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Eichendorff: Frühlingsfahrt (Die zwei Gesellen)

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Interpretation: Frühlingsfahrt (Die zwei Gesellen)

Die Interpretation dieses Gedichtes ist für mich recht schwierig, weil ich es nicht verstehe. Ich sehe bei diesem Text Probleme, die anscheinend sonst niemand sieht, zumindest bin ich noch auf keine derartigen Hinweise gestoßen. Diese betreffen zum einen den Versbau, zum anderen die inhaltliche Auslegung. Wer diese Interpretation als Anregung für eine eigene aufoktroyierte nutzen möchte, kann die Kritik am Versbau ignorieren, sie gehört eigentlich nicht zur Aufgabe einer Interpretation. Die Abweichungen von der „herrschenden Lehre“ bei der Auslegung werde ich möglichst kennzeichnen, damit jeder weiß, wo eventuell Risiken liegen.

Bei den Formalien sind zwei Dinge auffällig: Die Fünfzeiligkeit der Strophen ist etwas ungewöhnlich und das Metrum recht unregelmäßig. Durch die Abweichung vom gängigen Vierzeilenschema wird der Kreuzreim (abab) um eine Zeile hinausgezögert (abaab). Das kann einen Spannungsbogen aufbauen, aber auch einen komischen Effekt ergeben durch die Aufdringlichkeit des wiederholten Reims.

Die Verse haben drei Hebungen. Sie beginnen meist mit einer Senkung, danach variiert die Zahl der Senkungen, mal eine, mal zwei. Das Ganze ist also ein Gemisch zwischen Jambus und Daktylus. Bei einem Romantiker wie Eichendorff spricht man hier vom Volksliedton, da auch bei Volksliedern die Zahl der Senkungen zwischen den Hebungen frei gehandhabt wurde. Die Versschlüsse sind abwechselnd männlich (mit Hebung) oder weiblich (mit Senkung) entsprechend dem Reimschema abaab, wobei der b-Reim einen männlichen Abschluss hat.

Der Titel „Fühlingsfahrt“ lässt ein munteres Gedicht, vielleicht ein Wanderlied erwarten. Doch Eichendorff geht weit darüber hinaus und schildert zwei Lebensentwürfe über einen jahrelangen, aber nicht näher definierten Zeitraum. Die Zeitform ist die Vergangenheit, die Stimme des Gedichtes erzählt also im Rückblick.

Auf die Bezeichnung „rüst’ge Gesellen“ aus dem ersten Vers möchte ich etwas näher eingehen. Heute wird „rüstig“ im Sinne von „für sein Alter noch gut beieinander“ gebraucht. Andere Bedeutungen werden vom Duden als veraltet gekennzeichnet. Diese findet man jedoch mit der Hilfe von Grimms Wörterbuch. Demnach kann „rüstig“ ohne Altersbezug „frisch, kräftig, körperlich tüchtig für kampf, anstrengung, arbeit, behend, hurtig“ bedeuten. Auch „lustig und lebhaft“ ist eine im Wörterbuch genannte Bedeutung, die in diesem Gedicht mitschwingt, wie in der zweiten Strophe deutlich wird.

Für „Geselle“ geben die Grimms gleich Anwendungen im Dutzend an. Gemeint ist hier am ehesten Freund, Kamerad. Nicht gesagt ist, dass die beiden Handwerker waren, woran man heute als erstes denken würde.

Nun mag „rüstig“ für die beiden Freunde genau die Charakterbedeutung haben, die der Dichter ihnen zuschreiben wollte, trotzdem ist das Wort problematisch. Obwohl Eichendorff die Senkungen frei handhabt, verkürzt er es statt auf „rüstig’ Gesellen“ auf die dissonant klingende Version „rüst’ge Gesellen“, womit die Doppelung der Silbe „ge“ zwar unauffälliger wird, aber nicht ganz verschwindet. Im Volkslied, an das sich das Gedicht formal anlehnt, sind solche „Unreinheiten“ durchaus erlaubt, doch bleibt die Lösung zweifelhaft.

Hier stellt sich eine Frage: Wollte Eichendorff, dass der erste Vers mit einem „Stolperer“ beginnt, weil damit die Volkstümlichkeit betont wird oder wollte er einen Akzent ins Komische setzen? Die zweite Variante müsste im weiteren Verlauf des Gedichtes bestätigt werden, die erste dürfte die bevorzugte Lesart heutzutage sein.

Das gleiche Fragespiel könnte man mit der seltsamen Formulierung „von Haus“ statt „von Zuhaus“ treiben. Mir ist erstere Formulierung bisher nicht aus irgendeinem anderen alten Gedicht in Erinnerung, sie scheint also auch damals ungewöhnlich gewesen zu sein.

Das sind jedoch Kleinigkeiten im Vergleich zur Formulierung in den Versen drei bis fünf: „recht in die hellen, / klingenden, singenden Wellen / des vollen Frühlings“. Das sind acht Wörter hintereinander, die nur mit den Vokalen e und i auskommen; das sind vier Wörter hintereinander, die auf -en enden; das ist weiblicher Ausgangsreim, der einen gleitenden Binnenschlagreim einklammert mit der Zugabe einer Alliteration („voller Frühling“); das ist eine synästhetische Charakterisierung („hell“ spricht das Auge und „singen“, „klingen“ das Ohr an) des Frühlings.

Die landläufige Erklärung für diese Verse ist, dass Romantiker nun mal solche Sachen gemacht haben. Sie brachten die Natur in ihren Gedichten zum Klingen, hatten eine Vorliebe für Synästhesieen, also die Ansprache mehrere Sinne gleichzeitig. Das war ihr Bekenntnis zur Ganzheitlichkeit der Welt. Auch wird das Bild in der vierten und sechsten Strophe wieder aufgenommen.

Ich bin mit dieser Erklärung nicht zufrieden. Eichendorff übertreibt maßlos den Klang, doch inhaltlich sind für mich die hellen, singenden, klingenden Wellen des Frühlings, in die die Gesellen ziehen, nichtssagendes Wortgeklimper. Wohin ziehen sie? Zusammen mit den Eigenartigkeiten in Vers eins und zwei: Kann man dies noch als typische Romantik, als typisch Eichendorff abtun?

Mein Verdacht, der wie anfangs erwähnt von den gängigen Interpretationen abweicht, ist, dass Eichendorff hier den Leser und vielleicht auch parodierend sich selbst auf den Arm nimmt. Liest man das Gedicht unter dieser Annahme, ergeben sich vor allem aus der letzten Strophe ganz andere Schlussfolgerungen. Doch zunächst zu den Strophen davor:

Die zweite Strophe schließt durch die Verwendung des Relativpronomens „Die“ statt des Personalpronomens „Sie“ eng an die erste an. Sie dient zur näheren Beschreibung der Gesellen und, was ganz wichtig ist, Ihres Ziels: „Was Rechts in der Welt vollbringen“. Eichendorff setzt die Kette der Reimwörter, die auf –en enden fort und betrachtet man die Folgestrophen nimmt das auch vorerst kein Ende. Auch die grammatikalischen Seltsamkeiten gehen weiter. Es müsste eigentlich heißen „Dem lachten Sinne und Herz“, aber „Sinnen“ fügt sich klanglich an den –ingen-Reim an. Wieder ist die Frage: Demonstriert Eichendorff Volkstümlichkeit oder übertreibt er, um das Gedicht ins Komische zu ziehen?

Die dritte Strophe ist ganz offen komödiantisch. Der Lebensweg des einen Gesellen, der es sich in „Hof und Haus“ gemütlich macht, ist mit Verniedlichungen gepflastert, die natürlich alle auf -en enden. Damit nicht genug: Eichendorff verdreht die Redewendung „Haus und Hof“ des Reimes willen. Welchen Reim will er? Denselben wie in der ersten Strophe! Er scheint ein Dichter zu sein, der nicht mehr als Herz, Schmerz, Haus, hinaus zustande bringt. Doch dann kommt zur Ehrenrettung Strophe vier:

Beim Schicksal des zweiten Gesellen sattelt der Dichter bei den Reimsilben auf die dunklen Vokale o und u um, aber bleibt bei den -en-Enden. Kein Vers ohne -en-Wort scheint die Parole dieser Strophe zu sein. Einen ungeschickten Eindruck machen die „Stimmen im Grund“. Denn es wird erst zwei Verse später klar gestellt, dass der zweite Geselle auf dem Wasser unterwegs ist.

Die „Sirenen“ entsprechen der romantischen Vorliebe für alte Märchen und Volkssagen, die sie notfalls auch selbst erfanden (siehe Heines Lorelei, die auf einer Erfindung von Clemens Brentano beruht). Am Schluss nutzt Eichendorff, wie schon in der ersten Strophe, mit „farbig klingenden“ wieder eine synästhesierende Beschreibung.

Der Satzbau wirkt durch den Einschub „Verlockend’ Sirenen“ etwas holprig, auch „Ihn in“ ist keine elegante Lösung. Für den holprigen Satzbau verzichtet Eichendorff auf die Auftakt-Senkungen in Vers vier und fünf. Im vierten Vers ist dies gerechtfertigt durch eine Akzentverschiebung von der zweiten auf die wichtigere erste Silbe. Im fünften Vers verschwindet wie schon in der ersten Strophe die Senkung spurlos. Dort waren die „klingenden, singenden Wellen“, hier der „farbig klingende Schlund“ dafür verantwortlich. Die Synästhesie-Effekte sind anscheinend wichtiger als ein konsequenter Versbau. Man könnte das auch Effekthascherei nennen.

Konnte man die vierte Strophe noch symbolisch lesen in dem Sinne, dass der Geselle Verlockungen erlag und einiges mitgemacht hat, wird in Strophe fünf durch die Erwähnung des „Schifflein[s]“ das Geschehen in Richtung einer Märchenrealität gerückt, so als ob der zweite Geselle tatsächlich viele Jahre am Grunde eines Flusses oder des Meeres gelebt hätte. Dadurch wird das Fiktive des beschriebenen Lebenswegs betont, wobei die Verniedlichung von Schiff – die zusätzliche Silbe ist metrisch nicht erforderlich – der Katastrophe eines Untergangs die Spitze nimmt.

Auch diese Strophe hat wieder ihre Auffälligkeiten. Das „wie“ im Sinne von „als“ war schon im 19. Jahrhundert eine eher umgangssprachliche Variante (Grimms Wörterbuch im Artikel zu „wie“). Für die Verknautschung „in die Runde“ statt „in der Runde“ kann ich keine Erklärung liefern, vielleicht ist es zur damaligen Zeit keine gewesen. Immerhin verzichtet Eichendorff auf die vorher so beliebten -en-Schlüsse, dafür wird die Einfachheit der Sprache des Gedichtes aufrechterhalten durch das Aufgreifen und Reimen von „Schlund“ und „Grund“ als „Schlunde“ und „Grunde“.

Bei den Auslassungen in Vers eins und fünf ergibt sich der Effekt, dass die Vergangenheitsform der Verben in die der Gegenwart wechselt. Allerdings müssen dafür bei „weht’s“ gleich zwei Buchstaben dran glauben, denn eigentlich hätte es „wehte es“ heißen müssen. Das ist eine so auffällige Notlösung zugunsten des Metrums, dass eine tatsächliche Änderung der Zeitform als inhaltliche Aussage unwahrscheinlich erscheint.

Die letzte Strophe bringt nun einen überraschenden Bruch: In Vers eins werden Sing-und-Kling-Wellen aus der ersten Strophe mitsamt den Reimen auf -ellen noch mal aufgenommen. Doch die Zeit ist jetzt die Gegenwart und „die Wellen des Frühlings“ klingen über dem plötzlich auftauchenden lyrischen Ich. Wer ist dieses Ich? Es ist der Erzähler der beiden Gesellen-Lebensläufe. Wer ist der Erzähler der beiden Gesellen-Lebensläufe? Der Dichter?

Die Unterscheidung zwischen lyrischem Ich und dem Dichter als Person ist wichtig. Der Dichter schlüpft als lyrisches Ich in eine Rolle und bietet dem Leser eine Identifikationsmöglichkeit mit diesem Ich an. Hier ist dadurch, dass bisher eine nicht näher bezeichnete Stimme den Leser durch die Geschehnisse führte, die plötzlich von einem Ich abgelöst wird, die Unterscheidung erschwert. Es wird der Eindruck erweckt, als ob sich der Autor in sein Gedicht einmischt.

Auch dies ist eine Tradition bei den Romantikern, die sich romantische Ironie nennt. Es wird eine Illusion, und eine Erzählhaltung ist immer eine, aufgebaut und wieder eingerissen. Doch bisher habe ich keine Analyse gefunden, die den Einbruch des lyrischen Ichs in das Gedicht so beschrieben hat. Statt dessen wird es als Selbstverständlichkeit hingenommen, dass sich die Stimme des Gedichtes am Schluss als lyrisches Ich zu Wort meldet.

Gleiches gilt für das Mitleiden des lyrischen Ichs mit den beiden Gesellen. Hat nicht die Stimme des Gedichtes den Lebensweg des einen Gesellen scherzhaft, den des anderen märchenhaft wiedergegeben? Sind nicht beide Lebenswege als Fiktion enttarnt, weil das lyrische Ich den „singenden, klingenden“ Frühling für sich reklamiert? Kommen ihm also die Tränen, wenn es Gesellen sieht, von denen es sich einbildet, dass sie seinen erfundenen Charakteren ähneln? Und was sieht das lyrische Ich? Reale Gesellen, weil es der Dichter ist, oder weitere fiktionale Gestalten, weil es ein vom realen Dichter getrenntes fiktionales Ich ist?

Auffällig ist, dass die Gesellen nunmehr keck und nicht mehr rüstig sind. Der Wechsel der Charakterisierung ist kein großer. Keck wird in Grimms Wörterbuch mit lebhaft, frisch, mutig, kühn umschrieben, wobei ein leicht tadelnder Unterton im Sinne von trotzig und herausfordernd als hauptsächliche Bedeutung angegeben wird. Aber bei all den Wiederholungen, warum wird nun dieses eine Wort gewechselt, obwohl rüstig sich nur verstümmelnd einpassen ließ? Ging es nur um den volkstümlichen oder komischen Effekt?

Es gibt noch eine unauffällige Änderung im Vergleich zu den Vorstrophen:

xXx|xXx|xXx
xXx|xX|xX
xXx|xXx|xXx
xXx|xXx|xXx
xXx|xXx|xX

Bis auf den zweiten Vers benutzt Eichendorff hier den Amphibrachys (xXx), ein Versfuß, der zu sehr musikalischen Versen führen kann. In alten Verslehren wird er auch als „Ländler-Takt“ bezeichnet. Die Frage ist mal wieder: Was soll das? Warum greift Eichendorff in dieser Strophe zu einem Schunkelrhythmus, obwohl er im letzten Vers sogar Gott anruft? Meint er das alles nicht ernst?

Wie zu Anfang geschrieben: Ich verstehe dieses Gedicht nicht. Wenn ich das aufgreife, was in der ersten Strophe passiert – die kleinen Unsauberkeiten und der Bombastklang – und dies so verstehe, dass hier der Ton für ein komisches, parodistisches Gedicht gesetzt wird, zumal dieser Ton in den Folgestrophen fortgeführt wird, dann kann ich den Schluss nicht ernst nehmen als Anrufung Gottes um ein gnädiges Schicksal.

Allerdings haben jene, die hier nur typisch Romantisches und Volkstümliches sehen, die Biographie Eichendorffs auf ihrer Seite. Er selbst hatte den Kampf zwischen einem Künstler- und einem bürgerlichen Leben mit sich auszufechten. Die beiden Lebensentwürfe der Gesellen kann man also als dichterische Ausdruck dieses Kampfes ansehen. Auch ist sein ernsthafter Glaube an Gott unbezweifelt. Damit werden lyrisches Ich und Dichter jedoch sehr nahe beieinander gesehen, was für die romantische Ironie in der Schlussstrophe spricht, die wiederum nicht thematisiert wird.

Ist also eigentlich alles in Butter? Oder hat sich der Dichter im Ton vergriffen? Oder höre ich Mücken summen, wo es keine Elefanten gibt? Darauf kann ich ganz entschieden „Ich weiß es nicht“ antworten. Eins weiß ich allerdings: So glatt, wie allgemein behauptet, ist dieses Gedicht nicht. Es gibt Ecken und Kanten, die man erklären muss, wenn man eine schöne, runde Interpretation der „Frühlingsfahrt“ schreiben will.

Autor: Hans-Peter Kraus (Kontakt)
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Interpretationen im Web:

Eine gute Ergänzung zu der Interpretation hier ist jene bei Wikipedia. Dort wird auch auf inhaltliche Aspekte eingegangen, die ich hier nicht behandelt habe.

Für den Schulgebrauch dürfte die Interpretation bei antikoerperchen völlig ausreichend sein. Sie macht einen guten Eindruck.