Unterm Lyrikmond

Gedichte lesen und hören, schreiben und interpretieren

Eichendorff: Sehnsucht

Dieses Gedicht im TextformatGedicht per E-Mail versenden

 

Erstmal selbst probieren und dann vergleichen? 10 Tipps für bessere Gedichtinterpretationen.

Interpretation: Sehnsucht

Dieses Gedicht wurde ursprünglich im Roman Dichter und ihre Gesellen veröffentlicht. Dort trägt es eine Frau gesungen vor. Unter dem Titel Sehnsucht ist es dann auch als Einzelstück in die gesammelten Werke Eichendorffs aufgenommen worden. Die Integration von Gedichten in Romanen gehörte bei Romantikern wie Eichendorff zum Programm, wie auch das Gedicht ein typisches Romantikerprodukt ist: Die Nacht und Reisen sind häufig Themen in romantischen Gedichten.

Auch die formale Gestaltung trägt romantische Züge. Eichendorff füllt zwischen den drei Hebungen eines Verses die Silben ziemlich freihändig auf, mal eine, mal zwei Senkungen, selbst an den Versanfängen. Dazu kommt ein Kreuzreim; einzig die Achtzeilenstrophen weichen vom typischen Schema ab, üblicher waren Vierzeiler.

Der scheinbar etwas unbekümmerte Umgang mit dem Metrum wird auf die Begeisterung der Romantiker für Volkslieder zurückgeführt, wo das metrische Schema ebenfalls nicht starr eingehalten wurde. Trotzdem sollte man sich davon nicht täuschen lassen. Gerade ein auf den ersten Blick unorthodoxes Metrum erfordert präzises Arbeiten, damit das Gedicht nicht holpert und stolpert.

Die Ausgangssituation wird in der ersten Strophe so skizziert: Jemand steht in einer stillen, klaren Sommernacht am Fenster. Ein tönendes Posthorn, das normalerweise ein Warn- oder Ankündigungssignal war, löst den Wunsch nach dem Mitreisen aus. Die Gestaltung der Verse ist treibend. Die durchgängig doppelten Senkungen nach der ersten Hebung beschleunigen das Tempo. Die Verse fallen zunächst von der Betonung her ab, dann wandert die Hauptbetonung in die Mitte und schließlich im letzten Vers zum Schluss der Zeile. Damit wird die Bewegung von der Ruhe zur gedanklichen Aktion unterstützt. Und doch bleibt der Wunsch nach Aktion „heimlich“, der Seufzer „Ach“ zieht ausnahmsweise eine Hebung an den Anfang des Verses (Akzentverschiebung) und es bleibt beim Konjunktiv „könnte“, Sehnsucht halt.

Die Figur scheint mir weiblich zu sein: Sie agiert in der Sphäre des Häuslichen, steht passiv „am Fenster“, schaut nicht aktiv hinaus und sagt selbst in Gedanken „Ach, wer da mitreisen könnte“ statt „Ach, wenn ich mitreisen könnte“. Alles zusammengenommen sehe ich eine Frau am Fenster, was wichtig ist in Bezug auf den Schluss.

In der zweiten Strophe werden zwei junge Wanderer eingeführt, deren Gesang in der Stille zu hören ist. Im Prinzip wird das Gedicht nun zweigeteilt: Ab dem fünften Vers der zweiten Strophe schildert das lyrische Ich nur noch, was die beiden „Gesellen“ singen. Dabei dominiert zunächst das Gefährliche, doch diese Gefahr wird eher bejaht, wie das Untermischen von positiven Bildern – „Wälder rauschen“, „Waldesnacht“ – zeigt.

Die dritte Strophe wendet sich der Ästhetik des Fremden zu: Selbst verwildernde Gärten haben ihren Reiz. Das Schlussbild der lauschenden Mädchen erinnert durch die Wiederholung des letzten Verses aus der ersten Strophe an das lyrische Ich, das gleichfalls am Fenster lauscht und, wie oben begründet, wahrscheinlich eine Frau ist. Durch diesen sich schließenden Kreis bringt Eichendorff zum Ausdruck, dass die Sehnsucht nach Veränderung oder Neuanfang letztlich unerfüllbar ist, wenn selbst am Ziel, wo doch alles schöner ist, wieder am Fenster gelauscht wird, um von etwas Anderem zu hören als von dem, was man kennt.

Es soll ein polnisches Sprichwort geben, das lautet: Überall ist es besser, wo wir nicht sind. Diese Idee scheint mir Eichendorff mit der leicht ironischen Wendung am Schluss umgesetzt zu haben, womit er als Spätromantiker die romantischen Wünsche nach neuen Ufern, nach Entgrenzung konterkariert oder besser gesagt: unterwandert.

Autor: Hans-Peter Kraus (Kontakt)
Nutzung der Textaussagen auf eigene Gefahr. Den Text zu kopieren und an anderem Orte online zu stellen, birgt Risiken und Nebenwirkungen. Besser ist es, ihn zu verlinken. Adresse: http://www.lyrikmond.de/gedicht-246.php

Anzeige

Interpretationen im Web:

Bei der Zentrale für Unterrichtsmedien im Internet liefert Klaus Dautel eine gute Interpretation. Auch er kommt zum Schluss, dass die Sehnsucht unerfüllbar bleibt.

Paula Bender auf Abipur hat ebenfalls eine beachtliche Interpretation geschrieben, einzig die Erklärung zur Sehnsucht nach Liebe scheint mir in die falsche Richtung zu gehen.