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Hofmannsthal: Ballade des äußeren Lebens

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Interpretation: Ballade des äußeren Lebens

Der ursprüngliche Titel dieses Gedichtes war: „Terzinen von der Dauer des äußeren Lebens“ (Thomas Gräff, Lyrik von der Romantik bis zur Jahrhundertwende, Oldenbourg 2000, S. 190). Eine Ballade ist es kaum, der Titel meint es wohl eher so: Seht her, dies ist der Stoff, aus dem Balladen sind.

„Terzinen“ hätte auf das Bauschema des Gedichtes hingewiesen, denn Terzinen sind dreizeilige Strophen, bei denen vom Ende der Mittelzeile zur nächsten Strophe gereimt wird nach dem Schema aba bcb cdc usw. bis zu einer alleinstehenden Schlusszeile. Hugo von Hofmannsthal hat dieses Schema jedoch nicht von Anfang bis Ende verwirklicht. Die erste und die letzte Strophe weichen davon ab. Auch das traditionelle Metrum der Terzine, ein Jambus (xX) mit fünf Hebungen pro Vers und einer Senkung am Schluss (weibliche Kadenz), der so genannte Endecasillabo, erfährt Abweichungen zu Beginn und in der Schlussstrophe. Die beiden Strophen betteln also um etwas mehr Aufmerksamkeit.

Bei den ersten vier Strophen ist das „Und“ unübersehbar. Der Anfang mit „Und Kinder“ und der Schluss mit „...“ zeigen an, dass hier nur ein Ausschnitt aus einer noch längeren Kette gegeben wird. Die Themen der vier Strophen werden jedoch nicht durch das „Und“ verbunden, sie laufen nebenher, aneinander vorbei. Sie „gehen ihre Wege“, so wie die Menschen in der ersten Strophe, die das Sterben von Kindern vielleicht noch zur Kenntnis nehmen, aber unberührt davon sind. Über den Tod von Kindern in einem Gedicht zu schreiben ist einerseits besonders anrührend, andrerseits begibt sich der Dichter in die Gefahr von Kitsch und Pathos. Hugo von Hofmannsthal hat dies vermieden, indem er in der ersten Strophe auf den Reim verzichtete.

Die Strophen zwei bis vier haben etwas von der extensiven barocken Beschäftigung mit der Nutzlosigkeit und Vergänglichkeit des Lebens. Ähnliche Bilder könnte man sich auch in einem Sonett von Gryphius vorstellen wie z.B. in Strophe 2: Die Früchte mögen süß werden, fallen aber wie „tote Vögel“, ihr Verderben ist unausweichlich. Auch der immer wehende Wind war im Barock ein gern genutztes Sinnbild für Vergänglichkeit: Alles wird zu Staub und verweht. Dann folgen die im Barock beliebten antithetischen Konstruktionen: Hören und Sprechen, Lust und Müdigkeit.

Strophe vier hat gar einen apokalyptischen Nachgeschmack. Selbst die Formulierung „Und Straßen laufen durch das Gras“ ist nicht idyllisch gemeint, sondern erinnert daran, dass das Gras irgendwann wieder über die Straße wächst. Die Orte werden als chaotisch angeordnet beschrieben, sie sind nicht Hort der Zivilisation, sondern voll von „Fackeln, Bäumen, Teichen“, die für die Grundelemente Feuer, Holz und Wasser stehen. Am Schluss bleibt es der grausigen Phantasie des Lesers überlassen, was das „drohende, totenhaft verdorrte“ ist.

Und während der vielleicht noch seinen Gedanken nachhängt, wird er in Strophe fünf mit Fragen bombardiert, die den zweiten Teil des Gedichtes einläuten. In der sechsten Strophe nimmt das Gedicht eine weitere Wendung. Bereits in der dritten war von einem Wir die Rede beim Vernehmen und Reden vieler Worte. Hier wird das Wir eingeschränkt: Das lyrische Ich verbrüdert sich nur mit denen zu einem Wir, die „groß und ewig einsam sind / Und wandernd nimmer suchen irgend Ziele“. Aus den beiden Strophen ergibt sich, dass damit der Kreis jener gemeint ist, die viel mit Worten hantieren, zwar einsam, aber immer weiter gehend. Philosophen und Dichter wären denkbare Mitglieder dieser Gruppe.

Der Schlussteil beginnt mit der zusammenfassende Frage „Was frommt’s, dergleichen viel gesehen haben?“. Ein letztes „Und“ am Versanfang sorgt für eine neue Wendung, denn es heißt „Und dennoch“. Hier wird eine Aussage trotz all dem Geschilderten angekündigt. Nur was für eine! Wer Abend sagt, sagt viel?

Tatsächlich ist der Abend in der Lyrik ein besonderes Wort. Es gibt eine Gattung der Abendlieder (z.B. Matthias Claudius, Abendlied), deren Grundaufbau inhaltlich in etwa ist: Nach vollbrachtem Tagewerk und bevor man schlafen geht, ist Muße seinen Gedanken nachzuhängen, die meist zwischen Leben und Tod pendeln, wie auch der Abend eine Zwischenstation zwischen Tag und Nacht ist. Der Tod ist auch deshalb immer Thema, weil früher das Verwandtschaftsverhältnis zwischen Schlaf und Tod wesentlich enger gesehen wurde. In der Mythologie des alten Griechenlands waren der Tod (Thanatos) und der Schlaf (Hypnos) Brüder. So erklärt sich, dass aus dem Wort Abend „Tiefsinn und Trauer rinnt“. Doch was hat es mit dem Honigvergleich auf sich?

Zunächst mal rinnt der Honig aus hohlen Waben, nicht aus vollen, er läuft also nicht über. Die Bestimmung als hohl, leer erinnert einerseits an die Leere des Lebens, die in den ersten Strophen geschildert wurde. Das gilt auch für die Waben als eine sich ständig wiederholende Form. Andrerseits wären die Waben nicht hohl, könnte kein Honig darin gesammelt werden. Das ist eine Sichtweise, die Laotse in seinem Daodejing vor etwa 2500 Jahren proklamierte:

aus ton formt der töpfer den topf
wo er hohl ist
liegt der nutzen des topfs

...

so bringt seiendes gewinn
doch nichtseiendes nutzen

Übersetzung: Ernst Schwarz, Laudse Daudedsching, dtv 1994, S. 61

In diesem Sinne sind die „hohlen Waben“ als Bild für das „äußere Leben“ notwendig dafür, dass Honig gesammelt werden und fließen kann. Honig ist schon seit biblischen Zeiten, als dem Volk Israel das Land versprochen wurde, in dem Milch und Honig fließen, als Bild in Gebrauch. Honig ist süß, golden, ein ganz besonderes Nahrungsmittel aus der Natur. Dass er schwer ist, nimmt „Tiefsinn und Trauer“ aus der Vorzeile wieder auf.

Das Gedicht beklagt also letztlich nicht die Leere, die ständige Wiederholungen und Beliebigkeit des Lebens, sondern stellt darauf ab, dass dieses Leben von jenen, die „groß und ewig einsam sind“ genutzt werden kann, um etwas Besonderes hervorzubringen, wie z.B. dieses Gedicht selbst.

Autor: Hans-Peter Kraus (Kontakt)
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