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Rilke: Herbsttag

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Interpretation: Herbsttag

Was selbst einem Mathematiker auffallen würde bei diesen Gedicht, sind die unterschiedlichen Strophenlängen. Traute er sich, das Gedicht zu lesen, würde er sicher auch die inhaltliche Trennung der ersten beiden Strophen von der dritten bemerken. Doch für den Rest sollte man sich mit mehr als mit Zahlen und Figuren beschäftigt haben.

Das Versmaß ist ein Unten-Oben-Gesenkt-Gehoben oder Jambus, wie die Experten sagen, wobei Rilke es dem Leser etwas schwer macht, die Regelmäßigkeit zu erkennen, denn ausgerechnet der erste Vers ist schon eine Ausnahme. Statt dem Jambus-Schema xXxX beginnt der Vers mit einer Hebung: XxxX. Diese Akzentverschiebung hat ihren inhaltlichen Grund: Man kann den HErrn schlecht in einer Senkung verschwinden lassen. Die Stimme des Gedichtes befindet sich einer Art Zwiegespräch mit Gott. Sie lobt den Herrn („Der Sommer war sehr groß.“) und ist bereit, sich ins Unvermeidliche zu fügen (das scheinbare Nichtvergehenwollen der Zeit, stürmische Wetter), denn „es ist Zeit“. Auch formal ist die Strophe trotz der Dreizeiligkeit harmonisch, denn Rilke hat das Problem mit der ungleichen Reimverteilung bei ungeraden Zeilenzahlen durch einen Mittenreim gelöst: Die „Sonnenuhren“ reimen sich in der Mitte des dritten Verses auf „Fluren“.

In der zweiten Strophe wünscht sich die Gedichtstimme die Vollendung der Natur vom Herrn. Die Strophe ist durch einen immer flüssiger werdenden Übergang der Verse gekennzeichnet. Während „sein“ und das Rilksche „gieb“ fast einen Hebungsprall verursachen, weil „gieb“ nur wenig gesenkt wird, funktioniert „dränge“ wie eine Fortsetzung des Jambus aus der Vorzeile. Die Akzentverschiebung in Vers drei hat also eher eine verbindende Wirkung. Die beiden Schlussverse sind durch einen klaren Zeilensprung gekennzeichnet, so dass sie glatt durchlaufen. Der ziemlich existenzielle umarmende Reim von „sein“ auf „Wein“ rundet die Strophe ab. Der Herbst wird als Vollendung der Natur verstanden.

Doch dann kommt scheinbar der Bruch: Versteht man die ersten beiden Strophen als Gebet, ist dieser fast unerklärlich, weil das Gebet hier abbricht. Nimmt man sie jedoch als Zwiegespräch, dann ist die dritte Strophe eine Fortsetzung im Sinne „Ja, ich weiß, wer jetzt ...“. Auch schon die ersten beiden Strophen konnte man in dem Sinne verstehen, dass die Stimme des Gedichtes eher eine des Verständnisses, des Sichfügens ist als dass der Herr um etwas gebeten wurde, denn der Sommer war groß und der Herbst hat auch seine guten Seiten. Nun erklärt die Stimme des Gedichtes, die Konsequenzen zu kennen und sie zu akzeptieren, wenn man kein Zuhause hat, sich fremd fühlt und allein ist. Der Preis, der dafür zu zahlen ist, besteht darin zu grübeln, unruhig zu sein. Diese Strophe ist auch äußerlich im Ungleichgewicht. Der umarmenden Reim wird hier zum um eine Zeile hinausgeschobenen Kreuzreim, wobei die letzte Zeile mit „unruhig“ wieder eine Akzentverschiebung enthält, diesmal jedoch fällt die zweite Silbe kaum ab.

Zum Schluss bliebe noch die Frage, warum das Gedicht Herbsttag betitelt ist. Ich denke, es ist damit gemeint, dass dieser Tag der Tag der Entscheidung ist. Der Sommer ist endgültig vorbei, daran ändern auch zwei „südlichere Tage“ nichts. Die Natur nähert sich der Vollendung, und im Umkehrschluss der Mensch ebenso, wenn er nicht die beiden Bedingungen zu Beginn von Strophe drei unterworfen ist.

Autor: Hans-Peter Kraus (Kontakt)
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Interpretationen im Web:

Die Lyrikdatenbank antikoerperchen kann mit einer nützlichen Interpretation von Herbsttag aufwarten, die ein wenig abweicht von meiner eigenen.