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Storm: Abseits

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Interpretation: Abseits

Unverkennbar eine Sommeridylle hat Theodor Storm hier ins Leben gerufen. Und immer wenn ein Text so leicht zu erfassen ist, wird die Frage interessant, wie das gemacht wurde. Welche sprachlichen und formalen Mittel helfen dabei, diese Szenerie entstehen zu lassen? Und wenn man schon ein bisschen tiefer gräbt: Liegt vielleicht unter der Oberfläche noch mehr Bedeutung und Sinn als beim Lesen im Vorübergehen erkennbar wird? Wer weiß. Zuerst wird mal das Skelett freigelegt:

Das Metrum folgt dem Schema Senkung-Hebung, ist also ein Jambus, der auch der meistgenutzte Versfuß im deutschen Gedicht ist. Das erscheint auf den ersten Blick verwunderlich, weil zweisilbige Wörter zumeist trochäisch sind – erst kommt die Hebung, dann die Senkung, wie z.B. „Heide“, „Schimmer“, „Kräuter“ –, aber wenn man das Gedicht liest, merkt man, warum der Jambus bevorzugt wird: „Es ist so still“, „die Heide liegt“, „Die Kräuter blühn“. Der Jambus entspricht dem normalen Satzbau im Deutschen. Tatsächlich durchbricht Storm das Verskorsett weitgehend zugunsten des Satzbaus durch Zeilensprünge (Enjambements). Man könnte die erste Strophe auch so schreiben:

„Es ist so still; die Heide liegt im warmen Mittagssonnenstrahle, ein rosenroter Schimmer fliegt um ihre alten Gräbermale; die Kräuter blühn; der Heideduft steigt in die blaue Sommerluft.“

Das vierhebige Versgerüst ist daraus gar nicht so leicht rekonstruierbar. Der Text fließt eher prosaisch daher als liedhaft. Dazu trägt auch das Reimschema der Strophen bei. Jeder Sechszeiler besteht in den ersten vier Versen aus einem Kreuzreim, die letzten beiden Verse bilden jedoch einen Paarreim. Durch diese Unterbrechung kann sich der Singsang des Kreuzreims wie z.B. in Volksliedern nicht einstellen. Zusammengenommen tragen die formalen Mitteln zu dem leicht plätschernden Gang des Gedichtes bei, der wiederum sehr schön zu einem geruhsamen Sommermittag passt.

Die erste Strophe beschreibt die Pflanzenwelt der Heide zur Mittagszeit. Sie bleibt dabei jedoch nicht bei der Stille aus Vers eins stehen. Ein „Schimmer fliegt“, „Heideduft steigt“, es ist Bewegung in der Natur, lautlos zwar, aber doch: „Die Kräuter blühn“. Auch der Mensch hat seine Spuren durch „Gräbermale“ hinterlassen. Die Kennzeichnung als alt zusammen mit dem Titel Abseits legt nahe, dass es sich um vergessene Gräber handelt, die nun wieder eins mit der Natur werden.

In der zweiten Strophe macht sich die Tierwelt bemerkbar. Die „Laufkäfer“ ziehen eine Betonung an den Anfang des Verses (Akzentverschiebung), das Metrum der ersten vier Silben wandelt sich zu XxxX statt jambisch xXxX. Mit der Stille ist es nun endgültig vorbei: „Lerchenlaut“ geht durch die Luft. Die Strophe ist noch sehr eng verzahnt mit der ersten, denn meist bilden Pflanzen den Endreim.

Der Reim oder Nichtreim „Gesträuch“ zu „Zweig“ ist berühmt-berüchtigt, Goethe hat ihn in seinem Mailied verwendet. Bei ihm konnte man noch annehmen, dass seine hessischen Mundart schuld war, wo Zweig „zweich“ gesprochen wird, Storm als Norddeutscher hat diese Entschuldigung nicht. Ich nehme an, dass er gerade auf den Goethe-Lapsus anspielen wollte. Zum einen als Erinnerung an „alte Zeiten", in denen auch nicht alles perfekt war, zum anderen als Hinweis darauf, dass die Natur abseits des menschlichen Willens zur Ordnung existiert.

In der dritten Strophe hat der Mensch seinen Auftritt in Gestalt eines Kätners, auch Kötter genannt und darüber in Grimms Wörterbuch zu finden. Es handelt sich dabei um einen Landarbeiter außerhalb der landbesitzenden bäuerlichen Dorfgemeinschaft, dem ein Haus und etwas Land zur Eigennutzung zugewiesen wurde. Dass es sich hier um einen Vertreter der ärmeren Bevölkerung handelt, legt Storm durch die Beschreibung des Hauses als „halbverfallen“ gleich zu Anfang offen. Auch diese Beschreibung erweckt ein Bild, dass das Haus wie die Gräbermale aus Strophe eins mit der Natur verwächst. Im Übrigen steht das Haus „einsam“, dem Kätner hingegen scheint es an nichts zu mangeln. Auch sein Junge schnitzt sich selbständig Pfeifen aus Kälberrohr, ein Kraut, das Meyers Großes Konversations-Lexikon als Anthriscus kennt.

In der letzten Strophe macht sich aus weiter Ferne die Zivilisation bemerkbar, doch nur als zitternder „Schlag der Dorfuhr“. Diese dürfte mit Sicherheit eine Kirchenuhr sein, doch Storm lässt die Religion nicht in dieses Idyll eindringen. Der Kätner bleibt davon unberührt, fast schon demonstrativ schlummert er ein.

Indem Storm schildert, wovon der Kätner träumt, überschreitet er die Schwelle von der reinen Beschreibung der Szenerie. Dass es bei dem Traum um die „Honigernten“ geht, entspricht der unsentimentalen Sichtweise eines Bauern: Die Natur wird vor allem unter dem Nutzen für den Menschen betrachtet.

Nachdem die Beschränkung auf eine beobachtende Perspektive aufgegeben wurde, mischt sich die Stimme des Gedichtes nun vollends ein, indem sie einen Abschlusskommentar liefert. „Kein Klang“ erzeugt dabei selbst durch den Gleichklang der Anfangsbuchstaben einen Klang. Die Vergangenheitsform „drang“ macht deutlich, dass nur bisher die „aufgeregte Zeit“ nicht eingedrungen ist und deutet gleichzeitig an, dass es damit bald vorbei sein könnte.

Ist dies nun eine Klage gegen die Zivilisation, die in die letzten Biotope vordringt, in denen der Mensch noch im Einklang mit der Natur lebt? Mit Sicherheit nicht. Storm hat in diesem Gedicht zwar eine Naturidylle gezeichnet, doch der „rosenrote Schimmer“ hat Lücken: Richtig nah kommt der Mensch der Natur nur im Tod („Gräbermale“) oder in Armut („Ein halbverfallen niedrig Haus“), die Natur lässt sich nicht unbegrenzt zähmen (der Reim „Gesträuch“ zu „Zweig“) und letztlich ist der Mensch, so nah er ihr auch zu sein scheint, immer daran interessiert, sie für eigene Zwecke auszubeuten („Honigernten“). Auch die noch nicht eindringenden „aufgeregten Zeiten“ sind nicht eindeutig negativ besetzt, denn sie verbreiten keinen Lärm, sie haben einen „Klang“.

So weckt das Gedicht zwar die Sehnsucht nach einem irdischen Ort, wo man mit sich und der Welt im Reinen ist, eine Art ewiger Sommermittag, doch gleichzeitig weist es darauf hin, dass diese Sehnsucht nur eine oberflächliche, schemenhafte und so eine letztlich unerfüllbare ist.

Autor: Hans-Peter Kraus (Kontakt)
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Interpretationen im Web:

Eine klar strukturierte Interpretation bietet das Bayernkolleg Schweinfurt. Vor allem wird versucht die sprachlichen Mittel des Gedichtes systematisch zu erfassen, allerdings leidet darunter die Darstellung der Zusammenhänge zwischen dem Formalen und dem Inhaltlichen.