Unterm Lyrikmond

Gedichte lesen und hören, schreiben und interpretieren

Hofmannsthal: Über Vergänglichkeit

Dieses Gedicht im TextformatGedicht per E-Mail versenden

 

Erstmal selbst probieren und dann vergleichen? 10 Tipps für bessere Gedichtinterpretationen.

Interpretation: Über Vergänglichkeit

Dieses Gedicht ist das erste aus einer Reihe von vier, die mit „Terzinen“ überschrieben ist. Terzinenstrophen sind dreizeilig und haben das Reimschema aba bcb cdc usw. Der mittlere Vers einer Strophe reimt stets mit den beiden Rahmenversen der folgenden. Am Schluss steht ein Einzelvers, der sich auf den Mittelvers der letzten Strophe reimt. Terzinen werden traditionell in Jamben mit fünf Hebungen pro Vers geschrieben.

Schaue ich mir die Terzinenform des Gedichts an, so scheint Hugo von Hofmannsthal irgendetwas missverstanden zu haben. Zwar nutzt er den fünfhebigen Jambus mit einigen Akzentverschiebungen zu Beginn (Vers 3 und 10). Das ist ein legitimes Verfahren. Aber das Reimschema stimmt vorne und hinten nicht: Erst reimen sich die Mittelverse – aba cbc – , dann wiederum der Rahmenvers mit dem mittleren der Folgestrophe – cbc dcd ede – und am Schluss gibt es untypisch für eine Terzine einen Paarreim.

Der Witz ist: Hofmannsthal hat das Terzinen-Reimschema rückwarts angewandt. Der Mittelvers aus der letzten Strophe reimt auf die Rahmenverse der vorletzten usw. – ede dcd cbc – und schließlich reimen die beiden Mittelverse von zweiter und erster Strophe. Das ist sehr verwirrend und sollte eine inhaltliche Entsprechung haben. Und tatsächlich, die gibt es. Doch der Reihe nach:

Zusammen mit dem Titel lässt der erste Vers nichts Gutes ahnen. Dennoch stellt der Dichter die Nähe zweier Menschen durch den „Atem auf den Wangen“ sehr sinnlich dar. Die „nahen Tage“ in Vers zwei sind daher auch doppeldeutig, es können Tage der Nähe sein, aber auch erst kürzlich vergangene Tage. Die in Vers zwei und drei formulierte Frage lässt vermuten, dass „sie“ sich im doppelten Sinne „entfernt“ hat oder sogar verstorben ist. Tatsächlich hat das Gedicht einen biographischen Hintergrund. Es wurde im Juli 1894 geschrieben, einige Tage nachdem der Dichter vom Tod einer Freundin erfuhr (Burkhard Meyer-Sickendiek, Lyrisches Gespür. Vom geheimen Sensorium moderner Poesie, Wilhelm Fink Verlag, München 2012, S. 249).

Das Gedicht jedoch leitet bereits in Vers zwei und drei die Entfernung vom konkreten Fall mit einer rhetorischen Frage zur Vergänglichkeit ein. Bemerkenswert ist dabei, welches Großaufgebot an Mitteln Hugo von Hofmannsthal einsetzt, um die Eindringlichkeit der Frage in Vers drei zu steigern:

Da ist die offenkundige Wiederholung von „fort“, wobei das Wort in beiden Fällen betont wird. Hofmannsthal nutzt dafür eine Akzentverschiebung, bei der die erste Hebung nach vorne gezogen wird. Das jambische Senkungs-Hebungsmuster xXxX wurde zu XxxX, erst dann geht es jambisch weiter. Zudem steht zum ersten Mal ein „o“ in der Hebung. Davor wurden nur „i/ü“ und „a(i)“-Hebungen genutzt. Somit hebt sich der dritte Vers auch klanglich von den beiden Vorversen ab.

Das sehr bewusste Verteilen der Vokale in den Hebungssilben ist auch im weiteren Verlauf des Gedichts zu verfolgen. So übernimmt Hofmannsthal das doppelte „o“ in den Versen vier und fünf durch „voll“, obwohl er genausogut „ganz aussinnt“ hätte schreiben können.

Mit Vers vier kommt das Gedicht endgültig bei abstrakten Gedankengängen an. Das „Ding“ ist im Sinne eines nur geistigen Phänomens als Problem zu verstehen. Damit vollzieht der Dichter die Vergänglichkeit, die er im Gedicht thematisiert: Das Sinnliche – die Nähe – aus Vers eins und zwei ist bereits in der zweiten Strophen Vergangenheit, in die Ferne gerückt, nur noch im Kopf gegenwärtig.

Interessant ist, wie der Inhalt des vierten Verses sich im Metrum widerspiegelt. Zu Beginn könnte man sowohl „Dies“ als auch „ist“ betonen. Es handelt sich um eine schwebende Betonung, also etwas, das man nicht wirklich „aussinnen“ kann. Zudem muss „aussinnt“ auf der zweiten Silbe betont werden, obwohl es im allgemeinen Sprachgebrauch auf der ersten Silbe betont würde, eine Tonbeugung also, die die Unsicherheit vom Anfang des Verses aufnimmt.

Der fünfte Vers ist ein struktureller Einschnitt im Gedicht. Alles, was danach kommt, bezieht sich auf das Grauenvolle und Nichtaussinnbare. Dies wird auch deutlich gemacht durch den Strophensprung von der zweiten zur dritten Strophe und die weiteren Enjambements innerhalb der Strophen.

Warum ist die Vergänglichkeit „viel zu grauenvoll, als dass man klage“? Damit wird die völlige Überwältigung des Gedankens an die Vergänglichkeit angezeigt. Man muss den Gedanken aus Vers sechs nur weiterspinnen. Alles Leben auf diesem Planeten, alles, was der Mensch gebaut und verändert hat, wird irgendwann verschwunden sein und niemand und nichts wird sich erinnern, was einmal war. Jede Leistung, jeder Erfolg im Leben wird von der totalen Vergeblichkeit, Spuren zu hinterlassen, überwältigt.

Burkhard Meyer-Sickendiek weist darauf hin, dass Hugo von Hofmannsthal ab der dritten Strophe noch in eine andere Richtung zielt, die „grauenvoll“ und nicht auszusinnen ist: „Die Entfremdung“ (Burkhard Meyer-Sickendiek, Lyrisches Gespür, S. 250). Dabei wird die Vergänglichkeit nicht von der Gegenwart in die Zukunft gedacht, sondern das gegenwärtige Ich als Resultat der Vergänglichkeit des Kindesstadiums (Vers acht und neun) und der Ahnen von vor hundert Jahren (Vers zehn und elf).

Wichtig scheint mir der Einschub in Vers sieben „durch nichts gehemmt“. Das Ich hat keinerlei Kontrolle darüber, wie es sich von einem Kind aus entwickelt hat, das ihm nun „wie ein Hund“ völlig fremd ist.

Gesteigert wird dieses Fremdheitsgefühl gegenüber dem eigenen Ich durch eine generationenübergreifende Sicht: „dass ich auch vor hundert Jahren war“. Diese Vorstellung, dass das Ich schon vor 100 Jahren existierte, ist der Höhepunkt der entfremdeten, rückwärtsgewandten Sichtweise, die ich als Entsprechung für das oben festgestellte, umgekehrte Reimschemas der Terzinen werte.

Auch lautlich setzt sich der zweite Teil des Gedichts über die Entfremdung vom ersten über die Sterblichkeit ab. Zum ersten Mal wird der Vokal „e“ in Hebungen verwendet und das gleich an prominenter Stelle im Reim („gehemmt“, „fremd“, „Totenhemd“). Und das „u“ tritt in Vers neun stark gehäuft auf: „ein Hund unheimlich stumm und fremd“. Wobei hier nur „Hund“ sowie „stumm“ gehobene Silben sind. Allerdings wird das „un“ in „unheimlich“ nur geringfügig weniger betont als die umgebenden Hebungen.

Mit den beiden Schlussversen kehrt Hofmannsthal wieder zum Lautschema der Anfangszeilen zurück. Die Vokale „i“ und „a“ werden ausschließlich genutzt. Lautlich schließt sich der Kreis und das Gedicht kehrt mit dem Vergleich „wie mein eignes Haar“ von abstrakten Gedankengängen wieder zu einem sinnlich fassbaren Bild zurück.

Auffällig ist natürlich die Wiederholung des Haarvergleichs, der zudem die Formulierung „mein eignes Ich“ am Beginn der Ich-Betrachtung in Vers 7 wieder aufnimmt. In dieser Häufung – zwischendurch heißt es noch „meine Ahnen“ – klingt das besitzanzeigende Fürwort (Possessivpronomen) für jemanden, dem das eigene Ich offenkundig fremd geworden ist, etwas verzweifelt.

Die Frage ist: Warum wird ausgerechnet das Haar als Vergleichsmaßstab für den Verwandtschaftsgrad mit den Ahnen herangezogen? Der Ausdruck „verwandt mit dem eigenen Haar“ lässt sich leicht ins Lächerliche ziehen, wie ja auch das „als wie“ im Schlussvers heutzutage nicht als hochsprachlich gilt. Ob es in Österreich Ende des 19. Jahrhunderts anders war, vermag ich nicht zu sagen. Betrachte ich jedoch den Haar-Vergleich ernsthaft, so ist er ein Ausdruck von Nähe und Ferne zugleich.

Was immer ein Ich eigentlich ausmacht, es sitzt im Kopf. Die Haare sind nah dran, aber gleichzeitig außerhalb. So wie das Ich sich stetig wandelt, aber jemand selbst davon nur wenig spürt, bis er sein aktuelles Ich mit einem lange zurückliegenden Ich-Zustand vergleicht, wachsen und ändern sich Haare ebenfalls von Tag zu Tag unbemerkt, bis die Gesamtveränderung nicht mehr zu übersehen ist.

Haare sind geradezu der Prototyp der Vergänglichkeit, sie wachsen und wachsen, werden geschnitten und wachsen wieder nach, so wie Generationen von Menschen nachwachsen und vom Tod „geschnitten“ werden. Und doch: Sind die Haare geschnitten oder fallen aus, dann gehören sie nicht mehr zum Menschen dazu. Sie sind Müll, der weggekehrt wird.

Der Schlussvergleich „so eins mit mir als wie mein eignes Haar“ ist folglich zwiespältig, denn das Einssein mit den Ahnen ist nur temporär, es ist vergänglich.

Ein weiterer Aspekt des Haar-Vergleichs ist der Glaube, dass Haare nach dem Tod weiter wachsen, der inzwischen ins Reich der Mythen verwiesen wurde, aber zu Zeiten von Hofmannsthal noch sehr aktuell war und sich auch heute noch hält. Hier schwingt also etwas von der Hoffnung vom Leben nach dem Tod mit und dass irgendetwas vom Ich übrig bleibt, so wie das Ich ja schon 100 Jahren zuvor in den Ahnen existent gewesen sein soll.

Letztlich enthält der Schlussvergleich bei aller Verzweiflung und Zwiespältigkeit, bei aller Entfremdung und allem Denken an die Vergänglichkeit, zumindest für Hugo von Hofmannsthals Zeitgenossen einen Funken Hoffnung.

Autor: Hans-Peter Kraus (Kontakt)
Nutzung der Textaussagen auf eigene Gefahr. Den Text zu kopieren und an anderem Orte online zu stellen, birgt Risiken und Nebenwirkungen. Besser ist es, ihn zu verlinken. Adresse: http://www.lyrikmond.de/gedicht-215.php

Anzeige