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Mörike: Septembermorgen

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Interpretation: Septembermorgen

Geständnis: Fast hätte ich dieses Gedicht nicht in meine Sammlung aufgenommen. Die Reimhäufung, die den Schlussreim so lange hinauszögert, um dann einen unreinen Reim zu liefern, nee, das mocht’ ich nicht. Aber Septembergedichte sind rar, also kam es doch in die Sammlung, und nun will ich mal schauen, warum dieses Gedicht so beliebt ist.

Etwas unauffälliger als die unregelmäßige Reimstruktur ist eine zweite Formalität: Der zweite und letzte Vers haben jeweils eine Hebung weniger, wobei es durchaus ein übliches Verfahren ist, Verse mit weiblicher Kadenz (Versende mit Senkungssilbe) mit einer Hebung weniger als die mit männlicher Kadenz (Versende mit Hebungssilbe) auszustatten. Das wirkt manchmal ausgleichend auf die Zeilen. So ist der Unterschied bei Vers eins und zwei auch kaum zu bemerken, der Schlussvers wirkt jedoch deutlich kürzer als der vorletzte. Und damit wären wir schon bei der Würdigung der dichterischen Technik angekommen, denn diese unterschiedliche Wirkung ist beabsichtigt.

Die ersten beiden Verse setzen das Szenenbild. Da „Wald und Wiesen“ recht unbestimmt sind, würde man beim Film sagen: eine Totale. Die beiden Verse sind ganz auf Harmonie ausgerichtet. Hebungssilben beginnen mit den gleichen weichen Konsonanten (Alliteration): Nebel-noch, Wald-Wiesen. Die stärksten Betonungen gleichen sich aus: Im ersten Vers liegt sie am ehesten bei „noch“, also in der zweiten Hälfte des Verses; im zweiten Vers gleich zu Beginn bei „träumen“. Die Personifizierung tut ein Übriges, um dem Leser eine geradezu märchenhafte Landschaft zu präsentieren.

Der Doppelpunkt macht mir ein wenig Kopfzerbrechen. Am ehesten würde er Sinn ergeben, wenn nun der Traum folgte. Das gäbe dem Gedicht eine verzauberte Note, denn es sprächen Wald und Wiesen im Traum zu sich selbst. Nur habe ich bisher niemanden gefunden, der auch zu dieser Deutung kam. Sicherer wäre es daher zu sagen, dass der Doppelpunkt nur die direkte Ansprache des Lesers ankündigt, nachdem die Szenerie festgelegt wurde.

Der dritte Vers beginnt eine Prophezeiung, die an eine Bedingung geknüpft ist. Der Einsatz von „Bald siehst du“ ist sehr kräftig. Eigentlich ist „siehst“ nach dem Metrum die Hebungssilbe, doch genauso könnte man die beiden anderen Worte betonen. Dadurch fällt die Bedingung etwas zurück. Eigentlich ruht die Welt „noch“ im Nebel, doch mit dem sich über vier Zeilen erstreckenden Satzbau, der durch den immer gleichen Reim eine riesige Spannung aufbaut, die sich im letzten Vers durch die Schließung des umarmenden Reims entlädt, verdrängt das Schlussbild die Gegenwart.

Der letzte Vers selbst scheint etwas zu fließen. Sehr schön finde ich, dass die Verlängerung von Gold zu Golde, die den Anschein erweckt, metrisch bedingt zu sein, genau ins Konzept passt, den Vers weich klingen zu lassen. Ebenso, dass der um eine Hebung verkürzte Schlussvers den Eindruck einer Spannungsentladung unterstützt. Auch das gewählte Reimschema trägt zur Wirkung des Gedichtes bei. Die drei mit einer Hebung endenden Verse (männliche Kadenz) stauen den Sprachfluss immer wieder, erhöhen also die Spannung. Die weibliche Kadenz am Schluss lässt das Gedicht ausfließen, als ob noch ein „...“ dahinter stünde und lädt zum weiteren Ausmalen des Bildes ein. Die Prophezeiung (oder der Traum) wird im Kopf des Lesers schon Realität. Und dies ist wohl der Reiz dieses Gedichtes. Mörike sagt das Eichendorffsche Zauberwort und zum Vorschein kommt, was nur als Möglichkeit in den Dingen steckte.

Doch was hat es mit dem unreinen Reim Wiesen-fließen auf sich? Eine simple Erklärung wäre, dass der Schwabe Eduard Mörike diesen Reim als völlig natürlich empfand. „Im Schwäbischen sind Wiesen = Wiesa und Fließen = fliesa, das passt 100%-tig,“ schrieb mir dazu der Schwäbisch-Experte Peter Michael Mangold. Beides wird gleichermaßen mit scharfem s gesprochen. Allerdings muss man nicht auf einen schwäbischen Unfall zurückgreifen, um den Reim zu erklären. Durch die drei Zeilen dazwischen fällt die Unreinheit kaum auf, und: Im Prinzip wirkt der Wechsel vom weichen zum scharfen s wie eine Steigerung. Das wiederum passt sehr gut zum Inhalt des Gedichtes, bei dem die ersten beiden Verse sehr ruhig sind, während ab Vers drei Dynamik in die Szenerie kommt.

Nun gut, nach dem zweiten bis siebten Lesen gestehe ich: Mörike, dieser alte Hexenmeister, hat ein zauberhaftes Gedicht geschrieben. Aber: Musste er es wie einen schwäbischen Zungenunfall aussehen lassen?

Autor: Hans-Peter Kraus (Kontakt)
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Interpretationen im Web:

Einen an inquisitorischer Gründlichkeit kaum zu überbietende Analyse von Septembermorgen ist als PDF beim Max-Planck-Gymnasium in Trier zu finden. Für Faule gibt’s am Schluss einige Tabellen mit dem Wichtigsten.