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Meyer: Lethe

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Interpretation: Lethe

Der Titel Lethe bezieht sich auf einen Fluss der Unterwelt (Hades) in der griechischen Mythologie, die den Toten vorbehalten war. Von seinem Wasser musste jeder trinken, um sein früheres Leben zu vergessen. Damit ist vorgegeben, dass es in diesem Gedicht um Leben und Tod geht, aber: Nicht die christliche Mythologie von Himmel und Hölle, sondern die griechische wird herangezogen.

Die Verse beginnen jeweils mit einer gehobenen Silbe mit anschließendem regelmäßigen Wechsel von Senkungen und Hebungen, also ein Trochäus als Versmaß. Jeder Vers hat fünf Hebungen, am Schluss wechseln Hebungen und Senkungen ab, wodurch sich ein Kreuzreim ergibt. Die Besonderheit des Trochäus ist, dass er dem Standard der Wortbetonung entspricht. Die meisten zweisilbigen Wörter im Deutschen werden auf der ersten Silbe betont. Aufgrund dessen bedarf es beim Trochäus besonderer Sorgfalt beim Bau der Verse, sonst werden sie leiernd oder klappernd.

Die erste Strophe ist inhaltlich dem Traumcharakter entsprechend sehr unbestimmt. Nicht mal ob es Morgen oder Abend ist, wird festgelegt. Auch eine große Entfernung vom Standpunkt des lyrischen Ichs als Betrachter der Szene scheint möglich, da nichts über die Besatzung des Nachens gesagt wird. In der zweiten Strophe wird das Bild detaillierter, der Betrachter ist näher dran. In dem Nachen sitzen junge Menschen. Diese Gruppe ist jedoch abgetrennt vom lyrischen Ich. Dies wird durch die Bauweise der Verse unterstützt. Vers eins und vier rahmen durch ihre ähnliche Struktur die beiden Innenverse ein. Die Wortumstellung (Inversion) "Saßen Knaben drin ..." und "Eine Schale, draus ..." betonen beide besonders die zweite Hebung im Gegensatz zu den Innenversen, wo gleich die erste Hebung betont wird. Der Gleichklang von „drin“ und „draus“ tut ein Übriges.

In Strophe drei erkennt das lyrische Ich jemanden im Boot. Die Beschreibung „deines Nackens Demut“ lässt auf eine Frau schließen, denn nur bei Frauen mit hochgesteckten Haaren ist der Nacken ein besonderer Anblick. Da etwas bloß liegt, was sonst den Blicken verdeckt ist, hat dieser auch eine erotische Komponente. „Demut“ deutet ebenfalls auf eine Frau, da eine demütig gebeugte Kopfhaltung eher frauentypisch im 19.Jahrhundert gewesen sein dürfte.

Wie bereits in der Strophe zuvor, benutzt Conrad Ferdinand Meyer auch den Versbau, um das Besondere der dritten Strophe hervorzuheben. Zum ersten Mal beginnt in Vers eins und drei ein mehrsilbiges Wort (erscholl, erkannte) mitten im Versfuß, der jeweils aus einer Hebung und einer Senkung besteht. Er benutzt Wörter, die ihre Betonung erst auf der zweiten Silbe haben. Dies ist nötig, um die Monotonie des Trochäus aufzubrechen, wie oben bereits erwähnt, aber Meyer hat sich dies bis hierhin aufgehoben, als eine Verbindung zwischen der Gruppe und dem lyrischen Ich deutlich wird.

Obwohl das lyrische Ich in Strophe vier den direkten Kontakt mit der Gruppe im Boot aufnimmt, bleibt die Strophe Ich-bezogen. In jedem Vers werden die Verben nur mit „ich“ oder „mich“ verbunden. Das Ich ist aktiv, die Gruppe bleibt passiv. Der Unterschied zwischen dem Lebenden und den Toten wird angedeutet.

Der gleiche Anfang der ersten beiden Verse (Anapher) von Strophe fünf wirkt wie ein Countdown. Die Anrede „Herz“ hat die stärkste Betonung der ganzen Strophe. Nun ist klar, dass es hier um eine Liebesbeziehung geht. Doch der Sinn des Zutrinkens ist nicht recht eindeutig. Es entsteht der Eindruck als würde die Frau den Mann gerne vergessen. Das hieße jedoch, dass die Anrede „Herz“ eher sarkastisch gemeint wäre und auch das „traute Augenwinken“ gar nicht so traut gemeint ist. Kai Köhler erklärt bei seiner Interpretation von Lethe in Deutsche Lyrik in 30 Beispielen (Hrsg. Andrea Geier/Jochen Strobel) den Vers so:

„Möglich ist die Erklärung, die Geliebte entbinde das Ich von jeder Pflicht zur Treue und wolle es in ein neues, eigenständiges Leben entlassen – die frühere Fassung des Satzes von 1873/74: „Ich kredenze dir Vergessenheit“ akzentuiert das Vergessen in diesem Sinne als Geschenk an das Ich.“ (S. 152f)

Die letzten beiden Strophen bieten nun richtig Action. Die Zeilensprünge (Enjambements) in Strophe sechs unterstützen das hohe Tempo. Der „Schein von Blut“ ist ein letzter Hinweis, dass die Geliebte nicht mehr unter den Lebenden weilt, so dass die Schlusspointe nicht ganz überraschend kommt, wie überhaupt vom Titel über die Schilderung der Szene alles darauf hindeutet, dass hier jemand von einen Toten träumt. Unklar war nur noch, ob die Frau nur im Traum tot ist oder auch im richtigen Leben. Durch die erstmalige Verwendung des Präsens erscheint letztere Deutung aber klar.

Bleibt noch die beliebte Interpretationsfrage: Was wollte der Autor uns damit sagen? Der Versuch, eine Tote ins Leben zurückzuholen, ist offensichtlich gescheitert. Während die Toten vergessen, kann die Erinnerung der Lebenden sie nicht festhalten. Doch noch etwas viel Wichtigeres ist Thema dieses Gedichtes. Im 19. Jahrhundert herrschte der Glaube, dass man all seine Lieben im Jenseits wiedersehen würde. Dieses Gedicht konterkariert diese Hoffnung. Wenn die Toten vergessen, kann es kein Wiedersehen, kein Wiedererkennen geben: Die Liebe ist nicht stärker als der Tod. Diese niederschmetternde Erkenntnis hat Conrad Ferdinand Meyer jedoch in eine schön bebilderte Verpackung gesteckt und weist damit darauf hin, dass jede Vorstellung vom Tod nur eine schöne Verpackung für das unausweichliche absolute Ende ist.

Autor: Hans-Peter Kraus (Kontakt)
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