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Heine: Lass die heilgen Parabolen ...

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Interpretation: Lass die heilgen Parabolen ...

Dieses Gedicht ist das erste aus dem Zyklus Zum Lazarus, womit man gleich biblisches Terrain unter den Füßen hat, denn Lazarus war bekanntlich jemand, den Jesus von den Toten auferweckt haben soll. Dass es hier um ein religiöses Thema geht, wird in der ersten Strophe auch wenig zart angedeutet, aber zuvor ein paar Worte zum formalen Aufbau:

Das metrische Schema beginnt mit einer Hebung, dann folgen Senkungen und Hebungen im Zweiertakt, das Ganze nennt sich Trochäus. Jeder Vers hat vier Hebungen, wobei als Besonderheit alle Verse mit einer Senkung enden (weibliche Kadenz). Jede Strophe hat nur einen Reim, und auch der nicht immer ganz sauber.

Heine nutzt die Möglichkeiten des gewählten Metrums zu Anfang gleich sehr demonstrativ. Die erste drei Verse beginnen mit Verben in Befehlsform (Imperativ), die Wiederholung zu Beginn (Anapher) verstärkt den energischen Tonfall. Wer dort derart angebellt wird, bleibt unausgesprochen, doch die impliziten Vorwürfe der ersten beiden Verse lassen auf einen Geistlichen bzw. Theologen schließen. Die Formulierungen sind ironisch bis sarkastisch.

Das Auslassen eines unbetonten Vokals (Elision) zugunsten des Metrums ist ein gängiges Verfahren, doch das Adjektiv „heiligen“ leidet erheblich unter dem Verlust des i. Kontrastierend zu dieser Verstümmelung benutzt Heine statt des schon damals eingebürgerten Wortes Parabeln für Gleichnisse (siehe Grimms Wörterbuch) „Parabolen“, was näher an der lateinischen (parabola, parabole) bzw. griechischen (parabolḗ) Herkunft ist. Auch hier könnte er sich hinter der Forderung des Metrums verstecken, in das „Parabeln“ nicht gepasst hätte, aber gleich zwei mal hintereinander Wörter nur zur Gefälligkeit des Metrums zu benutzen, das kann man einem so sprachlich gelenkigen Dichter wie Heine kaum abnehmen. Die „heilgen Parabolen“ werte ich daher als ironischen Angriff, indem ein Wort verstümmelt wird, ein anderes an die Sprachen der Gelehrten Latein und Griechisch anklingt.

Die „frommen Hypothesen“ gehen in die gleiche Richtung, und so bekommt Heine eine Dreierkette von heilig zu fromm zu verdammt. Ich gehe davon aus, dass „verdammt“, also strafwürdig, damals noch im Gedanken an Verdammnis im religiösen Sinne gebraucht wurde. Die umgangssprachliche Verwendung heute, z.B auch als Steigerungsform wie in „verdammt lang her“, hat diesen Bezug ja eher vergessen. Möglicherweise gibt es hier sogar eine Viererkette, wenn man dem Wort „Umschweif“ eine zwinkernde Andeutung in Richtung Teufel zugesteht, der einen Schweif gehabt haben soll.

Die erste Strophe ist sprachlich sehr glatt formuliert, lässt sich flott lesen, im Gegensatz zu den folgenden Strophen. Dazu tragen die Wiederholung der Satzstruktur in Vers eins und zwei bei sowie der flüssige Zeilensprung in Vers drei und die exzessive Verwendung der Wortendung -en. Der nicht ganz saubere Schlussreim bringt etwas Spannung hinein, weil man noch nicht weiß, wie das zu bewerten ist, wie auch die Einbeziehung des Leser („uns“), der auf die Enthüllung wartet, welche „verdammten Fragen“ von wem „zu lösen“ sind. Die ganze Strophe dient folglich als flotter Appetitmacher.

In der zweiten Strophe sabotiert Heine sein Metrum. Bei „Warum“ liegt die natürlich Betonung eher auf der zweiten Silbe. Die Wiederholung der Endung -end hemmt des Lesefluss. Da auch bei „elend“ die zweite Silbe noch relativ stark betont wird, gerät der Zeilensprung ins Stocken. Im Gegensatz dazu demonstriert der Zeilensprung zwischen Vers drei und vier in der zweiten Strophe, dass das Metrum ja eigentlich gut geeignet ist für dieses Stilmittel.

Der biblische Bezug auf den Kreuzweg Jesu ist offenkundig. Der auf „hohem Ross“ trabende Sieger scheint mir eher symbolisch gemeint, ein entsprechendes Bild aus der Kreuzweggeschichte ist mir nicht bekannt. Da in dieser Strophe nur eine Frage gestellt wird, aber in der ersten mehrere angekündigt wurden, bleibt der Spannungsbogen erhalten.

Sprachlich noch bemerkenswert in Strophe zwei ist, dass der Wohlklang der ersten Strophe sich hier langsam auflöst. Die beiden Satzteile beginnen jeweils mit einem W-Wort und die Versenden sind weiter durch den Vokal e beherrscht, aber richtig flüssig laufen nur noch Vers drei und vier.

Die dritte Strophe knüpft an die vorige mit einer W-Frage an. Wieder stockt der Zeilensprung zwischen Vers eins und zwei, weil zu viel Betonung auf der Endsilbe von „etwa“ liegt. Die Tonart nimmt wieder ironische Züge an: „nicht ganz allmächtig“ ist sprachlich ungefähr so sinnvoll wie „ein bisschen schwanger“. Dass der Herr „Unfug“ treibt, ist fast schon Gotteslästerung, und der vom Vokal a bzw. ä beherrschte vierte Vers mit dem Seufzer „Ach“ wartet mit einer Naivität auf, die den grundsätzlichen Fragen nicht standhält.

Bibelkenner wird diese Strophe an die Geschichte von Hiob erinnern, der ähnliche Fragen bzw. Zweifel äußerte, als er mit Genehmigung des Herrn vom Satan gequält wurde. Doch im Gegensatz zu Hiob erhält das lyrische Ich keine göttliche Antwort.

Heine nimmt in Strophe vier den Leser wieder mit ins Boot, erneut produziert er einen stockenden Zeilensprung, diesmal von Vers zwei zu drei. Der naive Ton der Vorstrophe wird aufgegeben zugunsten eines drastischen Bildes, das dem umgangssprachlichen „jemandem das Maul stopfen“ entspricht. Der Gedankenstrich sorgt für eine letzte Kunstpause vor der allerletzten Frage, die schließlich den Reim verweigert. Theoretisch würde die Kombination Handvoll-Antwort als Halbreim durchgehen, man spricht von einer Assonanz, weil die Laute an und o gleich sind, aber in diesem Fall ist das Anklingen der Assonanz so künstlich, dass sie eher eine Dissonanz ist.

Unterstützt wird der dissonante Eindruck des letzten Verses von einem Hebungsprall. Man kommt kaum drum herum das Wörtchen „das“ zu betonen und stößt damit auf die Hebungssilbe in „eine“. Das Schema wäre also XxxXXxXx statt wie sonst XxXxXxXx. Sämtliche Hebungssilben nutzen den Vokal a, was in dieser Häufung und im Zusammenhang mit der Frage einem Aufschrei gleichkommt.

Letztlich beklagt das lyrische Ich in diesem Gedicht, dass den Lebenden keine Antwort von Gott auf all das Schlechte im Leben zuteil wird. Die Vertröstung auf das, was danach kommen soll, hilft nicht, denn der Mensch kann sich nur bis zu seinem Tod denken. Die vielfach verwandte Ironie lässt allerdings zweifeln, ob hier jemand wirklich an Gott glaubt oder seine Fragen aus der Sicht des Ungläubigen stellt, der am Leben verzweifelt.

Das Gedicht stammt aus der letzten zu Heines Lebzeiten erschienenen Sammlung Gedichte 1853-1854, als Heine bereits einige Jahre Siechtum hinter sich hatte. Seit 1848 war er bettlägerig. Diese „letzten Fragen“ waren also nicht nur theoretische Spielerei. Bewundernswert an diesem Gedicht ist, wie viel Kunst in der scheinbaren Kunstlosigkeit des Textes steckt, der eine Abschussfahrt von der gehobenen Sprache (Parabolen, Hypothesen) bis in die Gossensprache (das Maul stopfen) inszeniert. Und das wiederum passt zur Kernaussage des Gedichtes, nämlich dass am Schluss alle Masken fallen.

Autor: Hans-Peter Kraus (Kontakt)
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Interpretationen im Web:

Bei noberto42 wird das Gedicht ausführlich seziert. Die Analyse ergänzt sich gut mit der Interpretation hier. Als Bonus gibt es viele Links zu Hintergrundinformationen.