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Nietzsche: Vereinsamt

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Interpretation: Vereinsamt

Selbst ungelesen ist sie nicht zu übersehen: die zerrissene äußere Form des Gedichts. Nietzsche mixt abwechselnd zwei mit vier Hebungen pro Vers. Dies bringt eine Art Stop-and-Go in Gedichtform mit sich, verstärkt noch dadurch, dass alle Verse mit einer Hebung enden (männliche Kadenz). Daran können auch die zahlreichen Zeilensprünge nichts ändern, weil die Hauptbetonung bei den zweihebigen Versen fast immer auf dem Schluss liegt. Das Versmaß ist durch eine Senkung zu Beginn mit regelmäßigem Wechsel von Hebung Senkung gekennzeichnet, also ein Jambus.

Das Gedicht beginnt mit einem tristen Bild: Schreiende Krähen – die Stadt – baldiger Schnee. Einzig Heimat ist ein „wärmender“ Begriff. In der zweiten Strophe wird ein „Du“ angesprochen, aber im Gesamtzusammenhang werde ich den Eindruck nicht los, dass das lyrische Ich sich selbst meint. Es scheint einen langen, sehnsuchtsvollen Blick zurück zur Stadt zu werfen, der es entflohen ist, und beschimpft sich dafür selbst als Narr.

Die dritte Strophe zeigt eher ein inneres Geschehen an. Die Welt als „Tor zu tausend Wüsten stumm und kalt“ deutet auf Irrwege gedanklicher Natur. Auch der große Verlust scheint kein materieller zu sein. Vielleicht die Liebe, vielleicht der Glaube? Wertet man dieses Gedicht persönlicher, dann beschriebe Nietzsche hier seine eigene Situation. Denn seine Philosophie negiert alles, woran die Menschen bis dahin glaubten. Gott und alle anderen menschlichen Errungenschaften sind tot und nichtig (siehe etwa Peter Möller bei Philolex).

Bleibe ich beim lyrischen Ich, so hat dieses nichts mehr zu erwarten, am wenigsten Mitleid mit sich selbst. „Dem Rauche gleich“ in der Kälte umherwandernd, wird es als „Wüsten-Vogel“ verspottet. So sehr dem „Narr“ auch das Herz blutet, nichts als eisige Kälte und Hohn ist der spöttische Lohn.

Die letzte Strophe, die fast gleich zur ersten ist, fasst noch mal zusammen, was dem lyrischen Ich droht: „Weh dem, der keine Heimat hat!“

Ich muss zugeben, zu wenig bewandert zu sein in Nietzsches Philosophie und Gedankenwelt, um wirklich fundierte Schlüsse aus diesem Text ziehen zu können. In jedem Fall ist es ein Gedicht über jemanden, der alle Brücken hinter sich abgebrochen hat und in einer kalten Landschaft, sei sie innen oder außen, vereinsamt. Er scheint so als ob Nietzsche hier mit sich selbst abrechnet, die Konsequenzen aus seiner mitleidlosen Philosophie für sich selbst aufmalt. Die ausufernde Selbstverspottung deutet jedoch darauf hin, dass er sie genießt.

Autor: Hans-Peter Kraus (Kontakt)
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Interpretationen im Web:

Die Interpretation von Thomas Anz kreist besonders um den Begriff Heimat und bietet als Überraschung, dass das Gedicht ursprünglich noch zwei weitere Strophen hatte.

Bei noberto42 unternimmt der Autor mehrere Anläufe, das Gedicht zu sezieren, ganz ohne auf die Person Nietzsche einzugehen.

Die Interpretation bei antikorperchen ist ebenfalls sehr ausführlich und mit all den Vokabeln versehen, die Lehrer so lieben. Die persönlichen Anmerkungen zu Anfang und Schluss darf man überlesen.