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Hofmannsthal: Vorfrühling

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Interpretation: Vorfrühling

Das Gedicht Vorfrühling hat Hugo von Hofmannsthal an den Anfang der Ausgabe seiner gesammelten Gedichte von 1922 gestellt. Das weist darauf hin, dass er es nicht nur als Frühlingsgedicht aus seinen jungen Dichtertagen sah, sondern auch als ein besonderes Werk.

Metrisch wird das Gedicht sehr souverän behandelt. Hofmannsthal verwendet kein starres Muster, sondern passt das Metrum so an, wie er es für den Inhalt braucht. Ein Nebeneffekt dabei ist, dass sich das Gedicht gebärdet wie ein Wind, der immer wieder dreht und aus verschiedenen Richtungen kommt. Das Basismetrum besteht aus zwei Hebungen pro Vers mit einer Senkung zu Beginn (auch Auftakt genannt) und Füllungsfreiheit zwischen den Hebungen: die Zahl der gesenkten Silben variiert, mal eine, mal zwei, also ein jambisch-daktylischer Mix. Bei den Versschlüssen dominiert zuerst die Hebung (männliche Kadenz), doch dann wird auch dabei fleißig gemixt.

Das Gedicht ist unpersönlich, kein lyrisches Ich bringt sich ein, sondern eine Stimme schildert, was sie mit dem Frühlingswind in „kahlen Alleen“ verbindet. Das Jetzt in der ersten Strophe von Vorfrühling dürfte Februar sein. Doch die folgenden fünf Strophen gehen in die Vergangenheit zurück. Und obwohl der Frühlingswind eine weite Reise hinter sich hat, wird am Schluss offenbart, dass er erst „seit gestern Nacht“ unterwegs ist.

Die Weite der Reise ergibt sich vor allem aus der dritten Strophe. Dabei gilt die stillschweigende Annahme, dass ein Gedicht, wenn sich aus ihm nichts Anderes ergibt, in der Umgebung des Dichters verortet ist, in diesem Fall also Wien oder Österreich. Die in der dritten Strophe erwähnten Akazien blühen jedoch im Februar nicht in Österreich. Konrad Heumann weist in Deutsche Lyrik in 30 Beispielen (hrsg. von Andrea Geier und Jochen Strobel) darauf hin, dass der Frühlingswind mindestens aus Südfrankreich kommen muss, um Akazienblüten niederzuschütteln. Auch die glühenden Glieder, die durch den Wind (bei offenem Fenster oder in der freien Natur) gekühlt werden, deuten auf seine Herkunft aus südlichen Gefilden, wo die Temperaturen schon angenehm sind.

Die „seltsamen Dinge“, die der Wind mit sich führt, deuten die Existenz anderer Menschen an, doch bleiben diese unsichtbar. Dabei führt der Frühlingswind nicht nur schöne oder leicht erotische Gefühle mit, auch Weinen oder einen „schluchzenden Schrei“, hervorgebracht durch eine Flöte.

Mit dem Verlöschen der Ampeln, wie man hängende Blumentöpfe nennt, kommt das Gedicht an einen ersten Schluss, um dann mit der Wiederholung der ersten Strophe noch mal neu zu beginnen. Die Fortsetzung in Strophe acht gleicht einem Tiefpunkt. Hölzern wirken die Verse, die nun durchgängig mit einer Hebung beginnen, also zum Trochäus gewechselt sind. Doch wichtiger erscheint, dass die Hälfte der Wörter dem gleichen Klangschema folgen: Erste Silbe a, zweite Silbe e. Was sonst als Anklingen oder Assonanz beschrieben wird und eine Möglichkeit darstellt, Verse auch ohne echten Reim harmonisch klingen zu lassen, wirkt hier dissonant. Nur noch blasse Schatten sind die „seltsamen Dinge“ im „Wehn“.

Doch aus diesem Tief schwingt sich das Gedicht metrisch und inhaltlich zum Höhepunkt. Das Metrum wechselt wieder auf den Jambus bzw. mit zwei Senkungen auf den Anapäst (1. Vers). Die stärkste Betonung liegt auf der letzten Hebung jedes Verses. Inhaltlich werden die Strophen zwei bis sechs aufgelöst in einen Wind der aus weiter Entfernung „seit gestern Nacht“ unterwegs ist und einen Duft mitbringt.

Interessanterweise ist die Wiederholung der ersten Strophe als siebte erst mehr als zehn Jahre (1903) nach der Erstveröffentlichung (1892) eingebaut worden. Im Prinzip könnte man die letzten drei Strophen als eigenständiges Gedicht lesen. In den Strophen zwei bis sechs führt Hugo von Hofmannsthal vor, was alles in dem „Duft“ dieses Kurzgedichtes aus der Sicht des Dichters stecken könnte. In dem Gespräch über Gedichte, das 1904 erschienen ist, schreibt er Folgendes:

„Sind nicht die Gefühle, die Halbgefühle, alle die geheimsten und tiefsten Zustände unseres Inneren in der seltsamsten Weise mit einer Landschaft verflochten, mit einer Jahreszeit, mit einer Beschaffenheit der Luft, mit einem Hauch? Eine gewisse Bewegung, mit der du von einem hohen Wagen abspringst; eine schwüle sternlose Sommernacht; der Geruch feuchter Steine in einer Hausflur; das Gefühl eisigen Wassers, das aus einem Laufbrunnen über deine Hände sprüht: an ein paar tausend solcher Erdendinge ist dein ganzer innerer Besitz geknüpft, alle deine Aufschwünge, alle deine Sehnsucht, alle deine Trunkenheiten.“

„Niemals setzt die Poesie eine Sache für eine andere, denn es ist gerade die Poesie, welche fieberhaft bestrebt ist, die Sache selbst zu setzen, mit einer ganz anderen Energie als die stumpfe Alltagssprache, mit einer ganz anderen Zauberkraft als die schwächliche Terminologie der Wissenschaft. Wenn die Poesie etwas tut, so ist es das: dass sie aus jedem Gebilde der Welt und des Traumes mit durstiger Gier sein Eigenstes, sein Wesenhaftestes herausschlürft, ...“
Quelle: Die neue Rundschau. 1904, Heft 2, Februar, S. 129-139. Gespräch über Gedichte, S. 130f und S. 132

Nun wird verständlich, warum Hugo von Hofmannsthal das Gedicht an den Anfang seiner eigenen Gedichtsammlung von 1922 gestellt hat. Es hat einen programmatischen Aussagewert. Hier wird demonstriert, was ein Dichter zu sehen und zu fühlen in der Lage ist, wenn er einen ersten Frühlingshauch verspürt oder sich ihn nur vorstellt. Der spätere Einschub der ersten Strophe macht dies wesentlich deutlicher.

Autor: Hans-Peter Kraus (Kontakt)
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