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Hebbel: Sommerbild

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Interpretation: Sommerbild

Sommerbild? Wenn ich mir einen Augenblick vorstelle, das Gedicht noch nie gelesen zu haben, dann könnte ich mir viele Bilder in einem Gedicht mit diesem Titel vorstellen, aber kein Bild vom Tod einer Rose. Ist das nicht eher ein Herbstmotiv?

Anscheinend nicht. Friedrich Hebbel bietet in diesem Gedicht eine interessante Perspektive auf den Sommer jenseits der konventionellen Erwartungen. Was genau diese Perspektive ist, das soll in der Interpretation geklärt werden. Doch wie immer zuerst das unvermeidliche Metrum:

Wenn in einem Vers der Dichter fünf mal aus der Hocke hoch hüpft, nennt man das einen fünfhebigen Jambus. Bleibt er am Schluss an der Decke kleben, heißt das männliche Kadenz. Die durchgehende Hebung am Schluss plus die Tatsache, dass jeder Vers ein Satz ist (Zeilenstil), tragen zu einem ruhigen Tempo mit merklichen Pausen am Versschluss bei. Es gibt jedoch eine Ausnahme von den hier angeführten Regeln, was immer gut ist – für den Dichter, sein Gedicht ist dann nicht so langweilig, und für den Interpreten, da hat er was zum Beißen.

Das Gedicht beginnt, wo auch sonst immer alles beginnt, beim „Ich“. Trotzdem ist dies ein seltener Anfang bei einem Naturgedicht. Mit diesem lyrischen Ich steht und fällt der Text, denn die ersten beiden Verse zeigen, dass dieses Ich zu Übertreibungen neigt. „Des Sommers letzte Rose“? Könnte nicht drei Straßen weiter noch eine stehen? Was dieses Ich wohl eher meint, ist, dass ihm diese Rose als die letzte erscheint. Der Gedanke „als ob sie bluten könne“ als Kennzeichnung für das Rot der Rose deutet ebenfalls auf eine etwa überschäumende Phantasie. Diese beiden Verse lassen darauf schließen, dass dieses Ich sich in einer besonderen Situation befand, als es Schönheit und Schmerz so nah beieinander dachte.

Explizit wird das lyrische Ich dann im vierten Vers, in dem es seinen Gedanken „schaudernd“ ausspricht. Das „weit“ kann dabei für das Alter stehen, woran man bei einer Rose aber nicht unbedingt denken würde. Eher könnte „weit“ im Sinne von „weit gekommen“, „es weit gebracht haben“ gemeint sein. Die Rose ist sozusagen am Höhepunkt ihres Seins angekommen, schöner kann sie nicht mehr werden, doch das ist gleichzeitig der Beginn ihres Absterbens. Dieser Gedanke wird in der zweiten Strophe abgebildet:

Der erste Vers betont den absoluten Stillstand der Welt an einem heißen Tag. Nichts regt sich, kein Vor und kein Zurück. Das kann man als die Beschreibung eines Höhepunkts lesen, der durch jede Änderung aufgehoben würde. Doch die Welt steht niemals still. Hier hebt ein „weißer Schmetterling“ als Kontrast zur roten Rose durch seine „leise“ Bewegung den Stillstand auf. Betont wird dies durch die Akzentverschiebung zu Beginn des dritten Verses. Dort wird die erste Silbe „Doch“ gehoben, die beiden folgenden gesenkt, bevor die nächste Hebung kommt, und dann geht es im jambischen Versmaß weiter. Ebenso klingen die beiden „ch“ von „Doch“ und „auch“ an „Hauch“ aus dem ersten Vers an. Auch rein lautlich wird hier ein Hauch erzeugt.

Der dritte Vers ist ausnahmsweise nicht ein vollständiger Satz, per Zeilensprung (Enjambement) geht es in Vers vier weiter. Dieser Zeilensprung ist bewundernswert konstruiert. Die Schlusshebung bei „Flügelschlag“ erzeugt durch die damit einhergehende Pause einen letzten Stillstand, bevor „bewegte“ diesen im doppelten Sinne auflöst.

Zum Schluss greift das lyrische Ich wieder auf seine Phantasie zurück, indem es der Rose Empfindung zuschreibt und ein Anzeichen für ihr „Vergehen“ entdeckt. Vielleicht fällt ein Blütenblatt, doch dies wäre in dieser fokussierten Welt ein Ereignis gewesen, das hätte beschrieben werden müssen. Eher denke ich an ein leichtes Entfärben durch die gedankliche Verbindung vom Rot der Rose zum Weiß des Schmetterlings, mehr ein Gefühl als beobachtete Realität.

Was das lyrische Ich in diesen zwei Strophen beschreibt, erscheint weniger als realistische Darstellung, mehr als ein Spiegelbild seines eigenen Innenlebens. Die Rose ist sowieso ein zwiespältiges Symbol zwischen Liebe und Tod; Schönheit (Blüte) und Schmerz (Dornen) sind damit verbunden (siehe auch den Rosen-Artikel bei moers.de). Dies wird von dem „Ich“, das am Anfang von allem steht, noch wesentlich überhöht durch den Gedanken an Blut, den todbringenden Schmetterling. „So weit im Leben, ist zu nah am Tod!“ Das scheint die Situation zu sein, auf die das lyrische Ich zurückblickt. Vielleicht war es eine große Liebe, vielleicht ein Gefühl, auf dem Höhepunkt seines Schaffens zu stehen, „es geschafft zu haben“. Doch in diesem Hochgefühl war schon seine Vergänglichkeit eingebaut, was im Rückblick durch das Bild eines weißen Schmetterlings, der um eine Rose strich, zum Ausdruck gebracht wird.

Bleibt die Frage: Was ist die besondere Perspektive auf den Sommer? Der Sommer beginnt in Europa bekanntlich mit dem längsten Tag des Jahres, also mit dem Höhepunkt. Danach kommt zwar noch all das, was man mit dem Sommer verbindet, die Natur blüht, die Sonne scheint, aber: Die Tage werden kürzer. Der Höhepunkt des längsten Tages ist, und darüber sollte man sich nicht täuschen lassen, wenn man den Sommer genießt, der Anfang vom Ende. Das Gedicht ist also wirklich ein Abbild des Sommers.

Autor: Hans-Peter Kraus (Kontakt)
Nutzung der Textaussagen auf eigene Gefahr. Den Text zu kopieren und an anderem Orte online zu stellen, birgt Risiken und Nebenwirkungen. Besser ist es, ihn zu verlinken. Adresse: http://www.lyrikmond.de/gedicht-347.php

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Interpretationen im Web:

Bei norberto42 findet man eine sehr ausführliche Sezierung der ersten Strophe plus einen Link zur Analyse des gesamten Gedichts.