Unterm Lyrikmond

Gedichte lesen und hören, schreiben und interpretieren

Rückert: Oft denk’ ich, sie sind nur ausgegangen ...

Dieses Gedicht im TextformatGedicht per E-Mail versenden

 

Erstmal selbst probieren und dann vergleichen? 10 Tipps für bessere Gedichtinterpretationen.

Interpretation: Oft denk’ ich, sie sind nur ausgegangen ...

Dieses Gedicht ist ein Wunder, sowohl von seiner Vorgeschichte als auch von der Machart. Die Vorgeschichte: Um die Jahreswende 1833/34 verlieren die Rückerts ihre zwei jüngsten Kinder durch Scharlach. Die vier älteren überleben, trotzdem sitzt der Schock tief. Und Rückert verarbeitet den Verlust in einem über 400 Gedichte umfassende Zyklus: die Kindertodtenlieder. Eines davon ist „Oft denk’ ich, sie sind nur ausgegangen ...“. Ich will mir gar nicht vorstellen, wie das sein muss, in welcher geistigen Verfassung man ist, wenn man über 400 Gedichte im Gedenken an die eigenen toten Kinder schreibt.

Das zweite Wunder ist die Kargheit der Sprache, die mit geringfügigen Variationen in der Wiederholungsschleife auskommt und trotzdem nicht aufgesetzt oder stupide klingt. Das erinnert ein bisschen an Ravels Bolero. Rückert nutzt dabei Freiheiten im Metrum, das im Prinzip auf dem jambischen Wechsel von Senkungen und Hebungen beruht, aber immer wieder durch zweisilbige Senkungen durchbrochen wird. Die wenigsten Abweichungen finden sich in der bekräftigenden zweiten Strophe, die nur eine inhaltlich Erweiterung hat, nämlich „zu jenen Höhn“. Diese Erweiterung wird letztlich erst in der dritten Strophe richtig verständlich, wo das Reimschema gegangen-gelangen der ersten beiden Verse der vorigen Strophen endlich variiert wird durch „nach Haus verlangen“. Dies allein reicht, um deutlich zu machen, wo die „Höhn“ sind. Dass dieses Bild vom Jenseits, wohin die Verstorbenen vorausgegangen sind, wirklich ein Trost ist, wird durch den Zäsurreim „Wir holen sie ein“ „Im Sonnenschein“ betont.

Die Ballung der immer gleichen Reime ist ein Verfahren, das Rückert aus der arabischen Dichtkunst kannte. Das Ghasel reimt z.B. aawawawa usw., kommt also mit einem einzigen Reim aus, der nur von Waisen, wie man reimlose Verse nennt, unterbrochen wird. Hier hat Rückert jedoch seinen eigenen erstaunlichen Weg gefunden, Reimwiederholungen zur Unterstützung des Inhalts einzusetzen, denn wie die Reime immer wieder in gleicher Weise auftauchen, so kreisen auch die gleichen Gedanken immer wieder um die betrauerten Kinder.

Autor: Hans-Peter Kraus (Kontakt)
Nutzung der Textaussagen auf eigene Gefahr. Den Text zu kopieren und an anderem Orte online zu stellen, birgt Risiken und Nebenwirkungen. Besser ist es, ihn zu verlinken. Adresse: http://www.lyrikmond.de/gedicht-324.php

Anzeige