Unterm Lyrikmond

Gedichte lesen und hören, schreiben und interpretieren

Mörike: Er ist’s

Dieses Gedicht im TextformatGedicht per E-Mail versenden

 

Erstmal selbst probieren und dann vergleichen? 10 Tipps für bessere Gedichtinterpretationen.

Interpretation: Er ist’s

Da an der Aussage des Gedichtes keine großen Zweifel bestehen, konzentriere ich mich darauf zu zeigen, wie Mörike durch die Bauweise den Frühling in sein Gedicht bekommt.

Zunächst mal fängt er bei jeder Zeile oben an: Das Metrum ist ein Trochäus, streng wechseln Hebung und Senkung beginnend mit einer Hebung. Dabei ist Hebung nicht gleich Hebung. Liest man ein Gedicht laut, ergeben sich in jedem Vers einzelne Hebungen, die besonders betont werden, während andere nur mitschwimmen im Fluss des Gedichtes. In den ersten beiden Versen würde ich z.B. „Frühling“ und „blaues“ sowie „flattern“ und „Lüfte“ besonders betonen. Da die meisten Verse hier eine besondere Betonung auf der ersten Hebung haben, setzt das Gedicht nach der kurzen Pause am Versende immer wieder mit Schwung ein. Das ist vor allem am Schluss besonders ausgeprägt.

Auch die Zahl der Hebungen pro Vers wird variiert. In den ersten vier Versen sind es vier, dann geht Mörike herunter auf drei, um im „Horch“-Vers hochzuschnellen auf fünf, bevor die Abschlussverse mit drei Hebungen auskommen. Man weiß also nie, was als nächstes kommt – so wie im Frühling eben.

Nicht nur die Variation bei den Hebungen teilt das Gedichte in drei Abschnitte. Die ersten vier Verse bilden sprachlich und durch den umarmenden Reim Abschnitt eins. Der gleiche Konsonant B am Wortanfang in Vers eins, die ü-Laute an Anfang und Schluss der Verse und die über die Versenden fortgesetzten Satzbauten (Zeilensprung, Enjambement) sorgen für eine aufgeräumte Frühlingsstimmung. Erst der vierte Vers bremst ein wenig: a-Laute rahmen u und o ein. Die Hebung am Schluss des Verses, der gleichzeitig Satzende ist, führt zu einer Lesepause.

Die nächsten beiden Verse bilden Abschnitt zwei. Hier dominieren o-Laute. Die Verkürzung der Hebungszahl auf drei führt nicht unbedingt zu einem schnelleren Tempo. Denn Vers fünf enthält eigentlich einen abgeschlossenen Satz, der mit einer lang gesprochenen Hebungssilbe endet. Nochmal wird der Lesefluss gestaut, doch Vers sechs mit seinen kurzen Lauten ist eine erste Eruption.

Im letzten Abschnitt geht das Gedicht endgültig in den Zeilenstil über: Jede Zeile enthält einen abgeschlossenen Satz. Noch mal staut Mörike den Lesefluss durch „– Horch“ und den im Vergleich überlangen Vers. Doch dann explodiert förmlich der Text im Stakkato von ü- und i-Lauten mit der besonderen Überraschung, dass noch ein reimloser Vers (Waise) eingefügt wird, der den Titel wieder aufnimmt bzw. sich darauf reimt.

Mörike hat nicht nur über den Frühling geschrieben, er hat ihn auch durch die Bauweise des Gedichtes nachgeahmt, indem er flotte und ruhige Passagen, spannungserhöhende Stauungen und letztlich explosive Kurzverse miteinander mischte. Der reinste April sozusagen.

Autor: Hans-Peter Kraus (Kontakt)
Nutzung der Textaussagen auf eigene Gefahr. Den Text zu kopieren und an anderem Orte online zu stellen, birgt Risiken und Nebenwirkungen. Besser ist es, ihn zu verlinken. Adresse: http://www.lyrikmond.de/gedicht-342.php

Anzeige

Interpretationen im Web:

Beim Max-Planck-Gymnasium in Trier hat jemand das Gedicht in einer Ausführlichkeit untersucht, die nun gar keine Wünsche mehr offen lässt.