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Gryphius: Es ist alles eitel

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Interpretation: Es ist alles eitel

Unverkennbar handelt es sich hier um eine modernisierte Fassung. Wer mit der Originalfassung vergleichen möchte, kann das bei Wikisource tun.

Der Titel bezieht sich auf eine Textstelle aus Salomos Prediger-Buch des alten Testaments, wo es in der modernisierten Luther-Übersetzung heißt: „Es ist alles ganz eitel, sprach der Prediger, es ist alles ganz eitel. Was hat der Mensch für Gewinn von aller seiner Mühe, die er hat unter der Sonne?“ (Kapitel 1, Vers 2) Diese Eitelkeit in der weiten Bedeutung als nichtig, vergeblich, vergänglich war besonders im Barock und später auch bei betont christlichen Dichtern ein viel bedichtetes Thema.

Interpretationshinweise zur Form des Gedichtes: Das Gedicht ist ein Sonett mit der kennzeichnenden Strophenfolge erst zwei Vierzeiler, dann zwei Dreizeiler, die im Original allerdings nicht durch Absatzabstände gekennzeichnet ist. Auch die Reimstruktur ist durch die Sonettform vorgegeben: Bei den Vierzeiler schließt ein umarmender Reim einen Paarreim ein, in beiden Vierzeilern wird auf die gleichen Endungen gereimt. Die beiden Dreizeiler verwenden den Schweifreim aabccb, wobei diese Reimstruktur nicht zwingend durch die Sonettform vorgeschrieben ist. Die umarmenden und der Schweifreim enden mit einer Senkung, sind also weiblich, oder man sagt auch klingend. Die Paarreime enden betont, also männlich oder stumpf.

Das Metrum ist jambisch: Beginnend mit einer unbetonten Silbe wechseln Hebungen und Senkungen regelmäßig (xX), z.B. der Anfang der ersten Zeile „Du siehst, wohin du siehst ...“: xXxXxX. Da Gryphius in jeder Zeile sechs Hebungen platziert und die meisten Zeilen einen deutlichen inhaltlichen Schnitt nach der dritten Hebung haben, spricht man hier von einem Alexandriner als Bauform der einzelnen Verse.

Es gibt eine Abweichung vom metrischen Schema: Der letzte Vers des ersten Dreizeilers beginnt „Ach! Was ist alles dies ...“, was metrisch so zu interpretieren ist: XxxXx. Das heißt bei den ersten beiden Silben wurde die Betonung umgedreht, statt xX ist es nun Xx. Das nennt man Akzentverschiebung oder versetzte Betonung und ist oft ein Hinweis, dass hier etwas Besonderes vorgeht.

Interpretationshinweise zum Zusammenspiel von Form und Inhalt: Die Bauform des Alexandriners mit dem Einschnitt (Zäsur) in der Versmitte begünstigt das Spiel mit den Gegensätzen in den Versen, wie in Zeile zwei, drei, fünf, sechs und acht demonstriert. Obwohl sechs Hebungen in einer Zeile für heutige Leser schon Langzeilen sind, entwickelt das Gedicht sehr viel Tempo, weil die genannten Verse in zwei dreihebige Abschnitte zerfallen. Sie selbst haben einen flüchtigen Charakter!

Die Reimendungen der ersten zehn Verse -erden, -ein und -ehn enden alle auf n, einem weichen Konsonanten. Vorherrschender Vokal ist das neutrale e, etwas Abwechslung erzeugt -ein, da es als a-Laut -ain gesprochen wird.

Damit wird der Bruch in Zeile elf formal sowohl durch den Beginn (die Akzentverschiebung) als auch durch den Reim herausgestellt, denn jetzt reimt Gryphius auf -achten und -ind mit harten Konsonanten (ch, t bzw. d, das t gesprochen wird) und zum ersten Mal mit dem Vokal i.

Der formale Bruch in Zeile elf besteht auch darin, dass Gryphius den Satz über das Strophenende fortführt: ein Zeilensprung (Enjambement) bzw. in diesem Fall ein Strophensprung. Die dritte Strophe wird inhaltlich nicht abgeschlossen, sondern mit der vierten verbunden. Warum macht er das?

Verwirft man die These, dass es eben inhaltlich nicht besser gepasst hat, dann schafft sich Gryphius einen längeren Anlauf zum Schlussvers, der dadurch mehr Gewicht bekommt als wenn nur in der letzten Strophe mit zwei Versen auf den Schluss hingearbeitet worden wäre.

Inhaltliche Interpretationshinweise: Die erste Strophe ist noch recht betulich. Der Leser wird gleich zu Anfang einbezogen und ihm ein Bild von Aufbau und Zerstörung vorgestellt, aber ohne sehr konkret zu werden. Nirgends ist die Rede vom Krieg, Gewalt wird nur zart angedeutet, obwohl doch ganze Städte verschwinden. Im Gegenteil ist das Schlussbild der ersten Strophe sehr idyllisch.

In der zweiten Strophe zieht das sprachliche Tempo deutlich an. In den ersten beiden Versen wiederholt sich der Anfang (Anapher). Jeder Vers wird inhaltlich mindestens in zwei Teile zerschnitten. Die Sprache wird deutlicher und gewalttätiger (zertreten, Asch’ und Bein – kurz für Gebein). Am Schluss wird der Leser wieder einbezogen (uns).

Die dritte Strophe nimmt das Tempo wieder heraus und leitet mit einer rhetorischen Frage den Schluss ein, der wie bereits geschildert mit dem letzten Vers der dritten Strophe beginnt. Wieder setzt Gryphius das Stilmittel der Wiederholung am Anfang ein. Die Verse haben deutliche Zäsuren, Vers zwölf wird durch die Aufzählung beschleunigt. Nochmal wird in Vergleichen die Eitelkeit im Sinne der Nichtigkeit menschlicher Existenz beschworen, um dann in der Schlusszeile mit dem Vorwurf zu enden, dass das, was ewig ist, kein Menschen betrachten möchte. Dieser Vorwurf wird jedoch nicht direkt an den Leser adressiert, sondern zur Begutachtung in den Raum gestellt. Was ist nun ewig? Das Irdische ist es nicht, also muss es das Jenseitige oder Göttliche sein.

Das Gedicht ist eher eine Klage der Art „Denkt da noch mal drüber nach“ als dass es eine Anklage ist. Das zeigt sich dadurch, dass der Leser zwar einbezogen, aber am Schluss nicht angegriffen wird. Auch ist die sprachliche Gestaltung sehr zurückhaltend. Die meisten Verse enden weich und klingend. Das Tempo ist wellenförmig, mal schneller, mal langsamer. Doch gerade diese Tempowechsel machen das Gedicht auch für den heutigen Leser noch genießbar, weil dadurch die eigentliche Langatmigkeit der Verse mit sechs Hebungen aufgehoben wird. Wenn man den Text in eine aktuelle Bildersprache übersetzen würde, könnte er sogar Schüler interessieren, die seine Interpretation als unangenehme Pflichtaufgabe sehen. Vielleicht sollte man als erste Aufgabe zum Text stellen, eine Strophe daraus zu parodieren: Du siehst, wohin du siehst, nur Dümmlichkeit im Fernsehn ... Das schärfte auch das Auge für die formalen Eigenschaften des Textes.

Autor: Hans-Peter Kraus (Kontakt)
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Interpretationen im Web:

Wikipedia hat eine kurze Interpretation, die einen zusätzlichen Bibelhinweis zur vorletzten Zeile enthält.

Abipur konzentriert sich eher auf die inhaltliche Analyse als aufs Formale.