frönt, so wie er es tagtäglich mit Zeitungen oder heutzutage mit dem Fernsehen tut. Was man in der Zeitung liest, im Fernsehen sieht, betrifft einen in den seltensten Fällen wirklich selbst. Tragödien hier, Katastrophen dort, haben meist keine Auswirkungen auf das eigene Leben. Die innere Anteilnahme ist gering und dauert nur so lange bis man umblättert oder umschaltet. Und van Hoddis nimmt dem Weltuntergang jede Ernsthaftigkeit, er ist wie alle anderen Nachrichten in den Medien, die keine Bedeutung fürs eigene Leben haben, Zeitvertreib und Unterhaltung.

Nachdem der Dichter dies auf spektakulär einfache Art aufgetischt hat, inszeniert er die zweite Strophe wie ein Kind. „Meere hupfen“, das reimt sich auf „Schnupfen“. „Dicke Dämme“ müssen leiden und die Bahnen stürzen in die Tiefe. RUMS! Was wie eine Kinderzerstörungsorgie klingt, ist auch ein wenig der Anschlag auf die Magie des Reimes. Reime haben durch ihren Wohlklang eine Art „So ist es“-Effekt. Begriffe, die keinerlei Beziehung zueinander haben, ergeben plötzlich zusammen einen Sinn. Doch bei „hupfen-Schnupfen“ ist beim besten Willen kein Zusammenhang erkennbar. Der dritte Vers will eher die Verse drumherum durch seine Zusammenhanglosigkeit vernichten: Hier die großen Katastrophen, dort der kleine Schnupfen. Auch dies spielt wieder auf die fehlende Relevanz von Katastrophenberichten an. Der eigene Schnupfen ist da viel wichtiger.

Weltende wurde als das erste Gedicht der expressionistischen Gedichtsammlung Menschheitsdämmerung (Hrsg. Kurt Pinthus) berühmt. Formal sind viele Expressionisten wesentlich weiter gegangen als Jakob van Hoddis, doch die grundsätzliche Methode, dem Leser immer wieder den Boden unter den Füßen weg zu ziehen, enthält auch dieses Gedicht. Kennzeichnend dafür ist der Reihungsstil, bei dem Verse jeweils abgeschlossene Sätze enthalten, aber kaum inhaltlichen Zusammenhang. Doch darüber hinaus ist das Gedicht zeitlos. Was die Zeitungen damals, ist das Fernsehen heute. An Sensationsgier und Schaulust hat sich nichts geändert. Und die sprachlichen Bilder erscheinen trotz der inzwischen bekannten Möglichkeiten der Tricktechnik im Film immer noch kurios und die Phantasie anregend. Viel mehr ist an Gedichten von Jakob van Hoddis kaum bekannt, aber dieses eine gehört verdientermaßen in die Reihe berühmter deutscher Gedichte.

Autor: Hans-Peter Kraus (Kontakt)
Nutzung der Textaussagen auf eigene Gefahr. Den Text zu kopieren und an anderem Orte online zu stellen, birgt Risiken und Nebenwirkungen. Besser ist es, ihn zu verlinken. Adresse: http://www.lyrikmond.de/gedicht-354.php

Anzeige

Interpretationen im Web:

Bei der Lyrik-Datenbank antikoerperchen gibt es zwei empfehlenswerte Interpretationen:

Für den Schulgebrauch eine gute Basis ist die Interpretation von Sophie Pietschmann. Noch etwas höher im Niveau mit mehr Hintergrund zum Expressionismus ist eine anonyme Arbeit.